ihren Kindern das Evangelium nicht bloß gelehrt ; sie hat es ihnen auch vorgelebt . Mehr kann keine Mutter tun . « - Orest war nach Ostende gegangen . Er behauptete , angegriffene Nerven zu haben , welche durch Seebäder gestärkt werden müßten . Er war auch ein paar Tage dort ; dann fuhr er hinüber nach der Insel Wight , wo sich Judith von der Saison in London etwas erholte . Sie empfing ihn sehr freundlich . » Sie sind ein recht treuer Mensch , Graf Orestes , « sagte sie und gab ihm huldreich ihre schöne Hand . » Ich wüßte nicht , was ich im Menschen höher schätzte als die Treue . Man nennt die Männer so oft treulos ! Sie sind eine glänzende Ausnahme und ich darf stolz sein , einen so treuen Freund zu haben . « Sie fürchtete zuweilen , er könne seines Joches überdrüssig werden und es abschütteln ; darum legte sie hie und da Freude an ihm und Freundschaft für ihn an den Tag ; aber mehr nicht . Dann rief Orest : » Bei Ihnen ist mir wohl , kann ich leben , atmen , denken , wollen , wünschen , hoffen - kann ich Mensch sein ! « rief er und atmete tief auf und fuhr mit den Händen über seine Stirn und durch sein Haar , wie jemand , der sich von schwerer Anstrengung erholt . » Ist Ihnen wirklich so zu Mut oder spielen Sie mir eine kleine Komödie vor ? « fragte Judith nachlässig . » Wir Schauspielerinnen denken gar leicht an Komödie . « » Wie soll ich Ihnen die Überzeugung beibringen , daß es keine sei ? « rief er aufgeregt . » O Graf Orestes , « erwiderte sie kalt und hoch , » es ist nicht an mir , sondern an Ihnen , dieses Wie ausfindig zu machen . « » Ich werde Sie entführen , Judith , in irgend eine Wüste Asiens oder Afrikas . « » Mit nichten , Graf Orestes ! ich hänge ungemein an dem europäischen Luxus und Komfort , « erwiderte Judith eisig und sang eine Roulade , die mit einem graziösen Triller endete . » Paßt so etwas in Ihre Wüstenphantasie ? « setzte sie hinzu . » O Judith , wie wird dies enden ! « seufzte Orest und warf sich in einen Lehnstuhl . Die Wellen seines Schicksals , wie er es nannte , brausten über ihn zusammen . Er fühlte sich grenzenlos elend . » Sie sind ein Tor , Graf Orestes , « sagte Judith frostig und achselzuckend . » Man muß im Stande sein , einen Entschluß zu fassen und auszuführen ; dazu hat man seinen Willen . « Die wildesten Gedankenstürme gingen ihm durch den Sinn . Sollte er sich von Corona trennen ? sollte er sie bitten , ihm seine Freiheit zu lassen ? war seine Ehe auch gültig , auch rechtmäßig , so daß er wirklich durch sie gebunden war ? wäre es denn gar nicht möglich , Judith zu vergessen ? Nein ! sprach er zu sich selbst , das ist unmöglich . Alles andere ist möglich - aber das nicht ! - - So lagerten sich die Schatten immer tiefer über Recht und Pflicht und so wurde der böse Wille immer mehr der Beherrscher in diesem Reich der Finsternis . Mit Judiths Aufenthalt auf der Insel Wight ging auch der seine zu Ende . Bis die italienische Oper in Paris eröffnet wurde , machte sie eine Kunstreise durch Belgien und Norddeutschland , wo sie noch nie gewesen war . Orest wünschte sehnlichst sie zu begleiten . Sie sagte trocken : » Ich glaube , Sie sind wahnwitzig , Graf Orestes . Was soll denn das bedeuten ? « » Florentin und Lelio begleiten Sie doch ! « » Florentin und Lelio sind in meinem Dienst , gehören zu meiner Umgebung . Ich brauche den einen im Fach meiner Geschäfte , den anderen im Kunstfach . Jeder hat seine Stellung und die ist abhängig von mir ; also ist sie durchaus vor der Welt gerechtfertigt . Aber wenn Sie , ein verheirateter Mann , aus einer bekannten Familie , meine Kunstreisen mit mir machen wollten : das gäbe einen enormen Skandal , und ich wüßte nicht , weshalb ich einen solchen hervorrufen sollte . Auf Wiedersehen in Paris . « So trennten sie sich . Judith ging nach Brüssel , Orest nach Windeck . Dort war auch Hyazinth . Einen schneidenderen Gegensatz , als diese beiden Brüder , gab es vielleicht nie ! so ganz Welt der eine , so ganz Gnade der andere ; jener - durch und durch im Irdischen wurzelnd , dieser - im Himmlischen . Orest durch selbstsüchtige Zwecke und Hoffnungen in die gefallene Menschennatur gebannt ; Hyazinth durch gänzliche Hingebung an seinen Beruf , getragen von der göttlichen Kraft , welche die gefallene Natur besiegt . Orest so seelenmatt , daß er ohne Schwertstreich der Gegenwehr von Leidenschaften sein Herz zerfleischen ließ , und so unfähig zu jeder höheren Auffassung des Lebens , daß ihm die reiche Blütenfülle seines Daseins nicht genügte , weil sie den Gelüsten nicht entsprach , deren Befriedigung sein Ziel war ; und Hyazinth , ein ringfertiger Kämpfer gegen die leiseste Versuchung und dabei so unerschütterlich ruhend in den Verheißungen des Glaubens , daß ihm alle Mühen und alle Dornen seiner anstrengenden , schmerzen- , sorgen- und arbeitsreichen Laufbahn in Paradiesesblumen umgewandelt wurden . Orest ein leibhafter Vertreter des Materialismus der Zeit ; Hyazinth ein lebendiger Protest gegen ihn . Der Gegensatz war so auffallend , so schlagend , so ausgeprägt in der Gesinnung und in den Worten der beiden Brüder , so ausgeprägt in ihrer äußeren Erscheinung , in Ton und Blick , in Haltung und Geberden , daß Corona , wenn sie die Brüder beisammen sah , immer ganz heimlich eine gewisse schmerzliche Beschämung für Orest empfand , und sich wunderte , wie er , der sein