, daß das Fräulein nicht den Brief offen getragen wünschte . Zum Glück war David eitel und wollte noch gründlicher seine Kenntnisse leuchten lassen . Er zeigte auf den Korb und sagte : Achetez quelque chôse Mademoiselle ! Nous avons des jolis objets à vendre ! Was hat er gesagt ? Was hat er gesagt ? rief die entzückte Mutter . Lucinde übersetzte es und rühmte aufrichtig des Knaben Genie . Der Onkel laßt ihn lernen alles zu Hause durch Maîtres ! Das Kind ist so klug ! Aber es kann nicht gehen in die Schule ! Gleich ist es müde , wenn es ist gegangen eine halbe Stunde - es ist so schwach auf die Beine ! Also David kann gehen ! sagte Lucinde voll Entrüstung über den großen Jungen , der sich tragen ließ ... Er studirt soviel ! wiederholte die gute Mutter . Aber wieder wollte David den Brief haben und die Adresse lesen . Er bekam ihn auch und übersetzte die Adresse gleich ins Französische ... Das Kind ! sagte Frau Lippschütz . Nicht wahr , Fräulein , der Brief ist auf die Post ? Auf die Post ? wiederholte Lucinde . Sagt ' ich ' s denn noch nicht ? Nein , liebe Frau ! ( Sie gab ihr ein Geldstück . ) Bringen Sie den Brief in die Stadtpfarrei - Wohin ? fiel die Frau mit einer sich verdüsternden Miene ein . Zu Herrn Hunnius ! Hunnius - ? sagte die Jüdin und während sie immer mehr in Verlegenheit gerieth , betrachtete David das der Mutter sogleich aus der Hand genommene Geldstück . Ein Frédéric d ' argent ! sagte er . Was hat er gesagt ? Ich hätte Ihnen einen silbernen Friedrichsdor gegeben ! Ein Viergroschenstück ein silberner Friedrichsdor ! Doch erhob sich die Freude der Mutter nicht mehr zu dem frühern strahlenden Glanze über die Kenntnisse und den Witz ihres Kindes , sie zögerte und nahm Anstand , das Billet in die Stadtpfarrei selbst zu tragen ... Fräulein ! sagte sie . Ich muß Ihnen etwas sagen ! Ich will schicken eines von den Kindern der armen Frau Ley ! Es will auch kommen ein Herr , der Treudchen Ley möchte mitnehmen in die Stadt und will sich erkundigen nach ihr beim Herrn Stadtpfarrer ! Ein Kind wie eine Prinzessin ! Dabei die Arbeitsamkeit selbst ! Warum wollen Sie denn nicht selber gehen ? Ich kann nicht gehen in die Klostergasse - Liegt dort die Stadtpfarrei ? Ich kann nicht gehen über die Schwelle der Stadtpfarrei - Sind Sie so rechtgläubig ? Die Jüdin lehnte diese Auslegung ab - Auch die Dechanei ist die Wohnung eines christlichen Geistlichen ... sagte Lucinde . Die Jüdin sah sich um , mit einer Miene , die offenbar so viel sagen wollte als : Hier , in diesem toleranten Hause empfind ' ich nicht das , was mich in der Stadtpfarrei stören würde ... Dabei fiel ihr Auge , das sie unverwandt nur auf ihren David gerichtet gehabt hatte , jetzt erst auf das ansehnliche Gipsbild , das Lucinde auf eine Kommode gestellt . Gott ! rief sie plötzlich . Wer ist der Mann ? Hercules , der Gott der Stärke ! sagte David ... Nein - warf in steigender Aufregung seine Mutter ein - Es ist Moses , euer Gesetzgeber ! berichtigte Lucinde . Hätte mir eins gesagt : Henriette , es ist dein Onkel , der Doctor Leo Perl - ich würde gesagt haben : Der Kopf ! Der Blick ! Das Auge , ja ! Gott im Himmel , es war ein Mann - man hätte geglaubt , er zerschmeißt die Welt - und muß sich taufen ! Tauft sich in der Stadtpfarrei ! Hier in Kocher vor seiner ganzen Familie ! Es war meiner Mutter Bruder ! Und der Mann , gewesen wie ein Löwe , ist zusammengegangen wie ein Kind , wie wenn ich sagen wollte , der Moses da auf der Kommode geht zusammen wie hier mein David auf dem Arm ! In diese lebhafte Anschauung einer Phantasie , die auch das kleine Gipsbild gleich nur im vollen Bilde des Propheten sah , den es bedeutete , wiederholte mehrmals David mit kritischer Schärfe : Warum sitzt Moses ? Die Mutter , die wieder leicht im Stande gewesen wäre , zu erwidern : Auch er war schwach auf die Beine ! hatte vor Trübheit ihrer Erinnerungen keinen Ausdruck der Bewunderung mehr über diese Frage , die schon Winckelmann beschäftigt hat , sondern hob den Korb in die Höhe , bat Lucinden , ihr die Thür zu öffnen und versprach , das Billet so pünktlich besorgen zu lassen , als wenn sie es dem Stadtpfarrer selbst überbracht hätte . Lucinde entsann sich aus des Dechanten gestriger Erzählung , daß Leo Perl von ihm sein Freund genannt worden war und sogar der Geistliche gewesen sein sollte , der Bonaventura getauft hatte . Es vergingen ihr jetzt zwei der peinlichsten Stunden ihres Lebens . Ungeduldig schritt sie auf und nieder , las eine Weile , schrieb , schloß und öffnete das Fenster , sah bald nach dem kleinsten Geräusch , bald verschmähte sie es , dies nach einem größern zu thun ... Wagen rollten an und ab ... Aus der Ferne hörte sie die militärischen Uebungen - Trommeln und Schießen ... Sie las in Serlo ' s Erinnerungen - in Hunnius ' Saronsrosen - sie schrieb an Joseph Niggl ... an den Vorsteher des orthopädischen Instituts ... sie wußte noch nicht , ob sie dorthin zurückkehren sollte ... Sie zeichnete sich mit der Feder auf ein leeres Blatt Papier als Pilgerin mit dem Muschelhut und dem Wanderstabe - sie dachte allen Ernstes daran , vielleicht so hinauszuwandern in die weite Welt und die zu ärgern , die für ihre katholische Wiedergeburt so wenig Anerkennung hatten ... Sie sagte sich : An der Schwelle der Peterskirche will ich sterben ! Die Hoffnung , daß plötzlich Bonaventura eintrat oder der Dechant oder Benno oder irgendwer ,