wieder lösen sollten . Der Graf zog sich bescheiden etwas zurück . Ihm hatte dieser eine Laut die Bewegung seines eigenen Herzens erklärt , und mit Blitzesschnelle durchflog ihn der Gedanke , daß nun auch St. Juliens Aehnlichkeit mit dem Grafen Evremont erklärt sei , und indem er eine ihm so lieb gewordene Täuschung aufgeben mußte , senkte sich ein Schatten tiefer Traurigkeit in seine Seele . O ! rede , rede , geliebte Freundin , sagte endlich die Gräfin mit zitternder Stimme . Halte ich Dich wirklich lebend in meinen Armen , und sehe ich Dich nach so langen schmerzensvollen Jahren blühend und glücklich ? Ohne Grund sind um Dich so viele Thränen geflossen . Heiter , gesund , eine glückliche Mutter , so sehe ich Dich wieder . Darum , fuhr die Gräfin fort , indem sie mit mattem Lächeln auf St. Julien deutete , zog mich mein Herz zu diesem Menschen ; ohne es zu wissen , liebte ich Deinen Sohn . Meinen Sohn ? fragte die Freundin lachend , indem ihre Thränen heftiger strömten . Besinne Dich doch , gedenke der Zeit , in der wir zusammen lebten . Berechne die Jahre seit unserer Trennung , kann er wohl mein Sohn sein ? Und Wessen ist er denn ? fragte die Gräfin kaum hörbar , mit glühenden Wangen und strahlenden Augen , indem sie beide Hände der Freundin krampfhaft drückte . Und hast Du denn , erwiederte diese laut weinend , Deinen armen Adolph gänzlich vergessen ? Meinen - wiederholte die Gräfin mit schwindendem Bewußtsein - meinen , meinen Sohn ! rief sie laut , wie zu neuem Leben erwachend , und streckte dem jungen Manne beide Arme entgegen . Der Graf und St. Julien hatten sich unwillkührlich , während des kurzen Gesprächs , den beiden Frauen genähert , und ob der Letztere gleich den Zusammenhang der gehörten Worte nicht begriff , so zog ihn doch sein Gefühl vor der Gräfin nieder , die ihn schnell mit der übernatürlichen Kraft , die auf einen Augenblick eine heftige Bewegung der Seele uns gibt , von ihren Knieen emporriß , und die Mutter ruhte an der Brust des Sohnes und benetzte seine Wangen mit ihren Thränen . Doch plötzlich ließ sie den Sohn , fiel mit rascher Bewegung vor der Freundin nieder und küßte deren Hände , ohne daß diese der stürmischen Gewalt der Liebe zu wehren vermochte . Du hast ihn mir erhalten ! rief sie aus , Du gibst ihn mir zurück , so , ganz so , wie ich ihn in meinen Träumen sah . Er kann meine Liebe fühlen und verdienen , er ist , ja er ist mein Sohn . Erschöpft senkte sich das Haupt der Gräfin . Der Graf hob sie vom Boden auf und führte sie zu einem Lehnsessel , in den sich die von der Kraft des Augenblicks nun verlassene Frau senkte , indem sie mit matter Stimme , doch mit seligem Lächeln die Freundin , die noch ihre Hände hielt , fragte : Und nun sage mir , wie ist er mein ? Glaubst Du mir denn nicht ohne Erklärung ? sagte mit liebevollem Blicke und zärtlicher Stimme die treue Freundin . Sollen denn in diesem Augenblicke seliger Freude alle Schmerzen der Vergangenheit erneuert werden , und willst Du an diesen Gefühlen untergehen , jetzt , da das Leben mit neuem Reize Dir lächelt ? Ich will Dir morgen alle Auskunft geben , die Du verlangen kannst , nur schone Dich heute . Der Graf hatte St. Julien mit inniger Zärtlichkeit umarmt und sagte : Ich habe Dich immer geliebt , wie mein eigenes Kind . Jetzt mache ich meine Vaterrechte an den Sohn meiner Gattin geltend . Mein theurer Vater , rief der junge Mann , indem er sich von Neuem in die Arme des Grafen warf . Meine geliebte Mutter , sagte er mit zärtlicher Stimme , indem er sich eilig aus den ihn umfangenden Armen befreite und die Knie wieder vor der Gräfin beugte , ihre Hände mit zitternden Lippen küßte und mit überströmenden Thränen benetzte . So hat mein Herz mich nicht betrogen , es ließ mich die heiligen Bande ahnen , die hier mich fesseln . Er blickte auf und sah in die feuchten , glänzenden Augen der Frau , die er bis jetzt für seine Mutter gehalten hatte , und die sich nun wehmüthig lächelnd über ihn beugte . Habe ich denn nun keinen Anspruch auf Liebe mehr ? fragte sie den jungen Mann mit zärtlichem Vorwurfe . Tilgt ein Augenblick mein Bild aus Deinem Herzen ? Welch ein Ungeheuer müßte ich sein , wäre dieß möglich ! rief St. Julien , indem er aufsprang und mit eherbietiger Liebe Madame St. Julien umarmte . Aber , fuhr er fort , vollenden Sie Ihre Wohlthat und sagen Sie mir , durch welches Band ich Ihnen angehöre . Der unglückliche Graf Evremont , Dein Vater und der erste Gemahl Deiner Mutter , war mein Bruder , sagte die zärtliche Adele , und ihre Thränen flossen dem schmerzlichen Andenken . Der Graf wollte eben bitten , den schmerzlichen Erinnerungen heute nicht Raum zu geben , als ein anderer Gegenstand die Aufmerksamkeit Aller auf sich zog . Dübois hatte sich , von lebhafter Theilnahme angetrieben , in der Nähe des Saales gehalten ; eben so seine Freundin , die Professorin . Beide hatten sehr verständig beschlossen , nur in der Nähe zu bleiben , um so bald als möglich das Ergebniß einer Zusammenkunft zu erfahren , die ihnen für das Glück einer Familie so wichtig schien , der sie so innig ergeben waren . Aber Beide hatten nicht die Kraft ihrem Vorsatze treu zu bleiben . Sie näherten sich unmerklich den geöffneten Thüren des Saales und waren so Zeugen eines Auftritts , der ihr eignes Herz in seinen Tiefen bewegte . Der bescheidene Dübois erhielt sich in ehrerbietigem Schweigen , obgleich seine alten Augen überflossen und die Thränen ihm unbewußt die gefurchten Wangen überströmten . Die ehemalige