hatte der Arzt einen so tapferen , heiteren , fügsamen Patienten gehabt , wie es Sender jetzt war , aber selten auch einen , der den gütigen Mann so oft zu seinem barschen Ton gezwungen . Dieser Gegensatz zwischen dem rührenden Glauben des Kranken und der herben Wirklichkeit ergriff ihn immer wieder tief . Die anderen aber freuten sich nur über die Wandlung und schöpften neue Hoffnung , auch der Pater und der Marschallik . Sollten sie dem Arzte mehr glauben , als ihren eigenen Augen ? Sender wurde ja zusehends wieder kräftiger , das Gesicht war leicht gerötet , die Augen glänzten , auch der Husten hatte fast ganz aufgehört ; freilich wurde der Atem kürzer , aber auch das gab sich wohl . Vor allem aber täuschten sie sein Mut , sein Selbstvertrauen über seinen Zustand hinweg . Nun war alles anders als früher ; jeder Besuch freute ihn , mit den Freunden sprach er auch von seinen Plänen ; nur kurz freilich , schon weil ihm der Arzt vieles Reden untersagt , aber aus jedem Wort klang felsenfeste Zuversicht . Frau Rosel empfand dies jedesmal als einen rechten Stich ins Herz , aber sie schwieg , ihre Zusage wollte sie halten . Auch las er nun wieder eifrig , und als er zum ersten Male das Bett verlassen konnte , schrieb er einen langen Brief an Nadler , worin er erzählte , wie es sich mit ihm gefügt , daß er nun auf dem Wege zur Genesung sei und bitte , ihn nicht zurückzuweisen , wenn er sich - hoffentlich bald - zum Antritt seines Engagements melde . Der Direktor erwiderte umgehend aus Lemberg : Sender werde ihm immer willkommen sein , und nun könne er ihm auch bessere Vorbilder bieten als in Czernowitz , er sei zum Direktor des Lemberger deutschen Theaters ernannt worden und übernehme im Herbst die Leitung . Sender war selig ; jeder der Freunde mußte den Brief lesen . » Bis zum Herbst bin ich ja längst gesund « , sagte er . » Der Herr Doktor hat es mir ja versprochen . « In der Tat hatte der Arzt zum mindesten nicht widersprochen , als Sender um Antwort gedrängt und sie sich dann selbst gegeben . » Im Herbst wollen wir dann weiter lügen « , dachte er mitleidsvoll , » wenn es noch nötig sein sollte - - « Laut aber sagte er : » Natürlich müssen Sie vorher nach Delatyn zur Molkenkur ! « Heilung konnte Sie Sender nicht mehr bringen , aber Erleichterung der Atemnot . Der Kranke war es zufrieden ; auf Mitte Juni war die Abreise festgesetzt . Aber nun erhob sich die Schwierigkeit , wer ihn begleiten sollte , denn der Arzt bestand darauf , daß er nicht allein gehe . Frau Rosel konnte von ihrem Posten nicht abkommen , auch hatte sie die Todesangst während Senders Flucht nicht recht verwunden und war in den letzten Monaten sehr gebrechlich geworden . Jütte ? Sie selbst wäre freilich auch dazu bereit gewesen , aber das verbot die Sitte . Auch Sender sah dies seufzend ein , sonst hätte er sich keine bessere Gesellschaft zu wünschen gewußt . Das Mädchen war ihm durch seine selbstlose Güte sehr teuer geworden , er liebte sie so recht wie eine Schwester . » Nüssele « , sagte er ihr einmal , » was hast du für ein golden Herz ! « Seit den Tagen seiner Krankheit duzten sie sich . » Darum verstehst und begreifst du auch alles - nur durchs Herz . Ich denk ' mir nur immer : wo nehmen wir einen Mann für dich her , der dich wert ist ! « Ihr war sehr weh , als er so sprach , aber sie bezwang sich . » So ein Mensch ist eben noch gar nicht geboren « , erwiderte sie , » und darum muß ich ledig bleiben . « » Behüte ! « erwiderte er lächelnd . » Er ist schon unterwegs . Wenn er kommt und ich bin nicht mehr da , dann will ich bei der Hochzeit nicht fehlen , und wenn ich aus Berlin oder Hamburg herreisen müßte . Mit einer großen Kiste voll Geschenken komm ' ich dann gefahren , Nüssele , und schau ' mir den glücklichen Menschen an , der das beste Weib auf der Erde bekommt . « Da wandte sie sich ab und ging rasch hinaus ; ihre Kräfte drohten sie zu verlassen . Außer dem Arzte wußte wohl sie am besten , wie es um Sender stand ; auch dies hatte ihr das Herz gesagt , das Herz , das ihn liebte . Schon war beschlossen , daß ein gemieteter Wärter Sender begleiten sollte , als das Schicksal für einen besseren Pfleger sorgte . Als Sender eines Nachmittags mit dem Marschallik auf dem Bänkchen vor dem Hause saß , unter dem Lindenbaum , fuhr der Alte plötzlich auf und rief , auf die Straße deutend : » Da ist ja der kleine , jüdische Spieler aus Borszczow . « Sender blickte auf , auch er erkannte Können sofort . Langsamen Schrittes , das Haupt gebeugt , kam der Kleine , ein Ränzelchen auf dem Rücken , dahergegangen . Als er Sender gewahrte , blieb er wie starr vor freudigem Schrecken stehen und eilte dann auf ihn zu . » Also Sie leben ! « rief er und faßte nach seiner Hand . » Sie leben ! « » Natürlich « , erwiderte Sender . » Nicht mein Geist . Fühlen Sie nur , Fleisch und Blut , wenn auch noch etwas wenig . Hat man mich tot gesagt ? « » Gottlob ! « rief der Kleine , ohne auf die Frage zu antworten , dann begrüßte er auch den Marschallik , der ihm freundlich die Hand drückte . Ohne seine Hilfe hätte er Sender in Borszczow kaum von Stickler losgebracht ; der Direktor hatte fünfzig Gulden Entschädigung verlangt und sich schließlich nur auf Könnens Vorstellung