und belehrte , und diese Anmaßung , die ihm früher im Hause seines Oheims so unerträglich schien , daß er sich , um ihr zu entgehen , einem ungewissen Schicksale Preis gab , dünkte ihm nun das Zeichen mütterlicher Sorgfalt , und er gewöhnte sich daran , nichts ohne den Rath und die Einwilligung einer Frau zu thun , deren Einfluß er früher mit bitterem Hasse entflohen war . Auch an diesem Tage ließ sie ihn gleich nach der Mittagstafel zu sich rufen und sagte : Mein lieber Vetter , es wäre vernünftig , wenn Sie zu dem Prediger ritten und diesen Abend bei ihm blieben ; denn erfährt er , daß heute eine fremde Frau hier ankommt , so sehen wir ihn sicher auch bald bei uns , um nur gleich im ersten Augenblicke die Fremde zu betrachten und ihren ganzen Lebenslauf auszuforschen . Was kann es schaden , erwiederte gleichmüthig der Arzt , wenn man ihm diese Unterhaltung gönnt ? Ich will das nicht haben , rief die Professorin heftig . Es schickt sich nicht , daß einer , der nicht zur Familie gehört , im ersten Augenblicke gegenwärtig ist , wenn eine solche Bekanntschaft gemacht wird . Freilich , sagte der Arzt , ich habe es längst bemerkt , unser guter Prediger wird leicht zu großer Wißbegierde aufgeregt und ist in solchen Fällen nicht immer delikat . Was geht mich seine Delikatesse an , erwiederte die Professorin , das ist die Sache seiner Frau , die hat für seinen Tisch zu sorgen . Ich will nur nicht , daß er heute die Familie stören soll , und haben Sie nicht gesehen , wie vernünftig der Graf Robert ist , der schon lange davon geritten ist . So klug , denke ich , kann mein Vetter auch sein . Sie haben Recht , wertheste Frau Base , sagte der Arzt , und ob ich gleich heute ein besonderes Studium vorhatte , so will ich es doch bis morgen aufschieben , und heut den ganzen Abend mit dem Prediger Whist oder Boston spielen , und Falls wir ganz allein sind , auch Schach , denn man muß sich seinen Freunden aufopfern . So war nun Alles nach der Meinung der Professorin gehörig vorbereitet , um die ankommende Feindin mit scharfen Blicken zu beobachten , und sie und Dübois horchten mit Herzklopfen auf jedes Geräusch . Aber die Dämmerung war längst eingebrochen , die Lichter in allen Zimmern angezündet und noch immer hörte man keinen Wagen rollen , und die Furcht fing sich allmälig an zu regen , daß man St. Julien nicht mehr wiedersehen würde . Nicht bloß der Haushofmeister und seine Freundin erwarteten mit so ängstlicher Ungeduld den jungen Mann und seine Mutter ; auch der Graf und seine Angehörigen theilten die peinliche Unruhe , die in dem Maße sich steigerte , wie die Finsterniß zunahm . St. Julien hatte die kleine Reise , die ihn seiner Mutter entgegen führte , mit getheilter Empfindung angetreten , und er machte sich selbst bittere Vorwürfe darüber , daß sein Herz nicht mit reiner Freude erfüllt war . Je näher er aber dem Orte kam , wo , wie er wußte , ihn die erwartete , deren mütterliche Liebe ihn so treu auf dem Pfade seines Lebens begleitet hatte , je mehr traten alle andern Empfindungen in den Hintergrund seiner Seele zurück , und mit inniger , lebhafter Zärtlichkeit schloß er die geliebte Mutter in seine Arme . Nach einer so langen Trennung war es natürlich , daß der Tag unbemerkt entfloh , und es war schon völlig dunkel geworden , als der Wagen mit den beiden Reisenden auf den Hof des Schlosses Hohenthal rollte und die Spannung aller Erwartenden löste . Die Gräfin erbleichte . Sie faßte den Arm der nicht minder bewegten Emilie und verließ mit dieser den Saal , um in einer kurzen Einsamkeit die gehörige Fassung zu gewinnen , die Fremde mit anständiger Ruhe zu begrüßen . Der Graf eilte den Ankommenden mit Höflichkeit entgegen . St. Julien hatte so eben seine Mutter aus dem Wagen gehoben , und der Graf bot ihr den Arm , indem er sich ihr als den Herrn des Hauses nannte und das Glück pries , sie bei sich zu begrüßen . Sie wollte , indem der Graf sie die Treppe hinauf führte , von ihrer Dankbarkeit reden , aber die Stimme versagte ihr und eine heftige Rührung erlaubte nur einzelne Töne . Endlich in den Saal angelangt , schlug sie den Schleier zurück , der ihr Gesicht bedeckte , und der Graf blickte in die schönsten schwarzen Augen , die von Thränen funkelten . Der rothe Mund lächelte halb schalkhaft , halb wehmüthig und zeigte zwei Reihen Zähne wie Perlen . Die durch die Reise und durch ein lebhaft aufgeregtes Gefühl höher glühenden Wangen gaben dem Gesicht für einen Augenblick den Reiz entschwundener Jugend zurück , und den Grafen überraschte die Aehnlichkeit mit St. Julien in diesem Gesicht und noch eine andere , die ihn verrwirrte und für einen Augenblick der Sprache beraubte . Die Fremde sagte endlich mit noch immer fließenden Thränen : So hat mir die Zeit denn in der That so übel mitgespielt , daß kein Zug der Erinnerung zu Hülfe kommen will , und ich muß mich Ihnen , Graf Hohenthal , nennen . Der Ton der Stimme rührte eine Saite in des Grafen Brust , die längst nicht mehr geklungen hatte . Er wollte antworten , als die Gräfin eintrat , und mit Ruhe und Anstand sich der Fremden näherte , um sie zu begrüßen . Beide Frauen standen sich einen Augenblick gegenüber , beide wollten reden , aber beide verstummten und starrten sich zweifelnd in die Augen . Adele ! rief endlich die Gräfin mit sterbendem Tone und bebenden Lippen - Cäcilie ! erwiederte die Fremde mit dem lauten Rufe der Freude , und beide Frauen lagen sich in den Armen und umschlossen sich so fest , als ob diese Bande der Liebe sich nie