groß als sie - sagte er , während eine dunkle Röthe sein schönes , kräftiges Gesicht überzog : Seba , ist denn mein Vater hier ? Der bebende Ton seiner Stimme ging ihr zu Herzen , und sie drückte ihm beruhigend die Hand , als sie seine Frage bejahte . Warum sagtest Du mir ' s nicht ? Was konnte es Dir helfen ? gab sie ihm zur Antwort . Er schwieg einen Augenblick , dann fragte er : Ob er sich wohl nach mir erkundigt hat ? Sie entgegnete , daß sie es nicht wisse , aber sie stellte ihn nicht damit zufrieden . Du würdest es wissen , wenn es geschehen wäre , sagte er , und ich bin kein Kind mehr , dem man mit Unwahrheiten ein Vergnügen macht . Er hat nicht nach mir gefragt ! Er seufzte , als er diese Worte sprach . Sie waren inzwischen zu den Anderen zurückgekehrt und es konnte nicht weiter die Rede davon sein . Indeß Seba sah , daß in seinem Innern die Aufregung nicht vorüber war , und als er sich später wieder eine Weile mit ihr allein befand , verlangte er zu erfahren , wo sein Vater wohne . Seba erschrak . Weßhalb fragst Du mich das ? sagte sie . Er antwortete ihr nicht gleich , wie das seine Weise war , wenn er seine Rührung zu besiegen strebte , und sagte dann , sich gewaltsam zusammennehmend , während seine Lippen bebten : Ich möchte ihn doch wenigstens einmal sehen , meinen Vater ! - Aber seine Bewegung war mächtiger als sein Wille , die Thränen traten ihm in die Augen , er schüttelte zornig und unzufrieden mit sich selbst den Kopf und eilte aus dem Garten fort in das Haus . Daß der Knabe nicht leicht von einer Sache abließ , die er sich in den Sinn gesetzt hatte , war eine Eigenthümlichkeit an ihm , welche Alle kannten , die mit ihm zu thun hatten , und Seba fand es daher für nöthig , als Paul ' s Pflegeeltern am Abend von ihrer Ausfahrt wiederkehrten , sie von seinem Verlangen und von dem ganzen Vorgange zu unterrichten . Daß man ihn davon zurückhalten müsse , seinen Vater aufsuchen zu gehen , darin stimmten Alle überein . Madame Flies und der Kriegsrath waren nur der Ansicht , daß man ihn vertrösten , ihn beschwichtigen solle , bis der Freiherr abgereist sei , die Kriegsräthin hingegen dachte es ihm gradezu und entschieden zu verbieten , ohne sich auf Gründe mit ihm einzulassen , aber wie immer nahmen Herr Flies und Seba sich des Knaben an . Er ist reifen Verstandes und festen Sinnes , sagte der Erstere , und man soll auch von einem Knaben seines Alters blinden Gehorsam fordern , wenn man die Aussicht hat , ihn vernünftig von dem Rechten überzeugen zu können . Er muß völlig aufgeklärt werden über die Lage , in welche seine Geburt ihn versetzt hat . Er ahnt sie , ohne ihre bürgerlichen Folgen zu begreifen , und wie überall , so hat auch hier das halbe Wissen für die Empfindung etwas Verwirrendes , für den Verstand etwas Aufregendes . Was er aber zu hören hat , wird er am besten von Seba erfahren , da sie die Einzige ist , mit welcher er über diese Angelegenheit gesprochen hat , und bittere Kunde muß man wo möglich mit freundlichem Munde versüßen . Er hielt es darauf der Tochter vor , was sie dem Knaben zu sagen habe , und man verabredete , daß man ihn unter irgend einem Vorwande in der Frühe , ehe er in die Schule gehe , zu Seba senden solle . Indeß die Kriegsräthin war keine Frau , die sich fremden Anordnungen zu fügen oder ihren Einfällen und Aufwallungen zu gebieten vermochte , und sie mißtraute der rücksichtsvollen Schonung , die man Paul zu gewähren wünschte . Sie hatte , seit sie von der Ankunft des Freiherrn erfahren , sich der Hoffnung hingegeben , daß er sich nach Paul erkundigen , daß er schriftlich oder vielleicht gar persönlich nach ihm und nach seinem Ergehen und Verhalten fragen werde , und sie hatte nach ihrer Weise mancherlei Plane auf die Zufriedenheit des Freiherrn gebaut ; denn nichts ist erfinderischer im Hoffen , als der sinkende Wohlstand , und im Sinken waren die Lebensaussichten der Kriegsräthin nun lange schon begriffen . Der Präsident , welcher sonst im täglichen Verkehre mit dem Kriegsrathe es eben nicht gewahrt hatte , daß dieser dem allgemeinen Menschenloose des Alterns nicht entgehe , und der sonst auf das bescheidene Wesen und das sich Alles eigenen Urtheils enthaltende regelmäßige Arbeiten dieses Beamten einen besonderen Werth gelegt hatte , glaubte jetzt zu erkennen , daß eine maschinenmäßige Unterwürfigkeit dem Dienste nicht förderlich sei und daß man von einem alternden Manne keinen geistigen Fortschritt und keine Aenderung seiner Gewohnheiten mehr zu gewärtigen habe . Von einer Beförderung des Kriegsrathes , auf welche der Präsident seiner Zeit die schöne Laura hoffen lassen , konnte also jetzt nicht mehr die Rede sein . Es waren demselben bereits mehrfach jüngere , selbstdenkende Collegen vorgeschoben worden , die solche Auszeichnung durch Enthüllung jedes kleinen Mangels , der sich in der Amtsführung ihres älteren Collegen etwa nachweisen ließ , rechtfertigen zu müssen glaubten ; und sich aus einem bevorzugten Mitgliede eines Collegiums plötzlich zu einem überwachten und getadelten herabsinken zu sehen , das war eine Kränkung , welche auch einen festeren Charakter als den des Kriegsrathes überwältigen und einen Stärkeren als ihn dahin bringen konnte , sich widerstandslos der Entmuthigung zu überlassen . Die gesellschaftlichen Folgen dieser Wandlung blieben natürlich denn auch nicht lange aus . Seit man nicht mehr mit Sicherheit darauf bauen konnte , den einflußreichen Präsidenten immer in dem Freundeskreise des Kriegsrathes zu finden , legte man nicht mehr dasselbe Gewicht auf dessen Einladungen , und da man bald bemerkte , daß der Präsident es nicht wie früher erwartete , überall , wohin er kam ,