ihr . « » Lieber Orest , « sagte sie sanft , » auf unsere Einbildungen kommt es nicht an ; die täuschen uns . Der heilige Franz von Assisi sagt : Wir sind das , was wir vor Gott sind . « » Diese Seccatur ! « rief Orest , sprang auf , lief in den Pferdestall , schwang sich auf den Mars , das unbändigste seiner Pferde , und jagte von dannen . Er blieb den ganzen Tag aus , kam spät abends wieder und sagte , er sei drüben in Oggersheim bei den Minoritenpatres gewesen . Ob es sich so verhielt ? ob er bei ihnen war , um das heilige Bußsakrament zu empfangen ? Corona erfuhr es nicht . Sie bat Gott , daß es so sein möge und daß sich Orest bei dem Empfange der heiligen Kommunion keines Gottesraubes schuldig mache . Bei dem Gedanken schwand ihre Ruhe , ihre Ergebung . Sie bot sich ganz zum Opfer für Orest dar - mehr noch : sie bot ihr Kind , ihr einziges , ihre Wonne auf Erden Gott dar , wenn nur Orest in den Abgrund nicht sinke . » O süßes Kind , « sagte sie zärtlich zu Felicitas , die mit ihren seraphischen Augen sie anlachte ; » Dich würde ich ja nach ein paar armseligen Erdentagen im Himmel und für die Ewigkeit wiederfinden ! Du gehst mir ja nicht verloren , Du wirst mir nur in Sicherheit gebracht , wenn der liebe Gott Dich zu sich ruft . Aber wenn ich Deinen armen Vater nicht wiederfände ! Bete , süßes Kind , bete ! « Und sie legte die Händchen der Kleinen zusammen und nahm sie in ihre Hände und hob sie vereint zu Gott auf . So lebte Corona ; ein Marterleben , der Seele nach - immer verwundet durch eine Waffe , die bis aufs Blut geht ; lieblose Demütigung ; und immer verwundet auf dem Punkt , welcher der empfindlichste für eine Frau ist : im Herzen ihres Bewußtseins als Gattin und Mutter . Sie brachte einen Teil des Sommers auf Windeck zu - gern und doch auch ungern . Dort fühlte sie sich zu Hause , denn dort war sie geliebt ; aber in der weichen Luft der Liebe wird auch gar leicht das Herz weich und öffnet sich zur Klage . Das wollte Corona nicht . So weit es in ihrer Macht stand , sollte weder ihr teurer Vater , noch der liebe Onkel Levin eine Ahnung haben von ihrer traurigen Ehe , und deshalb verteidigte sie immer Orest , wenn Graf Damian zuweilen seine Mißbilligung nicht verhehlte . Er sagte einmal ganz mürrisch : » Corona , Du bist allzu demütig ! Ich glaube gar , Du bedankst Dich , wenn Dein Mann Dir das Herz zermalmt . « » Der Thymian duftet am stärksten , wenn er zertreten wird , « sagte Levin in seiner milden Weise . Ihm brauchte Corona nichts zu sagen , nichts zu verschweigen . Er hatte die Schule der Demütigung zu gründlich durchgemacht , um nicht ihre Wirkung in anderen Seelen zu erkennen . » Das ist stark , lieber Onkel ! « rief der Graf . » Wir sind es nicht anders gewohnt , als erhabene Ansichten und Lehren von Ihnen zu vernehmen ; allein dies ist die Erhabenheit zu weit getrieben . Was müßte sich denn , nach Ihrer Meinung , die Frau gefallen lassen , ehe sie sich gegen den Mann empört ? « » Alles - nur nicht die Sünde . Alles andere , in Demut getragen , kann dazu dienen , ihn zu Gott zurückzuführen . Läßt sie sich aber seine Sünden gefallen , so nimmt sie teil an seiner Schuld , und statt ihm die Hand zu reichen , die ihn aus dem Abgrund ziehen könnte , stößt sie ihn hinein . « » Ich bitte Dich , lieber Vater , « rief Corona flehend , » laß Dich nicht irre machen durch Orest ' s Benehmen ! Du weißt ja , daß er von jeher alle Verhältnisse etwas leicht zu nehmen und zu behandeln pflegte . « » O ja ! das weiß ich zur Genüge , « sagte Graf Damian bitter . » Nichts war ihm wichtig , als seine hohe Person , sein liebes Ich . « In seiner Tochter fühlte sich Graf Damian sehr verletzt durch die Selbstsucht , die ihm nie auffiel , wenn er selbst sie übte . » Ja , Väterchen , Du hast den armen Orest sehr verzogen , « sagte Corona und drohte lieblich mit dem Finger ; » Du darfst am allerwenigsten ungehalten sein , wenn er ist , wie er ist . « » Er wäre vielleicht in der scharfen Zucht meiner armen Mutter besser geraten , « sagte der Graf nachdenklich ; » aber das wollte ja Deine selige Mutter nicht , Corona . « » Laß ruhen die wenn und die aber ! « nahm Levin das Wort . Die liebe Kunigunde hat nur ihre Schuldigkeit getan , indem sie Orest nicht fortgab . Jede Erziehung , auch die beste , hat einige Mängel , da sie von unvollkommenen Menschen ausgeht ; und es ist die Sache des Zöglings , solche Mängel zu ergänzen und solche Lücken auszufüllen . Das ist überhaupt nicht die Aufgabe der Erziehung und kann es nicht sein , eine junge Menschenseele fest und fertig für alle Ewigkeit im Guten zu machen . Die Tugend wird dem Menschen nicht angetan ; er muß sie selbständig sich zu eigen machen . Und deshalb kann die Erziehung keine andere Aufgabe haben , als ihm durch Beispiel und Belehrung Liebe zur Tugend einzuflößen , seine Füße auf den Weg zu ihr zu stellen und in seine Hände einen sicheren Wanderstab zu geben . Daß er am Ziel anlange , ist seine Sache . Dafür ist er Mensch und dazu empfing er von Gott die Freiheit des Willens . Kunigunde hat