sie sich auf den schicklichsten Ausweg und fragte Erikson mit höflichen Worten , ob sie ein Gegenstück zu dem Bilde bei ihm bestellen dürfe , das ebenso freundlich und friedlich auf das Auge wirke , so daß sie sozusagen für jedes Auge einen solchen Ruhepunkt hätte , wenn sie an ihrem Schreibtische säße , über welchem sie die Bildchen aufzuhängen gedenke . Dieser optische Unsinn erweckte eine vergnügliche innere Heiterkeit des Malers , und obgleich er hergekommen war , um eine Verminderung statt Vermehrung der Arbeit zu erzielen , bejahte er natürlich die Frage in verbindlicher Weise , worauf aber die Witwe plötzlich die Unterhaltung abbrach und den Maler mit zerstreutem Wesen entließ . Diesen bisherigen Verlauf hatte uns Erikson am Abend des gleichen Tages als hübsches Abenteuer selbst erzählt ; in der folgenden Zeit aber kam er nicht mehr darauf zurück , sondern beobachtete über den Gegenstand ein sorgfältiges Schweigen . Wir errieten trotzdem an einem Zeichen , wie es stand , als er eines Tages , von dem fertiggewordenen zweiten Bildchen sprechend , nicht vermeiden konnte , der Bestellerin zu erwähnen , und sie dabei unvorsichtig bei ihrem Taufnamen Rosalie nannte . Wir andere sahen uns schweigend an ; denn wir mochten ihn als aufrichtige Freunde , die ihm verdientermaßen zugetan waren , auf seinen Wegen nicht stören . Selbst einer reichen Brauersfamilie entsprossen , war das junge Mädchen in Befolgung einer alten Hauspolitik dem Bräuherren verbunden worden , da die Grundlage des klassischen Nationalgetränkes an sich von öffentlicher Bedeutung und wichtig genug war , derartige Überlieferungen zu tragen . Nachdem aber der kräftige Bräuherr unversehens von einem gefährlichen Fieber dahingerafft worden , sah sich die Witwe mit einem Schlage in volle Freiheit und Selbständigkeit versetzt , mit welcher sich das inzwischen gereifte Bewußtsein der Person verband . Mit jener außergewöhnlichen Schönheit begabt , die ebenso selten als dann auch vollkommen erscheint , von innen heraus zugleich von dem Bedürfnis harmonischen Lebens beseelt , hatte sie sich zunächst mit den leichten und doch starken Schranken ruhiger Absichtslosigkeit , ja Resignation umgeben , um jeder Reue bringenden Übereilung und Gewaltsamkeit aus dem Wege zu gehen , wahrscheinlich aber doch mit dem Vorbehalte entschiedener Wahl , sobald die rechte Stunde käme . Diese war mit der Erscheinung Eriksons unvermutet da ; in Erkennung oder Ahnung derselben hatte Rosalie den ersten Augenblick nicht verscherzt , nachher aber mit aller Ruhe und Umsicht sich weiter benommen . Sie wußte Erikson nach und nach Gelegenheit zu geben , mit allerlei Rat bei ihr zu erscheinen ; das gab sich ungezwungen von selbst , da sie in der Tat begriffen war , die zufällige und bunte Art ihres Hausrates und Wohnsitzes umzuwandeln , zu vereinfachen und doch zu bereichern . Mit geheimer Freude bemerkte sie die ruhige Sicherheit in Eriksons Auskünften und Hilfeleistungen und wie er ganz an seiner Stelle schien , wenn er über Mittel und Raum in zweckmäßiger Weise verfügen konnte . Daß er von guter Familie und Erziehung war , blieb ihr nicht verborgen , soweit sie das aus eigener Erfahrung zu beurteilen vermochte , und so ging sie Schritt für Schritt weiter in der Absicht , den Bären zu fangen , dessen Gefangene sie schon war . Sie zog mehr Gäste herbei , um ihn öfter einladen zu können und ihn bei Tische zu sehen ; auch veranlaßte sie ihn , Freunde bei ihr einzuführen , so daß ich ebenfalls ein- oder zweimal in ihr Haus geriet , wobei es mir zustatten kam , daß ich nach dem Wunsche meiner Mutter mich immer noch im Besitze eines geschonten Sonntagskleides befand . Unsern Freund Lys hingegen brachte er kein einziges Mal hin , des verschlossenen Albums wegen , wie er mir anvertraute , was ich mit ernster Miene billigte . Ich glaube beinahe , daß ich eine Art pharisäischer Eitelkeit über meine Bevorzugung beherbergte und mir etwas darauf zu gut tat , daß ich noch nie durch Reichtum , Freiheit , Weltkenntnis und geeignete Persönlichkeit in die Lage gekommen war , die eigene Tugend zu bewähren . Denn meine frühen judithischen Abenteuer brachte ich keineswegs in Anschlag ; ich lebte auf jenem Punkte , wo man die sogenannten Kindereien für geraume Zeit vergessen und in selbstgerechter Härte alles verurteilt , was man noch nicht erfahren hat . Als jetzt das Künstlerfest vorbereitet wurde , standen die Sachen zwischen Rosalie und Erikson so , daß jene halbwegs als seine Partnerin daran teilnehmen konnte , wie man etwa der Einladung zu einem Balle folgt . Auf einem andern Wege wandelte Lys , um seine Festgefährtin zu holen . In einem altertümlichen Teile der inneren Stadt , auf einem kleinen Seitenplatze , stand ein schmales Haus , von geschwärztem Backstein erbaut und nur drei Stockwerke hoch , jedes nur von der Breite eines einzigen , freilich ansehnlichen Fensters . Nicht nur die Fenster waren reich in ihrer Einfassung gegliedert , sondern in die Höhe laufend unter sich mit Zierat verbunden , der wiederum verdunkelte Mauergemälde einfaßte . So bildete das Haus einen kleinen Turm oder vielmehr ein schlankes Monument , wie etwa Künstler vergangener Jahrhunderte mit besonderer Liebe für sich selber erbaut haben . Über der Haustüre reichte ein Marienbild von schwarzem Marmor , das auf einem vergoldeten Halbmonde stand , bis zum ersten Stockwerke , und an der Türe glänzte noch der ursprüngliche Türklopfer , der ein kühn sich hinausbiegendes Meerweibchen darstellte . Das untere Gemälde über dem ersten Fenster enthielt den Perseus , wie er die Andromeda von dem Drachen befreit , dasjenige über dem zweiten Fenster den Kampf des heiligen Georg , der die libysche Königstochter aus der Gewalt des Lindwurmes erlöst , und auf die spitze Giebelmauer war der Engel Michael gemalt , der zugunsten der Jungfrau über der Haustüre ebenfalls ein Ungeheuer mit seiner Lanze niederstieß . Vor vielen Jahren , als solche Denkmäler wie dies zierliche Häuschen verachtet und niedergerissen oder übertüncht wurden , hatte ein kleiner Baumeister dasselbe für wenig Geld an sich gebracht , sorglich erhalten