freundlich lächeln , aber ein einziger Blick in dieses von einem gefrorenen Ingrimm erfüllte Gesicht belehrte sie darüber , daß jeder Versuch , den Alten umzustimmen , fruchtlos war . Der Zufall ließ sie auf dem Heimweg Edmund Hahn begegnen . Sie hatte ihn nicht mehr gesehen , seit sie verheiratet war . Der Schauspieler schien hocherfreut , sie zu treffen . Sie gingen zusammen weiter , und es entwickelte sich ein eifriges Gespräch , das zuerst laut , dann immer leiser geführt wurde . 9 An dem Tag , an welchem Dorothea geheiratet hatte , war Herr Carovius zum Notar gegangen , um das Testament , das er in der Nacht zuvor niedergeschrieben , beglaubigen zu lassen . In diesem Testament hatte er sein ganzes Barvermögen , das Haus und sämtliche Mobilien einer nach seinem Tod zu errichtenden Erziehungsanstalt für adelige Waisen vermacht . Zum Protektor des Instituts wie zum Verwalter des Nachlasses war der Freiherr Eberhard von Auffenberg bestimmt . Von der Musik wollte Herr Carovius nichts mehr wissen . Der lange schmale Flügel , den er hatte , bekam eine Lederhülle und glich einem ausgestopften Tier . Seiner Leidenschaft für die Kunst gedachte er wie einer jugendlichen Verirrung , doch daß er seinen Geist kasteite , blieb ihm dabei , oft bis zum Schmerz , trotzig bewußt . Recht eigentümlich war die Beschäftigung , der er sich ergab , um nicht in Langeweile zu verkommen . Er durchsuchte nämlich alle Bücher seiner Bibliothek nach Druckfehlern . Viele Stunden des Tages widmete er dieser Arbeit , las die wissenschaftlichen Werke und die der schönen Literatur mit einer nur am Buchstaben haftenden Aufmerksamkeit , und wenn es ihm gelungen war , ein falsch gesetztes Wort oder gar einen grammatikalischen Schnitzer zu entdecken , war ihm wie einem Fischer zumut , dem nach langem Harren endlich ein Fisch an der Angel zappelte . Sonst war es trübselig um ihn bestellt . Der schöne Gleichschnitt seiner Haare am Nacken hatte sich in eine struppige Wildnis verwandelt ; auf der Straße sah man ihn mit einem Rock voll Flecken , und der Kalabreser hatte Ähnlichkeit mit einem zerschossenen Kriegszelt . Er hatte sich wieder angewöhnt , zwei- oder dreimal wöchentlich ins Paradieschen zu gehen , nicht etwa , um sich wehmütigen Erinnerungen zu überlassen , sondern weil dort der Kaffee noch zwanzig Pfennige kostete , nicht fünfundzwanzig , wie in den neumodischen Kaffeehäusern . Und sein ganzes Abendbrot bestand aus einer Schale Kaffee und ein paar Semmeln . Es fügte sich , daß auch der alte Jordan das Paradieschen zu seiner Zuflucht wählte . Lange Zeit studierten sich die beiden von Tisch zu Tisch , dann kam ein Tag , wo sie sich zueinander setzten , zuletzt wurde es die Regel , daß sie sich in der Ecke beim Ofen zusammenfanden , und ohne daß sie mehr als die äußerlichsten und plattesten Redensarten wechselten , entwickelte sich zwischen den beiden einsamen Greisen eine stille Kameradschaft . Herr Carovius gab sich zwar den Anschein , als ob er den alten Jordan bloß dulde ; doch vertiefte er sich erst dann in die Lektüre der Zeitung , wenn dieser gekommen war und sich mit achtungsvollem Gruß an das winzige Tischchen gesetzt hatte . Jordan seinerseits verhehlte nicht seine Freude , Herrn Carovius auf dem Stammplatz zu sehen , und während er seine Tasse Kaffee schlürfte , ließ er die Augen nicht von dem bösen Gesicht seines Gegenübers . 10 Philippine wurde Dorotheas Vertraute . Anfangs war es nur die Lust am Schwatzen gewesen , die Dorothea zu Philippine hindrängte ; später gewöhnte sie sich daran , ihr alles zu sagen . Vor ihr konnte sie sich schmucklos geben . Die regungslose Aufmerksamkeit , mit der ihr Philippine zuhörte , schmeichelte ihr und benahm ihr jeden Argwohn . Sie hielt Philippine für zu dumm und ungebildet , als daß sie sie fähig glaubte , ihr Treiben zu überschauen und zu beurteilen . Es reizte sie , dem alten Mädchen , das so ergötzlich über die Mannsbilder zu schimpfen wußte , verführerische Bilder auszumalen . Wenn sie einen kecken Plan hatte , sprach sie mit Philippine darüber wie von etwas Geschehenem ; auf diese Art prüfte sie die Möglichkeit der Ausführung und verschaffte sich einen Vorgeschmack des Genusses . Hauptsächlich war es Philippines Häßlichkeit , die sie sorglos stimmte . Ein so häßliches Geschöpf war in ihren Augen kein Weib , kaum ein Mensch , und mit ihm konnte man alles reden , was einem durch den Kopf ging . Und da Philippine nie anders als wegwerfend und höhnisch von Daniel sprach , wurde Dorothea immer argloser . Sie kam zu Philippine in die Küche , setzte sich auf das Bänkchen und erzählte ; von einem Seidenkleid , das sie in einer Auslage gesehen hatte ; von den Elogen , die ihr der Hofrat Finkeldey gemacht ; von den Liebesverhältnissen dieser und der Ehescheidung einer andern Bekannten ; von den Perlen der Kommerzienrätin Feistmantel , und daß sie zehn Jahre ihres Lebens dafür gäbe , wenn sie auch solche Perlen hätte . Das Auch war überhaupt ihr großes Wort . Alles in ihr zitterte und dampfte vor Begierden und Wünschen , von niederer Unruhe und trüber Lust . Oft erzählte sie Geschichten aus ihrer Münchener Zeit . Wie sie eines Nachts , des Schabernacks halber , mit einem Maler in sein Atelier , und einmal zu einem Offizier in die Kaserne gegangen sei ; was für schöne , stramme Leute ihr da die Cour geschnitten ; alle hinter ihr her und sie , eh die Schafsköpfe sich besonnen , um die Ecke . Ein Kuß , das wohl ; ein Kuß in der Dunkelheit ; ein Arm- in Armliegen in einem Wäldchen , mehr nicht . Zur rechten Zeit Polizeistunde , das dürfe man bei solchen Sachen nicht vergessen , sonst könne es schief gehen . Zum Beispiel sei da ein schwarzer Italiener gewesen , ein richtiger Conte , der habe ihr nachgestellt wie verrückt .