adieu , ma petite ! schwang sich auf sein Pferd und ritt davon . Der Oberst Montbert machte sein Versprechen mit dem Rennthierschlitten nicht wahr ; sein Töchterchen wartete und wartete auf den Schlitten und auf den Vater , bis sie ein großes Mädchen war , aber Schlitten und Vater kamen nicht . Marie war ein großes schönes Mädchen geworden , so schön , daß sie in der ganzen Nachbarschaft nur die schöne Marie hieß . Sie war auch ein gutes Mädchen , mit einem Herzen , daß sich mit den Fröhlichen freuen und mit den Leidenden weinen konnte . Ihr einziger Fehler war eine allzu lebhafte Phantasie , ein Hang für das Außerordentliche , Wunderbare - das Erbtheil ihres Vaters , des französischen Reiterobristen , dessen abenteuerlustiger , phantastischer Sinn , wie Monsieur d ' Estein behauptete , nah an Wahnsinn gestreift hatte . Der Frau Hauptmann und Monsieur verursachte die Charaktereigenthümlichkeit ihres Pfleglings viel schwere Sorge , besonders Monsieur , dem bei seiner herben , nüchternen Sinnesart alles Phantastische ein Gräuel war . Das Mädchen darf keine Zeit zum Träumen haben , pflegte er zu sagen ; sie muß denken und handeln lernen . Sie muß in der schweren Prosa des Lebens ein Gegengewicht gegen ihre bunte Traumwelt haben . In spanischen Schlössern kann kein Mensch wohnen . Nach diesen Maximen entwarf er einen Erziehungsplan für die kleine Marie , dessen Zweckmäßigkeit Frau Hauptmann trotz der unbegrenzten Achtung , die sie vor Monsieur ' s Verstand und Charakter hatte , niemals recht einleuchten wollte . Marie sollte in den einfachsten Kleidern gehen , wie die Kinder kleiner Handwerker ; sie sollte jede häusliche Arbeit verrichten lernen , und als sie erwachsen war , trieb Monsieur die Consequenz gar so weit , daß er sie zu einer achtbaren Putzmacherin in die Lehre gab - man konnte ja nicht wissen , ob ihr das in ihrem späteren Leben nicht noch recht nützlich würde . Frau Hauptmann schüttelte zu dem Allen den Kopf ; aber sie söhnte sich auch wieder mit Monsieur ' s Handlungsweise aus , wenn sie bedachte , wie gut er ' s doch meinte , und besonders , wenn sie sah , wie trefflich das Mädchen dabei gedieh , wie es mit jedem Tage klüger und schöner wurde und in seinem bescheidenen Kattunkleidchen und dem einfachen Strohhütchen feiner und vornehmer aussah wie eine Geheimerathstochter . Frau Hauptmann war stolz auf das Mädchen ; sie selbst hatte nie Kinder gehabt , aber sie meinte , daß sie ein eigen Kind nicht mehr geliebt haben würde . Und war sie denn nicht des Kindes Mutter ? hatte sie es nicht in gesunden Tagen gehegt und in kranken gepflegt ? und hing es dafür nicht an ihr mit so zärtlicher Liebe , wie nur eine Tochter an ihrer Mutter hangen kann ? Frau Hauptmann war ordentlich eifersüchtig auf diese Liebe ; sie hatte so wenig Liebe in ihrem Leben erfahren ! und sah es gar nicht so ungern , daß Marie zu ihr offenbar mehr Zutrauen und Liebe hatte , als zu ihrem Pflegevater . Aber dieser war seinerseits nicht weniger eifersüchtig ; ja , es kam Frau Hauptmann manchmal vor , als ob Monsieur noch andere als väterliche Empfindungen gegen die schöne Nichte hege und als ob seine Erziehungsmethode , die Marie ganz in den kleinen Kreis der Häuslichkeit bannte , nicht blos durch pädagogische Rücksichten bestimmt sei . Monsieur war um diese Zeit erst vierzig Jahre alt . Es war dies kaum mehr als der Schatten eines Verdachtes , dem aber die folgenden Ereignisse Körper gaben . Eines Abends - es war an einem Sonntag - kam Monsieur von dem Spaziergang , den er mit Marie in den Park gemacht hatte , sehr verstimmt nach Hause . Auch Marie schien aufgeregt und hatte die Spur von Thränen in ihren schönen Augen . Sie ging gleich nach dem Abendessen zu Bett , und Frau Hauptmann bat Monsieur nun so lange , zu erzählen , was sich ereignet , bis er ihr endlich willfahrte . Marie und er waren in traulichen Gesprächen in den schattigen Gängen des Parks auf- und abgewandelt , und endlich in eine der Gartenrestaurationen getreten , weil Monsieur dem durstigen Kinde ein Glas Limonade reichen lassen und bei der Gelegenheit selbst ein Gläschen Liqueur trinken wollte . Sie hatten kaum Platz genommen , als zwei Herren , die vorher weiter weg gesessen hatten , sich an dem Tischchen dicht neben ihnen niederließen . Monsieur , der den Herren den Rücken zukehrte , beachtete sie nicht weiter und wurde erst auf sie aufmerksam , als er sah , daß Marie , während er mit ihr sprach , einen halb verlegenen , halb neugierigen Blick neben ihm vorbei nach jener Richtung warf . Er wandte sich um , zu sehen , was es gäbe . Es war ein auffallend schöner Mann - Monsieur konnte das trotz all seines Aergers nicht leugnen - eine hohe , ritterliche Gestalt , ein herrlicher Kopf , ein edles , wenn auch etwas verwüstetes Gesicht , große , dunkelblaue Augen , die vornehm und freundlich zugleich blickten , als der Herr jetzt den Hut ziehend , in sehr gutem Französisch - Monsieur und Marie hatten , wie gewöhnlich , französisch gesprochen - fragte : ob es ihm und seinem Begleiter vergönnt sei , sich der Gesellschaft von Monsieur und Mademoiselle anzuschließen ? Nun war Monsieur der höflichste Mensch von der Welt ; aber , behauptete er , es habe in dem Wesen des vornehmen Herrn ein Etwas gelegen , das ihn sofort mit tiefem Widerwillen gegen denselben erfüllte , und er habe deshalb kurz und trocken geantwortet , daß er und Mademoiselle vorzögen , allein zu bleiben . Es hatte darauf einen kurzen Wortwechsel zwischen ihm und dem Fremden gegeben , der damit endete , daß er selbst aufstand und , um der Sache ein Ende zu machen , Marie aus dem Garten führte . Von diesem Abend an datirte sich eine merkliche