den Kriegsrath mit seiner Frau zu finden , unterließ man es öfter , dieselben zu den Gesellschaften aufzufordern . Beide Eheleute empfanden das sehr bitter , aber wenn Herr Weißenbach geneigt war , sein Schicksal über sich zu nehmen , so war Laura anderer Ansicht . Was sie entbehren mußte , gewann einen doppelten Reiz für sie , und das Verlangen , wiederzugewinnen , was sie einst besessen hatte , die galante Freundschaft ihres alten Gönners und die darauf begründete gesellschaftliche Geltung , regte sie zu neuen Anstrengungen und Unternehmungen auf . Sich zurückzuziehen , weil das Glück sich von ihr wendete , war nach ihrer Meinung eine Schwäche , deren eine gescheite Frau sich nicht schuldig machen durfte . Wenn man den Leuten nicht mehr durch die Freundschaft des Präsidenten wichtig scheinen konnte , so mußte man suchen , ihnen das Haus in anderer Weise angenehm zu machen , und mit etwas mehr Aufwand , als man bisher getrieben hatte , ließ sich das wohl bewerkstelligen . Freilich wohnte man , seit Herbert einen Theil der Zimmer inne hatte , nicht mehr so gut und bequem , als früher , und auch die Handwerker ließen sich nicht mehr so leicht als sonst mit Versprechungen vertrösten . Aber man mußte nur Muth haben , nur gewisse tägliche Gewohnheiten ablegen , auf deren Entbehrung es ja für Menschen , die einen bestimmten Zweck im Auge hatten , nicht ankommen konnte ; man mußte nur zeigen , daß man immer noch wohlauf , daß man aus eigenen Mitteln unabhängig sei , um seine alte Stellung zu behaupten und um dem Präsidenten zu beweisen , daß es kein Eigennutz , sondern Freundschaft , reine Freundschaft sei , wenn man nicht aufhöre , eine Annäherung an ihn zu suchen , und sich Mühe gebe , die alten Beziehungen wieder anzuknüpfen . Laura hatte übrigens mit dem Kriegsrathe jetzt ein leichtes Spiel . Ein Mann , der sein Selbstgefühl aus der Anerkennung gezogen , welche Andere ihm zollten , wird haltlos , wenn ihm diese fehlt ; und unfähig , in sich selber zu beruhen , wird er leicht dahin gebracht , sich fremdem Willen unterthan zu machen , wenn er durch diesen hoffen kann , die ihm entschwundenen Vortheile wiederzugewinnen . Der Kriegsrath war ein bedächtiger Mann , ein überlegender Haushalter gewesen , so lange er sich in seinem Amte geachtet wußte und so lange er seine Einnahmen und Ausgaben in strengem Gleichgewichte zu erhalten vermocht . Jetzt , da dies nicht immer gelingen , da die Abschlüsse seines Buches sich nicht mehr so sicher wie seine amtlichen Cassen-Abschlüsse gestalten wollten , konnte er den Anblick seines Haushaltsbuches nicht mehr ertragen , und weil ihn die Gewißheit peinigte , daß er mehr verbrauchte , als er sollte , hatte er es allmählich aufgegeben , seine Ausgaben zu verzeichnen und seine Rechnungen zu machen . Heimliche Angst , drückende Zweifel konnte er ertragen ; aber Zahlen waren sein Leben lang ihm Freude und Genuß gewesen ; Zahlen als Ankläger vor sich zu sehen , das ging über seine Kräfte , und sich wieder mit den Zahlen seiner Bücher auszusöhnen , war Alles , wonach er trachtete . Er war zu jeden Entbehrungen , er war sogar bereit , seiner Laura , wie sie es verlangte , die Verwaltung seines Einkommens zeitweilig ganz zu überlassen , nur mit seinen Zahlen sollte sie ihn versöhnen , denn die Zahlen standen vor ihm auf in regelrechter Reihe , und starrten ihn an und riefen nach Ausgleichung , und er konnte ihnen und konnte sich nicht helfen , wie auch die Angst und Scham ihm die bleich gewordenen Wangen rötheten . Die Summe der einen Seite wuchs immer weiter über die Summe der anderen Seite hinaus , und weder Laura ' s Vertröstungen noch ihre kühnen und zuverlässigen Hoffnungen vermochten das zu ändern . Seit Jahr und Tag hatte sie ihn darauf hingewiesen , daß ihnen einmal von dem Freiherrn eine nachhaltige Hülfe und Befreiung kommen müsse . Allerdings war die Theilnahme , welche derselbe für seinen Sohn bezeigte , niemals eine persönliche und keine lebhafte gewesen . Er hatte niemals selbst nach Paul gefragt ; in allen den Verhandlungen , welche der Caplan mit der Kriegsräthin gepflogen , war des Freiherrn Name nie erwähnt , und es war für Paul auch außer der durch den Caplan regelmäßig besorgten Pensionszahlung weiter nichts gethan worden . Sie hatten die Schulzeugnisse des Knaben dem Caplan eingeschickt , hatten von diesem die immer wiederholte Weisung erhalten , ihn streng und einfach zu erziehen und wohl darauf zu achten , zu welchem Berufe Paul ' s Anlagen und Neigungen ihn führen könnten , da er für sich selber einzustehen haben werde . Nichts desto weniger war , wie Laura es ihrem Manne aus einander setzte , der Freiherr ihnen , die sie ihm sein Geheimniß so wohl bewahrten , ganz entschieden hoch verpflichtet , und daß endlich in dem Vater die Stimme des Blutes und des Herzens einmal für den Knaben sprechen , daß er endlich doch einmal kommen werde , selbst nach ihm zu sehen , daß der Anblick des ihm so gleichen Sohnes ihn bewegen , daß er ihnen danken werde , was sie für Paul gethan , das war für Laura über jeden Zweifel sicher . Man mußte nur warten , es nur mit Anstand durchhalten bis zu dem rechten Augenblicke , dann konnten die Folgen ihres einstigen raschen Entschlusses gar nicht fehlen , dann mußte der Kriegsrath die reichen Früchte ihrer Gutthat ernten und dann würde er auch eine neue Bestätigung ihrer Behauptung erhalten , daß er sich immer am besten stehe , wenn er dem Rathe seiner klugen und voraussichtigen Laura folge . Die Nachricht , daß der Freiherr in der Stadt sei , hatte Laura natürlich in eine große Aufregung versetzt . Alle die Plane , welche sie gehegt , standen jetzt an der Grenze ihrer Verwirklichung . In jedem Augenblicke erwartete sie , eine Benachrichtigung von