armen Kindes « zu sprechen . Graf Benno und die Gräfin suchten die wunderlich aufgeregte Dame zu beruhigen , und auch Kitty versicherte immer wieder , daß sie siech wohl fühle , und daß ihr nicht das geringste fehle . Aber täglich entdeckte Gundi Kleesberg an dem » armen Kind « ein neues Anzeichen , das den Ausbruch einer schweren Krankheit befürchten ließ . Hoch und teuer schwor sie , daß es ihre heilige Pflicht wäre , dem » drohenden Unglück « vorzubeugen . Schließlich gelang es ihr wirklich , mit ihrer Sorge auch Graf Benno und die Gräfin anzustecken . Dem ruhigen Naturell der beiden war jede übertriebene Ängstlichkeit fremd , aber sie konnten sich der Wahrnehmung nicht verschließen , daß Kittys Gesichtchen - obwohl gerade in diesen Wochen ihre Gestalt sich sichtlich entwickelte - von Tag zu Tag schmächtiger und blasser wurde , ihr Wesen immer stiller und gedrückter . Diesem seltsamen Widerspruch im » Habitus der Patientin « stand auch der alte , gutmütige Dorfarzt ratlos gegenüber , und er zog sich diplomatisch aus der Klemme , indem er die Berufung einer medizinischen Autorität als » empfehlenswert « bezeichnete . Gundi Kleesberg holte den Herrn Professor von der Bahn ab . Als sie mit ihm auf Schloß Eggeberg eintraf , zeigte sie bei aller schußligen Aufregung eine so zuversichtliche Miene , als hätte sie dem Professor Kittys Leidensgeschichte bereits geschildert und von ihm einen Rat gehört , der ihre Sorge verstummen machte . Und aufatmend nickte sie zu dem mit leisem Lächeln abgegebenen Votum des Professors : sofortige Luftveränderung , längerer Aufenthalt im südlichen Italien . Die ganze Nacht saß Gundi Kleesberg über dem schwierigen Brief an Graf Egge , und als das zustimmende Telegramm aus Hubertus eintraf , betrieb sie das Packen der Koffer mit einer Hast , die das ganze Schloß rebellierte . Die Reise begann . Doch sonderbar ! Seit Wochen hatte Tante Gundi sich in zärtlicher Sorge für Kitty und in ängstlichen , für das Wohl des » armen , kranken Kindes « bedachten Maßregeln erschöpft ; über diese » aus Gesundheitsrücksichten « unternommene Reise schien sie aber eine merkwürdige Ansicht zu haben . Die Fahrt entwickelte sich zu einer wahren Hetzjagd . Zuerst in einer Eisenbahntour bis Genua . Gleich am folgenden Tage wieder weiter mit dem Dampfer . Und obwohl die Fahrt so stürmisch war , daß Tante Gundi einen Anfall von Seekrankheit bekam und ein paar Ruhetage dringend nötig gehabt hätte , wurde in Neapel unverzüglich das nach Capri gehende Schiff bestiegen . Bei der Landung an der Marina Grande befand sich Gundi Kleesberg in einem Zustand so verstörter Ungeduld , daß Kitty , die bisher die ganze Hetze klaglos ertragen hatte , in Sorge zu fragen begann : » Aber Gundi ? Was hast du nur ? « » Ich freue mich , Kind , ich freue mich ! « Als man im Wagen saß und über die schöne Bergstraße emporfuhr , drückte die Kleesberg immer wieder Kittys Arm an ihre Brust und beteuerte : » Hier sollst du gesund werden , du mein armes Herzkind ! Ganz gesund ! Das schwör ich ! « Dabei guckte sie so erwartungsvoll über die Straße voraus und nach allen Seiten , als müßte sich mit jedem nächsten Moment ein wundersames Ereignis vollziehen . Diese hochgespannte , traumhafte Stimmung hielt an , bis Tante Gundi im Hotel Quisisana in die Federn sank . Doch am folgenden Morgen , als die Kleesberg von einem frühzeitig unternommenen Ausgang zu Kitty zurückkehrte , war ihre rosige Laune ins graue Widerspiel verwandelt . Sie schalt über den » wahnsinnigen « Professor , der sie und das » arme Kind « in diesen » von unangenehmen Menschen wimmelnden , meerumschlossenen steinernen Spucknapf « verbannt hätte . Von jedem kühlen Lüftchen behauptete sie , daß es den sicheren Tod brächte . Und als die linde Sonne kam , jammerte sie , daß man » zerschmelzen müsse in dieser afrikanischen Glut ! « Am liebsten wäre sie gleich wieder abgereist . Erst nach langem Zureden vermochte Kitty ein paar Ruhetage zu erwirken . Das gleiche sonderbare Launenspiel wiederholte sich nach der Ankunft in Sorrent : himmelhoch jauchzend , zu Tode betrübt . Zwischen den beiden Phasen lag eine von Gundi Kleesberg allein und geheim unternommene Wagenfahrt zur Cocumella , einer zwischen blühenden Orangengärten gelegenen Künstlerherberge . Als sie zurückkehrte , zappelte die Kleesberg atemlos in Kittys Zimmer und beteuerte : » Sei mir nicht böse , Kindchen , aber hier halt ich es nicht aus ! Keinen Tag ! Diese engen , trostlosen Mauergassen , dieser Schmutz , dieses Geschrei ! Das ist , um zu verzweifeln ! Ich hab ' s doch immer gesagt : Capri , Sorrent , das ist ein ganz unglaublicher Einfall ! Hätte man auf mich gehört , wir wären direkt nach Ravello gegangen ! Direkt ! « Kitty konnte sich zwar nicht erinnern , daß Gundi Kleesberg je einen solchen Vorschlag gemacht hätte ; aber sie ergab sich in Geduld und ließ sich am folgenden Morgen wieder in den Wagen packen . Müde traf man am Abend in Amalfi ein und ging bald zur Ruhe , um sich - wie Gundi sagte - » tüchtig auszuschlafen für den großen Tag « . Diese mystische Bezeichnung wurde nicht näher erklärt . Doch eine Stunde später , als Kitty schon in den weißen Kissen ruhte , kam die Kleesberg noch einmal zur Tür hereingeschlichen , umarmte Kitty mit stürmischer Zärtlichkeit und stammelte : » Morgen , mein liebes Kind ! Morgen ! Morgen ! « Die Nacht verging . Ein paarmal erwachte Kitty aus unruhigen Träumen , dann hörte sie aus der Tiefe herauf das Rauschen des Meeres , das melodische Geplätscher , mit dem die Wellen an die steinernen Dämme schlugen , und manchmal den verschwommenen Ruf eines Hafenwächters . Durch das offene Fenster leuchteten aus dem Stahlblau des Himmels ein paar Sterne herein , die lebhaft funkelten . Allmählich dämpfte sich ihr Feuer