, offenbar die Stimme eines Trunkenen , brüllen : » Selbst sollst du mir sagen , daß du mich nicht aufnimmst ! Warum läßt du mich dann suchen ? « Und dann ihren gellenden Ruf : » Geh ' , Froim , oder ich schrei ' um Hilfe ! « So weit hatte Sender starr vor Schrecken zugehört . Nun raffte er alle Kraft zusammen und stürzte auf den Flur . Er kam genau zur rechten Sekunde . Da stand ein alter , entsetzlich verwahrloster Bettelmann vor Rosel , hatte eben den schweren , eisernen Haken ergriffen , durch den der Schranken des Nachts versperrt zu werden pflegte , und schwang ihn über dem Haupt der Greisin . » So schrei ' zu « , brüllte er . » Aber zuerst schlag ' ich dich tot . « Blitzschnell warf sich Sender zwischen Froim und sie . Das schwere Eisen traf sein Haupt statt des ihren . Er schlug zur Erde hin , in seinen Ohren dröhnte es , seine letzte Empfindung war , daß ihm ein heißer Strom die Stirne überrieselte . Dann vergingen ihm die Sinne . Drei Wochen lag er betäubt zwischen Leben und Sterben , der Arzt befürchtete täglich das Ende ; eine so schwere Verletzung , ein so heftiges Wundfieber konnte der geschwächte Körper kaum überwinden . Er bot seine ganze Kraft und Kunst auf , auch sonst fehlte es dem Kranken nicht an liebevoller Pflege und Teilnahme . Jütte wohnte nun im Mauthaus , um Tag und Nacht bei der Hand zu sein , der Marschallik kam täglich , ebenso Salmenfeld und seine Gattin ; noch mehr , eines Tages trat Pater Marian ein und beugte sich voll schmerzvoller Rührung über seinen armen Schüler , der ihn nicht erkannte . Der Besuch blieb im Ghetto nicht unbekannt und machte als nahezu unerhörtes Ereignis das größte Aufsehen ; den jähen Wandel der Stimmung vermochte es nicht zu beeinflussen . Nun schwärmten die Juden von Barnow wieder einmal für denselben Mann , auf dessen Haupt sie kurz vorher die schwersten Flüche gehäuft . Er hatte sein Leben eingesetzt , das der Mutter zu erhalten - nun war er trotz seiner deutschen Tracht wieder kein Mensch , sondern ein Engel . Täglich kamen Scharen , sich nach seinem Befinden zu erkundigen ; wer irgend einen seltenen Leckerbissen hatte , sandte ihn für den Kranken . Daß eine Gewalttat wie die Froims im podolischen Ghetto überaus selten ist , mehrte die Begeisterung ; der dicke Simche , der zufällig vorbeigefahren und den Frevler entwaffnet , wurde wie ein Held gefeiert . Die Leute hätten Froim am liebsten gelyncht , es war gut , daß ihn der Bezirksvorsteher hinter Schloß und Riegel gesetzt . » So sind sie « , sagte der Arzt dem Advokaten , » maßlos in ihrer Liebe wie in ihrem Haß ! Aber all dies Segnen nützt dem Armen nichts . « Dies nicht , vielleicht nicht einmal die aufopfernde Pflege , aber seine zähe Natur schien den Kranken retten zu wollen . Die Wunde begann zu heilen , die Betäubung schwand . Die Sorge des Arztes wollte dennoch nicht weichen . » Seine Genesung ist so etwas wie ein halbes Wunder « , sagte er dem Pater , » aber ganze Wunder gibt ' s in der Natur nicht . Ohne dieses Unglück wäre er wohl wieder leidlich gesund geworden , sofern er nur ernstlich gewollt hätte . Jetzt fürcht ' ich , zählt sein Leben nur noch nach Monaten . Wenn ich sie ihm wenigstens heiter gestalten könnte ! Aber mit der Besinnung kommt ja auch die Apathie wieder , hinter der sich in Wahrheit eine so tiefe Verzweiflung birgt . « » Sprechen Sie doch mit seiner Mutter « , bat Marian , » jetzt wenigstens sollte sie doch ihren Widerstand aufgeben . Schauspieler wird er ja ohnehin nicht mehr . « Der Arzt zog den Marschallik ins Vertrauen . Der Alte war fassungslos vor Schmerz . » Das kann Gott nicht zulassen ! « rief er dann . » Vielleicht irren Sie sich doch . Die Frau aber - die bring ' ich herum . « Er hatte zu viel versprochen , vielleicht weil er der Greisin nicht alles sagen mochte . Nur so viel erreichte er , daß sie ihm zuschwor , kein Wort mehr dagegen zu sagen , außer wenn Sender etwa Ernst machen wollte . Dann freilich werde sie wissen , was sie den Toten schuldig sei . Aber es kam weniger auf sie an , als die Freunde glaubten . Mit Staunen sah der Arzt , wie heiter die Miene des Kranken war , als er ihn zuerst bei voller Klarheit des Geistes wiederfand . Vor ihm war Jossef Grün dagewesen und hatte die Grüße und Wünsche der Gemeinde überbracht - aber konnte dies auf Sender so tief gewirkt haben ? Er war so schwach , daß er kaum die bleichen Züge zu einem Lächeln verziehen konnte , aber seine Augen leuchteten , und als sich der Arzt zu ihm beugte , hauchte er : » Nicht wahr , Herr Doktor , ich werde gesund ? « Der Arzt bejahte eifrig . » Ich hab ' s ja gewußt « , flüsterte er mit seligem Lächeln . » Mein Herz hat ' s mir gesagt . So gesund , daß ich Schauspieler werden kann ? « Der Arzt nickte . » Aber da müssen Sie dazu helfen « , fügte er fast barsch hinzu , seine Rührung zu bewältigen . » Nun keine trüben Gedanken mehr . « » Es ist ja kein Grund mehr « , hauchte Sender . » Alle sagen es , und ich fühle es auch : die Schuld ist bezahlt ! Nun weiß ich , warum ich in jener Nacht in der Kapelle nicht gestorben bin ... « Letztes Kapitel Die Schuld war bezahlt , er konnte Schauspieler werden - nur die Krankheit stand noch zwischen ihm und seinem Ziele . Selten