sie , weinend unter dem Baum , wo er Abschied genommen hatte , und endlich nahm sie den Schleier . * * * Koblenz Ich habe mehrere Tage nicht ins Buch geschrieben , wie hab ich mich danach gesehnt ! Im Wandern durch fremde Straßen hab ich Deiner gedacht . Hier der Spiel- und Tummelplatz Deiner Jugendjahre , da üben der Ehrenbreitstein ; er heißt wie die Basis Deines Ruhms , so muß der Würfel heißen , auf dem Dein Denkmal einst stehn wird . Gestern fielen mir wunderliche Gedanken aus den Wolken , ich hätte sie gern aufgeschrieben , ich war nicht allein , ich mußte sie halt mit den wechselnden Wellen im Strom dahin ziehen lassen . * * * Alles , was dem Wesen der Liebe nicht zusagt , ist Sünde , und alles , was Sünde ist , sagt dem Wesen der Liebe nicht zu . Die Liebe hat eine persönliche Gewalt , die ein Recht an uns übt ; ich unterwerfe mich ihrer Rüge , sie , und sie allein ist die Stimme meines Gewissens . Welche Anregungen auch im Leben vorkommen , welche Wendungen auch ein Geschick nimmt , sie ist der Weg der Modulation , der alle fremde Tonarten harmonisch auflöst , sie gibt die Erkenntnis , den Takt einer wahrhaft sittlichen Größe . Sie ist strenge , und diese Strenge erregt leidenschaftlich für die Liebe , ich brenne vor Begierde zu tun , was ihr gemäß ist . Ich will gern jedes Gefühl , jede Regung an ihr abmessen . Jetzt geh ich schlafen ; könnt ich Dir beschreiben , wie wohl mir ist . * * * Wenn heut der Tag wäre , wo ich Dich wiedersehe ! Heute ! in wenig Sekunden trätest Du hier in meine vier Wände , in denen ich schon seit einem Sommer das Zauberhandwerk treibe , Dich zu besitzen ; ja und manchen Augenblick warst Du mein , meine Liebe zog Dich heran . Ich sah in die Ferne , im Herzen sah ich nach Dir und erkannte Dich . Etwas sich aneignen , etwas besitzen , dazu gehört eine große Kraft ; etwas besitzen wenn auch nur Minuten lang , erzeugt Wunder ; was Du besitzest im Geist , das erkennst Du , was Du erkennst , das nimmt Dich ein , was Dich einnimmt , das erschließt Dir eine neue Welt . * * * Der Geist will Selbstherrscher sein ! der eigne Besitz ist seine wahre Kraft ; jede Wahrheit , jede Offenbarung ist ein Berühren des eigenen Geistes , durchdringst Du ihn , schmilzt Deine Seele in Deinen Geist : dann hast Du alles , was Du vermagst , und jede Offenbarung und Dein Leben ist Dein fortwährendes Wissen , und Dein Wissen ist Dein Sein , Dein Erzeugen . Alle Erkenntnis ist Liebe , darum ist es so selig zu lieben , weil im Lieben der Besitz liegt der eignen göttlichen Natur . Hast Du geliebt ? es war eine Spur göttlicher Natur , Du hobst die Grenze Deines Seins auf und dehntest Dich aus im Besitz Deiner Liebe . Dieses Ausdehnen ist der Kreislauf Deiner geistigen Natur ; was Du liebst , das ist ein Reich , in das Du geboren bist , daß Du vermagst in ihm zu leben . Ach es ist so groß , so unendlich das Reich der Liebe , und doch umschließt es das menschliche Herz . * * * So wollen wir dann das Kloster verlassen , in dem kein Spiegel war , und in dem ich also während vier Jahren vergeblich die Bekanntschaft meiner Gesichtszüge , meiner Gestalt gesucht haben würde , doch ist es mir in dieser ganzen Zeit nie eingefallen daran zu denken , wie ich wohl aussähe ; es war mir eine große Überraschung , wie ich im dreizehnten Jahre zum erstenmal mit zwei Schwestern , umarmt von der Großmutter , die ganze Gruppe im Spiegel erblickte . Ich erkannte alle , aber die eine nicht , mit feurigen Augen , glühenden Wangen , mit schwarzem , fein gekräuseltem Haar ; ich kenne sie nicht , aber mein Herz schlägt ihr entgegen , ein solches Gesicht hab ich schon im Traum geliebt , in diesem Blick liegt etwas , was mich zu Tränen bewegt , diesem Wesen muß ich nachgehen , ich muß ihr Treue und Glauben zusagen ; wenn sie weint , will ich still trauern , wenn sie freudig ist , will ich ihr still dienen , ich winke ihr , - siehe , sie erhebt sich und kommt mir entgegen , wir lächeln uns an , und ich kann ' s nicht länger bezweifeln , daß ich mein Bild im Spiegel erblicke . Ach ja , diese Prophezeiung ist mir wahr geworden , ich habe keinen andern Freund gehabt als mich selber , ich habe nicht um mich , aber oft mit mir geweint ; ich habe gescherzt mit mir , und das war noch rührender , daß am Scherz auch kein andrer teilnahm , hätte mir damals einer gesagt , es sucht jeder in der Liebe nur sich , und es ist das höchste Glück sich in ihr finden , ich hätt es nicht verstanden , doch ist in diesem kleinen Ereignis eine hohe Wahrheit verborgen , die gewiß nur wenige fassen : finde dich , sei dir selber treu , lerne dich verstehen , folge deiner Stimme , nur so kannst du das Höchste erreichen . Du kannst nur dir treu sein in der Liebe , was du schön findest , das mußt du lieben , oder du bist dir untreu . Schönheit erzeugt Begeistrung , aber Begeistrung für Schönheit ist die höchste Schönheit selbst . Sie spricht das erhöhte , verklärte Ideal des Geliebten durch sich selbst aus . Gewiß , die Liebe erzieht eine höhere Welt aus der Sinnenwelt ; der Geist wird durch die Sinne genährt , gepflegt und getragen , er wächst und steigt durch sie zur Selbstbegeistrung , zum