, und blieben endlich vor dem Tode des Sokrates stehen . Kein unfeines Stück , sagte der Athener mit einer kalten Kennermiene . Der Fremde . Was es wohl vorstellt ? Ich . Vermuthlich sich selbst . Der Fremde . Wie meinst du das ? Ich . Um mich deutlicher zu erklären , es ist eine Art von Räthsel oder Hieroglyph . Athener . Das nenn ' ich sich deutlich erklären ! Es gehört also ein Schlüssel dazu ? Ich . Er steckt im Gemälde . Der Fremde . Wie kriegt man ihn aber heraus ? Ich . Jeder muß ihn selbst finden ; darin liegt ja der Spaß bei allen Räthseln . Der Athener . Wenn ' s der Mühe des Suchens werth ist . Der Fremde . Ich wollte wetten , dieses hier stellt den Tod des Sokrates vor . Ich . Ich auch ; aber wenn du darauf wetten wolltest , warum fragtest du ? Der Fremde . Um meiner Sache gewiß zu seyn . Nun sehe ich wohl , je länger ich ' s betrachte , daß es nichts anders ist . Ich kenne die meisten dieser Männer von Person ; sie sind zum Sprechen getroffen . Den alten Philosophen hab ' ich freilich nicht mehr besuchen können , weil er schon lange todt war ; aber man erkennt ihn auf den ersten Blick an seiner Silenengestalt , an der aufgestülpten Nase und an dem Giftbecher , den er so eben aus der Hand des Nachrichters empfangen hat . Ich . Gut für mich , daß der Maler dieses Bildes uns nicht zuhört . Der Fremde . Wie so , wenn man fragen darf ? Ich . Weil er seine Arbeit in den nächsten Ziegelofen werfen würde , wenn er dich so reden hörte . Der Fremde . Ich dächte doch nicht daß ich etwas so Unrechtes gesagt hätte . Es verdrießt dich doch nicht , daß ich den Schlüssel zu deinem Räthsel so leicht gefunden habe ? Ich . Als ob man dir so was nicht auf den ersten Blick zutraute ? Der Fremde . Gar zu schmeichelhaft ! Ich gebe mich für keinen Oedipus ; aber das darf ich sagen , mir ist noch kein Räthsel vorgekommen , das ich nicht errathen hätte . Ich . Mit Erlaubniß , was bist du für ein Landsmann ? Der Fremde . Ein Abderit , zu dienen . Ich . So denk ' ich wir lassen das Gemälde wo es ist . Der Fremde . Zum Verbrennen wär ' es wirklich zu gut . Der Athener . Das sollt ' ich auch meinen . Wenn es dir über lang oder kurz feil werden sollte , lieber Aristipp , so bitt ' ich mir den Vorkauf aus . Es hat ein warmes Colorit , und sollte sich nicht übel in der Galerie ausnehmen , die ich nächstens von meinem alten Oheim , dem General , zu erben hoffe . Und hiermit schlenderten die jungen Gecken wieder fort . Das Lustigste ist , daß der Fremde ( der sich Onokradias85 nennt und ein Sohn des Archon von Abdera seyn soll ) von dieser Stunde an eine sonderbare Anmuthung zu meiner Person äußert , und mich allenthalben wo es nur immer angehen will , wie mein Schatten begleitet . Du wirst lachen , Kleonidas , aber ich habe wirklich große Lust einen Versuch zu machen , ob ich aus diesem Stück Feigenholz , wo nicht einen Mercur , wenigstens - einen leidlichen Abderiten schnitzeln könne . Der junge Mensch zeichnet sich durch eine ganz eigene Mischung von treuherziger Albernheit und plattem instinctartigen Hausverstand , mit einer Portion gutlauniger Schalkheit und angeborner Arglosigkeit versetzt , so sonderbar zu seinem Vortheil aus , daß ich mich leicht an seine Gesellschaft gewöhnen könnte . Vermuthlich um sich in desto größere Achtung bei mir zu setzen , machte er mich ungefragt mit seiner ganzen Familie bekannt . Sein Vater , zur Zeit erster lebenslänglicher Vorsteher der Republik Abdera , nenne sich ( sagte er ) Onolaus der Zweite . Mein Großvater , fuhr er fort , der als Nomophylax starb , führte meinen Namen , oder vielmehr ich den seinigen ; denn ihm zu Ehren nannten sie mich Onokradias . Mein Aeltervater Onages folgte seinem Vater Onolaus dem Ersten in der Würde eines Stadthauptmanns , und so ging ' s immer in aufsteigender Linie fort , so daß ich mich im Nothfall rühmen könnte , von einem der ältesten und verdientesten Häuser unsrer Republik abzustammen . - Aber , fragte ich ihn , was kann wohl , wenn diese Frage nicht unbescheiden ist , die Ursache seyn , warum deine Voreltern eine so sonderbare Vorliebe zu dem Wort onos gefaßt haben , daß von dem Aeltervater des Aeltervaters her alle eure Namen mit onos zusammengesetzt sind ? Nicht , als ob es euch in meinen Augen nicht zur Ehre gereichen sollte , daß ihr das Vorurtheil verachtet , welches gewissen Namen einen gewissen Einfluß - Ich verstehe , fiel er mir lachend in die Rede : wir könnten wohl mit gutem Fug stolz darauf seyn , daß wir vielleicht die Einzigen sind , die einem ungerechter Weise zurückgesetzten wackern Hausthiere die ihm gebührende Ehre nicht versagen . Wenigstens sehe ich nicht , warum Löwe und Wolf , oder Pferd und Ochs , die sich in so vielen Griechischen Namen hören lassen , hierin ein Vorrecht vor dem Esel haben sollten . Aber das ist denn doch die wahre Ursache dieser sonderbaren Familiensitte unsers Hauses nicht : dieser liegt eine eben so sonderbare Begebenheit zum Grunde . Einer meiner Ahnherren lag an einem Brustgeschwür so krank darnieder , daß die Aerzte versicherten , der Augenblick , da es aufbräche , würde der letzte seines Lebens seyn . In banger Erwartung standen alle seine Kinder und Hausgenossen um ihn her , als der Kranke durch die offne Thür seines Gemachs einen Esel erblickte , der von ungefähr über einen großen Korb voll Feigen gerathen war ,