. Es gibt gar viele Menschen , die große Weihgeschenke der Götter mitbekommen haben und keines derselben anzuwenden vermögen , denen es genügt , über dem Boden der Gemeinheit sich erhaben zu glauben , bloß weil der Buchstabe eines höheren Gesetzes in sie geprägt ist , aber der Geist ist nicht in ihnen aufgegangen , und sie wissen nicht , wie weit sie entfernt sind , jenen Seelenadel in sich verwirklicht zu haben , auf den sie sich so mächtig zugut tun . - Dieses scheint mir also die vornehmste Schule des Lebens , darauf zu achten , daß nichts in uns jene Grundsätze , durch die unser Inneres geweiht ist , verleugne , weder im Geist noch im Wesen . Jene Schule entläßt den edlen Menschen nicht bis zum letzten Hauch seines Lebens . Dein Ephraim wird mir recht geben und ist ein Beweis dafür . Ich glaub auch , daß es die höchste Schicksalsauszeichnung ist , zu immer höheren Prüfungen angeregt zu sein . - Und man müßte wohl das Schicksal eines edlen Menschen aus seinen Anlagen weissagen können . - Du hast Energie und Mut zur Wahrhaftigkeit , und zugleich bist Du die heiterste Natur , die kaum das Unrecht spürt , was an ihr verübt wird . Dir ist ' s ein leichtes , zu dulden , was andre nicht ertragen können , und doch bist Du nicht mitleidsvoll , es ist Energie , was Dich bewegt , andern zu helfen . - Sollt ich Deinen Charakter zusammenfassen , so würd ich Dir prophezeien , wenn Du ein Knabe wärst , Du werdest ein Held werden ; da Du aber ein Mädchen bist , so lege ich Dir all diese Anlagen für eine künftige Lebensstufe aus , ich nehme es als Vorbereitung zu einem künftigen energischen Charakter an , der vielleicht in eine lebendige regsame Zeit geboren wird . - Auch wie das Meer Ebbe und Flut hat , so scheinen mir die Zeiten zu haben . Wir sind in der Zeit der Ebbe jetzt , wo es gleichgültig ist , wer sich geltend mache , weil es ja doch nicht an der Zeit ist , daß das Meer des Geistes aufwalle , das Menschengeschlecht senkt den Atem , und was auch Bedeutendes in der Geschichte vorfalle , es ist nur Vorbereiten , Gefühl wecken , Kräfte üben und sammeln , eine höhere Potenz des Geistes zu erfassen . Geist steigert die Welt , durch ihn allein lebt das wirkliche Leben , und durch ihn allein reiht sich Moment an Moment , alles andre ist verflüchtigender Schatten , jeder Mensch , der einen Moment in der Zeit wahr macht , ist ein großer Mensch , und so gewaltig auch manche Erscheinungen in der Zeit sind , so kann ich sie nicht zu den Wirklichkeiten rechnen , weil keine tiefere Erkenntnis , kein reiner Wille den eignen Geist zu steigern sie treibt , sondern der Leidenschaft ganz gemeine Motive . Napoleon zum Beispiel . - Doch sind solche nicht ohne Nutzen fürs menschliche Vermögen des Geistes . Vorurteile müssen ganz gesättigt , ja gleichsam übersättigt werden , eh sie vom Geist der Zeit ablassen . Nun ! welche Vorurteile mag wohl dieser aller Held schon erschüttert haben ? - und welche wird er nicht noch bis zum Ekel sättigen ? Wie manches werden die zukünftigen Zeiten nicht mit Abscheu ausreuten , dem sie jetzt mit leidenschaftlicher Blindheit anhängen . Oder sollte es möglich sein , daß nach so schauderhaften Gespensterschicksalen der Zeit nicht gegönnt sei , sich zu besinnen ? - Ich zweifle nicht dran , alles nimmt ein End , und nur was lebenweckend ist , das lebt . - Ich habe Dir genug gesagt hierüber , Du wirst mich verstehen . Und warum sollte nicht ein jeder seine eigne Laufbahn feierlich mit Heiligung beginnen , sich selbst als Entwicklung betrachtend , da unser aller Ziel das Göttliche ist , wie und wodurch es auch gefördert werde ? - Ja , ich habe Dir genug gesagt , um Dir nahzulegen , daß jene Anlagen des höheren Menschengeistes das einzige wirkliche Ziel Deiner inneren Anschauung sein müsse , daß es Dir ganz einerlei sein müsse , ob und wiefern Dein Vermögen zur Tätigkeit komme . Innerlich bleibt nichts ungeprüft im Menschen , was seine höhere ideale Natur hervorbringen soll . - Denn unser Schicksal ist die Mutter , die diese Frucht des Ideals unterm Herzen trägt . - Nehme Dir aus diesen Zeilen alles , was Deine angehäuften Blätter berührt , beschwichtige Deine Ängstlichkeit um mich damit . Lebe wohl und habe Dank für alle Liebe und auch den guten Ephraim grüße in meinem Namen und schreib mir von ihm und sprich auch mit ihm von mir . Deine Schwester Lulu fragte mich , ob Du wohl mit ihnen auf ein paar Monat nach Kassel gehen werdest . Tu es doch , mir ist ' s , als würde eine Unterbrechung Deines Lebens Dir jetzt recht gesund sein , obschon ich sonst nicht dafür sein würde . Caroline An die Günderode Ich hab einmal tief aufgeatmet . Dein Brief ist da ! Weißt Du , was ich getan hab ? Drei Tag hab ich mich hingelegt und mich gestreckt und geruht , als wär ich einer schweren Arbeit los . - Ich will gewiß nie wieder so sein . Doch wer kann für solche Gewitterluft . Über Deinen Brief will ich gar nicht mit dir sprechen , als bloß , daß ich Dich mit heimlichen Schauern gelesen hab . - Es ist vielleicht noch nachziehende Schwermut , ich weiß nicht , was es ist ; ich will Dein Herz nicht anrühren , mir ist , als wollt es ausruhen in sich , mir ist der ganze Brief wie ein Abschluß - ach nein , das nicht - wie ein Ordnen vor dem Abschied , wo Du mich ins Leben schickst wie ein älterer Bruder den jüngeren , nicht wahr ? - aber nicht auf lang ? -