Oheim , “ meinte Walter . „ Sie glauben nicht , Herr Professor , wie der sie hütet und beobachtet . Seit ich droben in ihrem Laboratorium studieren darf , habe ich sie noch keine Minute allein gesehen , immer war der Teufel dabei . Ja selbst die Erlaubnis , auf das Schloß zukommen , hat sie mit Gewalt für mich erpreßt . Die Willmers sagt , es sei drei Tage lang Verdruß deshalb gewesen . Fräulein Ernestine habe aber doch einmal ihren Kopf aufgesetzt — und so erlaubte er ’ s endlich . Es ist hohe Zeit , daß für das unglückliche Wesen etwas geschieht , seit der Vollendung ihres neusten Werkes ist sie völlig erschöpft ; wenn das so fortgeht , reibt sie sich auf . “ „ Das weiß ich längst , “ sagte Johannes mit einem schweren Seufzer , „ aber was tun ? Ihr Herz ist nicht zu rühren , ihr Kopf nicht zu brechen . Meine einzige Hoffnung ist noch die Trennung von dem Schurken . “ „ Ich halte es doch für das Beste , Sie gehen zu ihr und sehen sie selbst . Sie verfällt wirklich von Tag zu Tag mehr , “ sagte Walter . „ Ja , ich fühle es an ihren Händen , “ setzte Leonhardt hinzu . „ Die werden immer schmaler und sind so kalt und feucht , wie die einer Sterbenden . Ach , Herr Professor , es geht mir durch und durch , wenn sie mich damit berührt , und ich meine dann ordentlich , ich sehe sie leiden , denn so fühlen sich nur Hände an , die oft in großen Körper- oder Seelenschmerzen gerungen werden ! “ Johannes setzte das Kind bei Seite und verhüllte das Gesicht , aber dem blinden Auge des Schulmeisters konnte er doch nicht verhüllen , was in ihm vorging . „ Wozu den Trotz , den Stolz , lieber Herr , wozu ein Weh zurückdrängen , das so natürlich ist ? Eilen Sie zu ihr — es wird ihr vielleicht eine Wohltat sein . “ „ Gut denn , ich will ein paar Zeilen an sie schreiben , “ sagte Johannes , „ will sie fragen , ob ihr mein Anblick tröstlich oder qualvoll wäre ! Mein Gott , ich will ja nichts , als ihr wohltun ! — Sie , edler , junger Freund Walter , übernehmen es , ihr den Brief in die Hand zu spielen , daß ihn der Oheim nicht unterschlägt , nicht wahr ? Sie wird Ihnen , hoffe ich , auf dieselbe Art antworten . “ „ In Gottes Namen , gehen wir nach Hause , “ sagte Leonhardt , „ damit Sie schreiben können . “ Die Herren erhoben sich . Da hielt Käthchen Johannes am Rock . „ Du , Herr Professor , wenn Du morgen erst zu dem Fräulein kommst , findest Du sie nicht mehr . “ „ Wie so , Käthchen ? “ fragte Johannes , der gar nicht gedacht hatte , daß die Kleine dem Gespräch gefolgt war . „ Ja , Du kannst es glauben . Die Frau von da droben — die Frau Willmers , die ist heute bei mir vorübergegangen und hat mir zugeflüstert , wenn die Herren zu mir kämen , so solle ich ihnen heimlich sagen , das Fräulein reise heute Nacht fort und für immer , aber ich dürfte Niemanden verraten , daß sie mir ’ s erzählte , das könne sie sonst ihren Dienst kosten . Wenn aber der Herr Professor nicht käme , dann müsse ich ’ s dem Herrn Lehrer sagen , damit er einen Boten in die Stadt zum Herrn Professor schicke . Die Frau Willmers hat recht geweint und gejammert , sie dürfe sich nicht einmal in das Schulhaus wagen , sonst merke der Gottseibeiuns was , der das Fräulein so hütet . “ „ Käthchen ! “ rief Johannes , „ Engel Gottes , was tust Du mir da ! Das Fräulein geht fort , heute noch — und ich Blinder hätte sie reisen lassen , wenn Du nicht wärst ! — Ist denn das Alles auch ganz gewiß wahr ? “ „ Ja , ganz gewiß , Du kannst es glauben , ich habe mir ’ s wohl gemerkt . “ Johannes hob das Kind auf und drückte es ungestüm an sich : „ Kind , sag mir , was kann ich Dir tun , um Dir diesen Dienst zu vergelten ? Sprich ! Hast Du einen Wunsch ? Sei ’ s , was es wolle — er soll erfüllt werden ! “ „ Ach , lieber Herr Professor , wenn Du doch mit meinen Eltern reden wolltest , daß sie mir Geld geben für die armen Leute . Bitte , bitte , tue es doch ! Sie sollen mich nicht mehr verspotten und mir den silbernen Arm vorwerfen . Ich will ihnen auch gute Tage machen . Sonst geht ’ s mir noch wie dem Fräulein , das kein Mensch mehr ansieht — und das möchte ich nicht , um alles Geld nicht . “ „ Ich kann mir ’ s denken , daß Du so fühlst , Du herziges Ding , und ich verspreche Dir , daß ich das große Vermögen , das Du noch bekommst , so für Dich sichern werde , daß Deine Eltern kein Anrecht daran haben und Du Alles damit machen darfst , was Herr Leonhardt Dir erlaubt . “ „ Ach , das ist schön , das ist herrlich ! “ jubelte Käthchen und küßte einen Zipfel von Johannes ’ Rock . „ Herr Walter , “ rief es in seiner Freude : „ Gelt , Du hilfst mir dann alle kranken Leute aufsuchen und sagst mir , wie viel ich Jedem geben darf ? “ „ Ja , Käthi-Schätzchen — das wollen wir tun ! “ rief Walter vergnügt . Johannes gab der Kleinen einige Silberstücke . „ Da , Herzchen , schenk das dem