Genie , denn Genie ist das überirdische selige Leben einer durch die sinnliche Natur erzeugten himmlischen Begeisterung . Du erscheinst mir wie dies himmlische Erzeugnis meiner Sinnenwelt , wenn ich so vor Dir stehe und Dir ausspreche , wie ich Dich liebe , und doch , wenn ich so vor Dir stehe , dann fühl ich wie Deine sinnliche Erscheinung mich verklärt und zur himmlischen Natur in mir wird . * * * Jetzt bin ich dreizehn Jahr alt , jetzt rückt die Zeit an , die aus dem Schlaf weckt , die jungen Keime haben Trieb und rücken aus ihrer braunen Hülle hervor ans Licht , und die Liebe des Kindes neigt sich den aufkeimenden Geschlechtern der Blumen ; sein Herz glüht verschämt und innig ihren vielfarbigen duftenden Reizen entgegen und ahnet nicht , daß währenddem eine Keimwelt von tausendfältigen Geschlechtern der Sinne und des Geistes sich aus der Brust hervor , dem Leben , dem Licht entgegendrängt . - Siehst Du wohl hier bestätigt , was ich sage : die Liebe zu der aufkeimenden Blütenwelt der sinnlichen Natur erregt die schlafenden Keime einer geistigen Blütenwelt ; indem wir die sinnliche Schönheit gewahr werden , erzeugt sich in uns ein geistig Ebenbild , eine himmlische Verklärung dessen , was wir sinnlich lieben . - So war meine erste Liebe , im Garten : in der Geißblattlaube war ich jeden Morgen mit der Sonne und drängte mich dem Aufbrechen ihrer rötlichen Knospen entgegen , und wie ich in die erschloßnen Kelche blickte , da liebte ich und betete die Sinnenwelt in den Blüten an , und ich mischte meine Tränen mit dem Honig in ihren Kelchen . Ja , glaub ' s , es war mir ein besonderer Reiz , die Träne , die unwillkürlich mir ins Auge gedrungen , da hinein zu betten , so wechselte die Lust mit der Wehmut . Die jungen Feigenblätter , wie sie zuerst so rein und dicht gefaltet aus dem Keim hervorsteigen und vor der Sonne sich ausbreiten : Ach Gott ! Du ! warum schmerzt die Schönheit der Natur ? nicht wahr , weil die Liebe sich untüchtig fühlt , sie ganz zu umfassen , so ist die glücklichste Liebe von Wehmut durchdrungen , weil sie ihrer eignen Sehnsucht kein Genüge tun kann , so macht mich Deine Schönheit wehmütig , weil ich Dich nicht genug lieben kann . - O verlasse mich nicht , sei mir nur so weit willig gesinnt , wie der Tau den Blumen gesinnt ist ; morgens weckt er sie und nährt sie , und abends reinigt er sie vom Staub und kühlt sie von der Hitze des Tages . So mache Du es auch , wecke und nähre meine Begeistrung in der Frühe , kühle meine Glut und reinige mich von Sünden am Abend . * * * Hast Du mich lieb ? - Ach ! ein Herabneigen Deines Angesichts auf mich wie die wogenden Zweige der Birke , - wie schön wär das ! - oder auch , daß Du mich anhauchtest im Schlaf , wie der Nachtwind über die Fluren hinstreift ; mehr nicht , mein Freund , verlang ich von Dir - daß der Atem des Geliebten Dich berührt , welche Seligkeit kannst Du dieser gleichstellen ? - So hell und deutlich hab ich damals nicht gefühlt , wie ich heut in der Erinnerung fühle , ich war so unmündig wie die junge Saat , aber ich wurde vom Lichte genährt und dem Selbstbewußtsein entgegengeführt , wie jene , wenn sie durch die Ähre ihrer selbst gewiß wird ; und heute bin ich reif , und streue die goldnen Fruchtkörner der Liebe zu Deinen Füßen aus , mehr nicht besagt mein Leben . * * * Die Nachtigall war anders gegen mich gesinnt wie Du , sie stieg herab von Ast zu Ast und kam immer näher , sie hing sich an den äußersten Zweig , um mich zu sehen , ich wendete leise mich zu ihr , um sie nicht zu scheuchen , und siehe da ! Aug in Nachtigallenaug , wir blickten uns an und hielten ' s aus . Dazu trugen die Winde die Töne einer fernen Musik herüber , deren allumfassende Harmonie wie ein in sich abgeschlossenes Geisteruniversum erklang , wo jeder Geist alle Geister durchdringt , und alle jedem sich fügen ; vollkommen schön war dies Ereignis , dies erste Annähern zweier gleich unbewußten , unschuldigen Naturen , die noch nicht erfahren hatten , daß aus Liebesdurst , aus Liebeslust das Herz im Busen stärker und stärker klopft . Gewiß , ich war erfreut und gerührt durch dies Annähern der Nachtigall , wie ich mir denke , daß Du allenfalls freundlich bewegt werden könntest durch meine Liebe , aber was hat die Nachtigall bewogen mir nachzugehen , warum kam sie herab vom hohen Baum und setzte sich mir so nah , daß ich sie mit der Hand hätte haschen können , warum sah sie mich an und zwar mir ins Aug ? - Das Aug spricht mit uns , es antwortet auf den Blick , die Nachtigall wollte mit mir sprechen , sie hatte ein Gefühl , einen Gedanken mit mir auszutauschen . ( Gefühl ist der Keim des Gedankens ) , und wenn es so ist , welchen tiefen , gewaltigen Blick läßt uns hier die Natur in ihre Werkstatt tun ; wie bereitet sie ihre Steigerungen vor , wie tief legt sie ihre Keime , wie weit ist es noch von der Nachtigall bis zu dem Bewußtsein zwischen zwei Liebenden , die ihre Inbrunst so deutlich im Lied der Nachtigall gesteigert empfinden , daß sie glauben müssen , ihre Melodien seien der wahre Ausdruck ihrer Empfindungen . - Am andern Tag kam sie wieder , die Nachtigall - ich auch , mir ahnete , sie würde kommen , ich hatte die Gitarre mitgenommen , ich wollte ihr was vorspielen , an der Pappelwand war ' s , der wilden Rosenhecke gegenüber , die ihre langen schwankenden