welcher glaubt , die Gnade müsse ihm gehorchen . Sobald ich die Hand hebe , giebst du ihm eine Kugel in den Kopf , genau in die Stirn . Paß auf ! « Der Krieger hielt den Lauf auf den Scheik , zielte und legte den Finger an den Drücker . Hierauf richtete der Hadschi sein Wort wieder an Tawil : » Du siehst die Folgen deines Verhaltens . Ich gebe dir zwei Minuten Zeit . Hast du bis dahin noch nicht gesprochen , so hebe ich die Hand . « Es trat eine tiefe Stille der Erwartung ein . Die Hälfte der Frist verlief ; dann aber wirkte die Drohung . » Nehmt die Flinte weg ! « bat der Scheik . » Du willst Gnade ? « fragte Halef . » Ja . « » Du willst ? « » Ja . « » Das Wollen ist noch kein Bitten ! « » Allah zerschmettere euch mitsamt dieser Flinte ! So sei es denn : Ich bitte um Gnade ! « Da senkte der Haddedihn das Gewehr , und der Hadschi lachte : » So war es recht , oh Scheik der Beni Khalid ! Aber ich will dir trotzdem mitteilen , daß ich das Zeichen auf keinen Fall gegeben hätte . Es war ja beschlossene Sache , auch dich laufen zu lassen . Ich wollte nur hören , wie es klingt , wenn ein Scheik um Gnade bittet . « Tawil antwortete hierauf kein Wort und schenkte von jetzt an keinem einzigen von uns einen Blick . Als er losgebunden worden war , stand er auf , ging nach der Stelle , wo sein Gewehr lag , hob es auf , schritt zu seinem Kamele hin , setzte sich in den Sattel , gab ihm das Zeichen , sich zu erheben , und ritt fort . Wir sahen ihm ebenso still nach . Fast war er so weit gekommen , daß er um den Fuß der Düne biegen und dann verschwinden mußte , da lenkte er um , kam im schnellen Laufe wieder hergeritten , hielt vor uns an , maß uns mit stolzen , grausam kalt blickenden Augen und sagte , indem er seine Hand zum Schwure hoch erhob : » Auch ich habe über eure Liebe gelacht und lache jetzt noch über sie . Zwischen mir und euch giebt es nichts als nur die Rache ! Ich schwöre bei Allah , beim Propheten , bei den Khalifen und bei der heiligen Kaaba : Die Wüste , welche hier um uns liegt , richtet zwischen mir und euch . Entweder verlaßt ihr oder verlasse ich sie nicht ! Ihr seid fünfzig und ich bin nur einer ; aber in den Augen der Rache zähle ich ebenso viel wie ihr . Ich rufe die Wüste auf , sich entweder für euch oder für mich zu öffnen ! Von diesem Augenblicke an gähnt zwischen uns ein Grab . Wen es aufnehmen soll , ob mich oder euch , das mögen die entscheiden , bei denen ich geschworen habe ! « Schon stand er im Begriff , sein Kamel zu wenden , da stieß er noch ein spöttisches Lachen aus und fügte hinzu : » Oder mag das auch die Liebe entscheiden , die eure angebetete Götzin ist ; ich habe nichts dagegen ! « Hierauf ritt er fort , ohne sich noch einmal umzusehen . Wir blickten ebenso wortlos wie vorhin hinter ihm drein . So ein Schwur ist eine eigene Sache ! Es wäre einem jeden von uns jetzt unmöglich gewesen , die eingetretene Stille durch ein alltägliches Wort zu unterbrechen . Man hatte da eine so unbeschreibliche , andachtsähnliche Empfindung , daß ich , wenn ich Muhammedaner gewesen wäre , gesagt hätte : » Die angerufenen Geister von Muhammed und seinen Nachfolgern stehen unsichtbar um uns her , um zwischen uns und ihm zu entscheiden ! « So war es nicht nur mir , sondern den andern auch . Einige der Haddedihn nahmen sich der verwundeten Militärkamele an , und die andern thaten , was an den Leichen der Soldaten zu thun war , und das alles geschah , ohne daß man ein lautes Wort hörte . Diese Heiligkeit der Situation , möchte ich es nennen , hatte ihren obersten Grund natürlich in dem Umstande , daß überall , wo der Tod einzieht , sich mit ihm auch jene fromme Scheu , jenes andächtige Grauen einfindet , über dessen Ursache sich so wenige Menschen klar werden . Und doch ist es etwas so sehr Einfaches ! Der Mensch scheint , so lange er lebt , sein eigener Herr zu sein . Er kann thun und lassen , was ihm beliebt ; er kann glauben oder bezweifeln , was er will ; er kann gut oder böse handeln , ganz , wie er sich entschließt ; er ist ja überhaupt derjenige , auf den alles ankommt . Da plötzlich streckt sich die Hand des Todes nach ihm aus , und der Tod ist das Gericht . Der » Herr und Gebieter « liegt im Staube vor Gott , dem einzigen Herrn , außer dem es keinen andern giebt . Er hat nun plötzlich Rechenschaft abzulegen über sein ganzes Leben . Er besitzt nicht die Spur eines Willens mehr ; er muß sich fügen . Jede Sekunde seines Lebens tritt als Zeugin für oder gegen ihn auf , und er muß das ruhig geschehen lassen . Der Herrgott hält Gericht ; zu seinen Seiten sitzen die Gerechtigkeit und die Gnade . Tief vor ihm hingestreckt liegt auf seinem Gesichte der zu Richtende , am ganzen Leibe zitternd im Gefühle seiner Ohnmächtigkeit . Er kann nichts , nichts mehr für sich thun . Wer wird nun das entscheidende Wort sprechen , die Gnade oder die Gerechtigkeit ? Gehe während der Verhandlung in einen Gerichtssaal ! Du wirst unwillkürlich leise auftreten und auch leise sprechen . Warum ? Du kannst nicht anders ; die Ehrfurcht vor dem Gesetz , vor