Träumer schmerzlich an Alles erinnert , was er Liebes und Schönes im Leben schon besessen hatte , nur , um es nach so kurzer Zeit auf immer wieder zu verlieren . Auch jetzt , während die Frau Hauptmann sich auf seine Bitte zu ihm gesetzt hatte , und ihm von der Aufregung , die in der Stadt herrsche , von den blutigen Scenen , die gestern Abend gar nicht weit von ihnen , in der Schwesterstraße , vorgefallen wären , von den Volksversammlungen unter den Buden erzählte und über die schlimme Zeit klagte , wo Alles drunter und drüber gehe und man zuletzt nicht mehr wisse , wer Koch und wer Kellner sei , richteten sich seine Augen wiederholt auf das Bild an der Wand . Die Frau Hauptmann bemerkte es und sagte : Ja ! so sah es vor fünfundzwanzig Jahren auch aus . Es gehörte einem Landsmann von Ihnen , einem lieben , braven Herrn , der viele Jahre bei mir gewohnt hat und den ich wie eine Schwester lieb hatte - das Bild ist noch hier , aber er - Hier seufzte sie so tief , daß Oswald , den das eigene Leid nicht für das Leid Anderer abgestumpft hatte , mitleidig fragte : Er ist todt , der Herr , nicht wahr ? Ich weiß es nicht , erwiderte die alte Dame ; er ist in die Welt hineingezogen , um ein Mädchen , das ich als mein Kind erzogen hatte - ein süßes , herziges Geschöpf , vom Verderben zu retten ; aber er ist nicht wieder gekommen , und sie ist nicht wieder gekommen , und ich beweine ihren Verlust , obgleich jetzt beinahe fünfundzwanzig Jahre darüber verflossen sind . Haben Sie , Monsieur - ach ! es ist eigentlich thöricht , daß ich darnach frage , aber möglich ist ja am Ende Alles auf der Welt - haben Sie je etwas von einer Mademoiselle Marie Montbert und einem Monsieur d ' Estein gehört ? Die alte Dame hatte diese Frage so oft gethan und so oft nur ein kurzes non , Madame zur Antwort erhalten , daß sie kaum Oswalds bedauerndes Achselzucken beachtete und mit Lebhaftigkeit fortfuhr : Ach , ich dachte es wohl ; Niemand weiß mir etwas von ihnen zu sagen . Die Welt ist so groß und der Menschen sind so viele : und in dieser großen Welt und in dem Menschengetreibe , wie leicht sind da zwei Unglückliche vergessen und verschollen ! Das Benehmen der alten Frau war bei aller Herzlichkeit so fein und würdig , die tiefliegenden , aber noch immer lebhaften Augen blickten so freundlich und sanft , und ihre Stimme klang so treu und so gut , daß Oswald sich wunderbar von ihr angemuthet fühlte und sie mit einer Wärme , die ihm von Herzen kam , bat , ihm etwas Näheres von jenen beiden Personen , deren unglückliches Schicksal sie nach so langer Zeit noch so schmerzlich beklagte , mitzutheilen . Die Frau Hauptmann strich die schwarzseidene Schürze glatt und erzählte in schlichten Worten ihre Geschichte . Ihr Gemahl , eine tapfere , aber überaus wüste und unbändige Natur , hatte sie durch seine Verschwendung schon Jahre vorher , ehe er bei Waterloo durch einen heldenmüthigen Tod die Sünden seines Lebens quitt machte , gezwungen , für ihren Unterhalt selbst zu sorgen . Sie hatte in einem Hintergebäude des Hauses , dessen Herrin sie jetzt war , eine geräumige Wohnung inne gehabt , von der sie den größeren Theil an einzelne Herren wieder vermiethete . Immer hatte sie gesucht , mit ihren Abmiethern auf einem freundschaftlichen , zum wenigsten guten Fuß zu stehen . Mit keinem war ihr das so gut gelungen , als mit einem Herrn , Namens d ' Estein , dem Abkömmling einer Familie französischer Réfugiés , der sich sein mühseliges Brod durch Unterrichtgeben in der unvergessenen Sprache seiner Heimath verdiente . Monsieur d ' Estein war ein herzensguter , voller Schrullen steckender Hagestolz , der mit der ganzen Welt zerfallen war und mit Jedem , der ihn darum bat , seinen letzten Bissen Brod theilte . Er hatte über Alles seine ganz besonderen Ideen und trug sich fortwährend mit weltumstürzenden Plänen , während er dabei so harmlos wie eine Grille lebte . Monsieur d ' Estein hatte bereits mehrere Jahre bei ihr gewohnt und war ihr in dieser Zeit ein lieber treuer Freund geworden , dem sie ohne Bedenken ihre mancherlei Sorgen und Nöthe klagen konnte , als eines Tages Monsieur Montbert , ein französischer Obrist , Monsieur d ' Estein , seinen Verwandten , zu besuchen kam . Der Obrist war auf dem Wege nach Rußland - es war im Jahre 1812 - und er hatte ein Töchterchen von acht Jahren bei sich , ein liebliches Geschöpf , das der Obrist vielleicht um so zärtlicher liebte , als es sich nicht des Vorzuges einer legitimen Geburt erfreute und Niemand auf der Welt hatte , der es liebte und beschützte , als den Vater , den die Kriegsstürme stets von einem Ende Europas nach dem andern fegten . Bis jetzt hatte er sie auf allen seinen Zügen bei sich gehabt : aber der sonst so tapfere Mann schauderte vor dem Gedanken , sein Kleinod den Gefahren einer Wintercampagne , deren Ausgang er ahnen mochte , preiszugeben , und die eigentliche Veranlassung seines diesmaligen Besuches - schon 1807 war er auf einige Monate in der Residenz gewesen - war , Monsieur d ' Estein zu bitten , so lange der Feldzug dauere , die Sorge für die kleine Marie zu übernehmen , und wenn er nicht wiederkehren sollte - da waren die Familienpapiere , da war baar und in Wechseln das Vermögen , das er besaß und - die Freunde sahen sich in die Augen und drückten sich die Hände . Der Obrist küßte sein Töchterchen , versprach ihr , in einem Schlitten mit zwei Rennthieren aus Rußland zurückzukommen , küßte sie noch einmal , rief ! Adieu , mon cher !