mir aber , warum ? « » Du ahnst es wahrscheinlich nicht ; aber diese Sachen sind , außer für diesen Andern , wohl eigentlich unberührbar . Ich vermute , daß er sie außerordentlich wert , ja heilig hält . « Sie sah mich nachdenklich an , trat dann ganz nahe zu mir her und sagte : » Das ist wahrscheinlich richtig . Ich will es dir mitteilen , weil mir nicht verboten wurde , davon zu sprechen . Diese und noch einige andere Sachen sind in einer kleinen Lade wohl verwahrt . Es giebt einen Tag , einen einzigen Tag im Jahre , an dem der Ustad diese Lade aufschließt . Da deckt er sich den Tisch mit eigener Hand , ganz so , wie ich es hier gemacht habe . Ich bringe ihm die Speisen selbst hinauf . Ich sehe einen fränkischen Stuhl vor dem fränkischen Tisch ; aber der Ustad sitzt noch nicht . Er steht mit gefalteten Händen am Fenster und schaut so unverwandt , wie innerlich betend , zu unserem lieben Beit-y-Chodeh hinüber . Er trägt an diesem Tage ein ganz altes , härenes Gewand , welches auch in dieser Lade liegt und hinten einen Baschlyk156 hat . Ein ebenso alter Strick schlingt sich um seine Lenden , und um den Hals hat er eine Perlenschnur , an welcher ein kleines Bild hängt ; was für eines , das weiß ich nicht . Er ißt erst dann , wenn ich wieder gegangen bin . Er ist an diesem Tage noch ernster und noch stiller , als zu jeder andern Zeit . Niemand darf ihn stören , außer ich , wenn ich ihm das Essen bringe . Aber früh , am Morgen , kommt er herab und teilt an alle , die im hohen Hause wohnen , kleine , freundliche Geschenke aus , die er während des Jahres mit eigenen Händen für sie gefertigt hat . Begreifst du das ? « » Wenn du mir den Tag nennen kannst , so ist es möglich , daß ich es verstehe . « » Ich habe ihn mir gar wohl gemerkt , und es ist für mich sehr leicht , ihn nicht zu vergessen , weil er mein Geburtstag ist . « » Vielleicht ist es auch der seinige ? « » O nein . Das weiß ich ganz genau . « » Woher ? « » Er selbst hat es mir gesagt . Ich habe bisher darüber geschwiegen , weil es so eigen , so geheimnisvoll klang ; dir aber möchte ich es erzählen , grad dir . « » Warum mir , liebe Pekala ? « » Weil er heut für dich jene Lade , die er so heilig hält , geöffnet hat . Er ließ mich zu sich kommen . Er hatte alle diese Sachen für dich bereit gelegt und übergab sie mir mit der Weisung , dich hier mit ihnen zu bedienen , sie aber von niemandem , höchstens noch von unserm Kinde , berühren zu lassen . Das habe ich gethan . Kein Mensch hat sie gesehen . « » Sagte er noch sonst etwas hierüber ? « » Ja . Fast ganz dasselbe , was er mir damals sagte . Ich will es dir erzählen . Tifl , steig vom Baume herab . Leg die Birnen her , und geh vor an den Weg ! Es soll uns niemand stören . « Er gehorchte gleich , denn er hatte alles gehört und sah also ein , weshalb er fortgeschickt wurde . Als er gegangen war , berichtete sie : » Es war an diesem Tage . Der Ustad hatte mich reicher beschenkt als die andern , weil er wußte , daß mein Geburtstag sei . Als es gegen Abend dunkelte , ging ich hinauf zu ihm , um die Reste der Mahlzeiten zu holen . Du wirst gesehen haben , daß vor seinem Gemache ein Schahnischin157 ist . Da saß er auf dem fränkischen Stuhle , was er sonst niemals thut , und las in einem Buche , obgleich es auch da draußen schon fast dunkel war . Als er mich hörte , kam er herein , um das Licht anzuzünden . Ich hatte mich so sehr gefreut und sagte ihm noch einmal für die heutigen Geschenke Dank . Da schaute er im Dämmerschein der kleinen Kerze von so hoch zu mir hernieder , legte mir die Hand auf den Kopf und sprach : Der Eine giebt ; der Andere nimmt . Der Eine stirbt ; der Andere wird geboren . Wenn die Menschen doch wüßten , daß jeder Geburtstag auch zugleich ein Tag des Sterbens ist ! Mein Sterbetag war heute ! « Sie schwieg und wendete sich halb von mir ab , indem sie mit der Hand nach ihren Augen griff . Als sie sich wieder herumdrehte , sah ich die Feuchtigkeit der Thräne noch , die sie hatte entfernen wollen . Dann fuhr sie fort : » Ich weiß nicht , wie es kam , ich mußte weinen , als ich diese seine Worte hörte . Und indem ich weinte , sprach er sie noch einmal , als ob ich sie ja nie vergessen solle : Der Eine giebt ; der Andere nimmt . Der Eine stirbt ; der Andere wird geboren . Wenn die Menschen doch wüßten , daß jeder Geburtstag auch zugleich ein Tag des Sterbens ist ! Mein Sterbetag war heute ! « Die gute Pekala hatte diese Wiederholung nur schwer zu Ende gebracht . Jetzt hob sie die Falten ihres Schleiers zum Gesicht empor , um es darin zu verbergen , und weinte , leise schluchzend , vor sich hin . Wie kam es doch , daß auch mir die Augen feucht wurden ? Es giebt Worte , welche , mögen sie gesprochen werden , wann und wo es auch sei , sich so tief in das Herz des fühlenden Menschen senken , daß er sich ihrer Wirkung nicht entziehen kann . » Du hast