, der blaue Grund begann sich zu lichten , und der Morgen kam , strahlend in Schönheit , mit Glanz und Duft . Und da fuhren sie nun , während Amalfi und das Meer in der Tiefe langsam entschwanden , über die herrlichste aller Straßen empor , Gundi Kleesberg in neugespannter Erwartung , wie von einem Freudentaumel befallen , und Kitty versunken in genießendes Staunen und in ihre stillen Gedanken . Langsam stieg der Weg zwischen den niederen Mauern der Zitronengärten , eröffnete für Augenblicke eine wundersame Fernsicht über die im Duft des Morgens blauende Küste von Salerno und lenkte mit klimmenden Serpentinen in das stundenlange Tal von Atrani ein . Der Straße zu Füßen lagen wie ein grüner , welliger See die ununterbrochen aneinandergereihten Orangenhaine , deren Bäume zugleich mit den roten Früchten die weißen Blüten trugen , das weite Tal mit herbem Wohlgeruch erfüllend . Verstohlen lugten aus dem Grün die Dächer einzelner Villen hervor ; und über den höchsten Häusern , die wie weiße Punkte waren , schob sich ein Felshügel hinter dem andern hervor , immer ärmer an Grün , bis hinauf zu den kahlen Schrofen , mit denen der Mont ' Angelo seine wuchtige Zinne in den Himmel streckt . Da droben waren nur noch die beiden Kontraste zu sehen : blendendes Sonnenlicht und blau verschwommener Schatten . Im Wagen , der bei sachtem Trab der Pferde über die Straße emporrollte , war seit dem begeisterten Entzücken , in das die Kleesberg beim Anblick von Atrani ausgebrochen , keine Silbe mehr laut geworden . Kitty blickte mit trinkenden Augen über das schöne Tal , und in Tante Gundi schien , je mehr man sich der Höhe von Ravello näherte , um so merklicher jener Zustand der Unruhe wieder zu erwachen , der sie während der vergangenen Reisetage bei jeder Ankunft an einem neuen Ort befallen hatte . Aus solcher Stimmung fuhr sie einmal auf und atmete tief , weil sie den Wohlgeruch empfand , der die Luft erfüllte . » Ach , dieser Duft ! Orangenblüten und Myrte ! « Zärtlich legte sie den Arm um Kittys Schultern . » Denk ' nur , Kind , ich habe immer die Vorstellung , als wär ' ich in der Kirche und hätte ein geschmücktes Bräutlein vor den Altar zu führen . « Es zuckte schmerzlich um Kittys Mund . Der Wagen bog in die letzte , steile Serpentine ein , auf deren Höhe sich schon der Campanile von Ravello und die brüchigen Zinnen des maurischen Tores zeigten . Neben der Straße erhoben sich die Trümmer einer alten , aus gewaltigen Blöcken gefügten Festungsmauer , und hinter diesen Klötzen erschien eine Ruine mit geborstener Kuppel ; wirr verwobenes Schlinggewächs rankte sich um das graue Gemäuer , und leuchtend hingen die Blumen zwischen dem Grün . Gundi Kleesberg ließ den feuchten Blick über Tag und Höhe gleiten . » Wie schön ! Das alles hat Gott erschaffen , damit sich die Menschen ihres Lebens freuen möchten ! Aber das wollen die Schafsköpfe nicht erkennen ! Da zerstört der eine das Glück , das ihn der Himmel finden ließ , und der andere hat nicht den Mut , nach dem Geschenk zu greifen , das Gott ihm bietet , und macht sich elend fürs ganze Leben ! « Kitty sah verwundert auf . » Tante Gundi ? « » Ja , Kind ! Sieh mich nur an ! Mich altes , zweckloses Geschöpf ! Auch ich war einmal jung wie du ! Auch zu mir kam das Glück . Aber ich war zu feig , um es festzuhalten ! Und ich hätte , um meinem Leben Inhalt und Wert zu geben , nur ein einziges Wort zu sprechen brauchen - ein Wort , wie es dein Bruder Tas zu seinem Vater sprach ! « Blässe rann über Kittys Gesicht . » Und nun sieh mich an , Kind ! Mich mit meinen Runzeln unter der Schminke ! Mich ! Mit allem , was über ein Frauenherz kommen kann an Schmerz und Reue ! Nimm dir eine Warnung an mir ! Du bist jung , bist schön und so herzensgut ! Du verdienst das Glück . Wer weiß , ob es dir nicht begegnet bei deinem nächsten Schritt ? Wenn es vor dir steht und lächelt dich an mit treuen Augen , dann sei nicht feige Kind ! Greif zu mit beiden Händen ! Sage dir , daß das Glück alles andere aufwiegt , Name , Stellung , Besitz ! Sieh mich an , Kind ! Wie glücklich hätt ' ich werden können ! Und bei aller Reue liegt noch wie ein schwerer Stein der Vorwurf auf mir , daß ich durch meine Feigheit auch einen anderen fürs ganze Leben einsam machte . Einen herrlichen Menschen ! Ich bin ja viel zu bescheiden , um glauben zu können , daß ich ihm mehr geworden wäre als eine brave Frau , die ihm ein freundliches Haus geschaffen hätte - während er , der Begnadete , in seiner Kunst eine Stufe um die andere erstieg , bis zur Höhe des Ruhmes ! Wie glücklich wäre ich gewesen in meinem stillen Winkelchen ! Und hätte mit Stolz und Liebe zu ihm aufgeblickt - zu ihm , den alle Welt bewundert und verehrt ! « Erschrocken , von einer Ahnung durchzuckt , umklammerte Kitty Gundis Hand und stammelte : » Werner ? « Da hielt der Wagen auf der Piazza von Ravello . Aus der Kathedrale , deren Bronzetüren offen standen , tönte Gesang und Orgelspiel . Gundi Kleesberg hob wie eine Erwachende das Gesicht . » Hotel Palumbo ? « klang eine dünne Tenorstimme ; ein alter Mann , der eine schwarze Samtjacke trug und auch sonst wie ein verbummelter Maler aussah , trat an den Wagenschlag und war den Damen beim Aussteigen behilflich . Bei aller Erregung hatte Gundi Kleesberg doch einen staunenden Blick für die auffallende Reinlichkeit , die im Hofraum und Foyer der Pension Palumbo herrschte ; das Wunder klärte