dir das sehr gut gemerkt , liebe Pekala , « sagte ich , um sie von ihrem Schmerze abzulenken . Sie strich die Thränen fort , ließ den Schleier wieder nieder und antwortete : » Ich bin dann sogleich draußen vor seiner Thür stehen geblieben und habe die Worte auswendig gelernt , um sie niemals zu vergessen . « » War das alles , was er sagte ? « » Alles ! Aber war das nicht genug , mehr als genug , Effendi ? Muß es nicht fürchterlich für einen Menschen sein , zu wissen , an welchem Tage er sterben werde ? « » Noch ganz anders ist es , wenn ein Mensch weiß , daß er gestorben ist ! « » Das ist unmöglich . Kann er denn leben und doch wissen , daß er tot sei ? Aber daß es Leute giebt , welche ihren Sterbetag voraus wissen , das habe ich schon oft gehört . « » Kein Mensch kann ihn wissen , kein einziger , außer er will zum Selbstmörder werden . Gott hat sich die Bestimmung dieses Tages vorbehalten und wird entweder in seiner Güte oder in seiner Gerechtigkeit die Entscheidung treffen . « » Aber der Ustad weiß ja doch den seinen ! « » Nein , auch er nicht ! « » Hast du nicht soeben seine eigenen Worte gehört ? « » Du deutest sie falsch . Du hast das Wörtchen war mit dem Wörtchen ist verwechselt . « » Das verstehe ich nicht , Effendi . « » Denke nach , und erinnere dich genau ! Hat er gesagt : Mein Sterbetag war heute . Oder sagte er : Mein Sterbetag ist heute . War oder ist ? Hierauf kommt es an . « » Ich weiß es : war heute ; so sagte er . « » Also hat er nicht ein zukünftiges sondern ein schon vergangenes Sterben gemeint . Es ist das ein tiefes , tiefes Wort von ihm gewesen , und ich wundere mich nicht darüber , daß du dich in seiner Deutung irrtest . « » Also meinte er , daß er schon gestorben sei ? « » Ja . « » So war sein Wort ein Rätsel ! « » Allerdings . « » Wer kann es lösen ? Ich nicht ! « » Ich auch nicht . Kein anderer Mensch kann es lösen , als nur er allein . Wem der Tod oder vielmehr das Sterben überhaupt ein Rätsel ist , dem wird der wahre Todestag , die eigentliche , wirkliche Zeit des Sterbens , ganz gewiß erst recht verborgen bleiben . Es giebt nur wenige , sehr wenige Menschenkinder , welche wissen , warum und wo und wie und wann man stirbt . Man kann körperlich leben und geistig oder seelisch doch gestorben sein . Und wie das Eine möglich ist , so auch das Andere . Auch Isa Ben Marryam , den wir den Heiland nennen , verlangt vom Menschen , daß er neu geboren werde . Wer hat da aber zu sterben ? Die Bibel antwortet : Der alte Adam . Wer ist das ? Du siehst also , daß die christliche Religion ein Sterben und Geborenwerden mitten in diesem unsern gegenwärtigen Leben von uns fordert . Hierin liegt eine der verschiedenen Weisen , in denen das Rätsel des Ustad gelöst werden kann . Für ihn ist es schon längst kein Rätsel mehr . Denn wer da weiß , daß er gestorben ist , und sogar den Tag genau kennt , an welchem es geschah , der schaut nicht mehr in ein trügerisches Dämmerlicht , sondern vor seinen Augen liegt der helle Tag in seliger Klarheit ausgebreitet . « Ich hatte mich an den Tisch gesetzt und zu Messer und Gabel gegriffen ; da erscholl vom Rande der Lichtung her die Stimme » unseres Kindes « : » Der Ustad kommt . Ich trete auf die Seite . « Er zog sich hinter die Bäume zurück . Ich wollte wieder aufstehen , aber Pekala bat mich : » Thu nicht , als ob du es weißt ! Er wird sich gewiß freuen , dich essen zu sehen . « Da begann ich denn , zuzulangen . Tifl hatte ihn gewiß schon von weitem bemerkt , denn es dauerte längere Zeit , ehe er erschien . Nun , als er auf die Lichtung trat , legte ich das Besteck natürlich wieder weg . So , wie jetzt er , war wohl auch Abraham einst einhergeschritten , wenn er im Haine Mamra wandeln ging . Und seine Gäste hatten ihm in solcher Ehrfurcht entgegengesehen , wie ich sie fühlte , als dieser Patriarch der Kurden sich mir näherte . Aus seinen Augen schaute mich die Seelengüte an , und mir war es , als ob ich meine Arme um ihn schlagen müsse , um ihm zu sagen , daß ich ihn nie , niemals verlassen möchte . Ich wollte sprechen , um ihm zu danken . Er sah das und veranlaßte mich durch eine kleine , stille Handbewegung , dies nicht zu thun . Sein Blick überflog den Tisch und blieb auf der unbenutzten Serviette haften . Dann sah er mich mit einem lieben , lieben Blicke an . Er hatte mich durchschaut . » Es war eine Segenshand , die dieses Speisetuch mit vielen , vielen Stichen für mich säumte , « sagte er . » Es war am Tage , da ich einstens starb , da schenkte sie es mir . Nun nehme ich es in die meinige von Jahr zu Jahr , wenn ich das stumme Gedächtnismahl des eigenen Todes halte . Warum steht heut derselbe Tisch für dich gedeckt ? Ich liebe dich und habe dich erkannt . Du bist derselbe , der ich einstens war , in jener Zeit , da ich noch suchen ging . Es lebt der Geist in dir , der damals mich verführte , ihn für den Geist des Weltenalls zu halten . Und