Vieles war in der That überstanden . Die Qualen gehässiger , dem Neide und dem Mißtrauen doch immer nah verwandter Eifersucht waren aus Gabrielens reiner Brust gewichen ; das Opfer , welches sie der Pflicht und dem Glücke des Geliebten mit brechendem Herzen zu bringen bereit gewesen , wurde nicht von ihr gefordert und er war unwandelbar derselbe geblieben , in verschwiegner Liebe , stiller Ergebung und fester Treue ! Das freudige Gefühl gänzlich niederzukämpfen , das bei diesem Bewußtseyn unter Schmerzen und Wonnen in ihr rege werden mußte , überstiege wohl jede menschliche Kraft . Doch allmählig gelangte sie zu hellerem Ueberdenken dessen , was die so ganz veränderte Ansicht ihres Verhältnisses und selbst der nächste Moment von ihr fordern mochten . Sie rief sich mit aller möglichsten Treue ihr Betragen und jedes ihrer Worte während der eben durchlebten erschütternden Scene zurück , und gewann wirklich die beruhigende Ueberzeugung , sich und ihr Geheimniß Hippoliten auf keine Weise verrathen zu haben . So konnte sie denn mit der Vergangenheit zufrieden seyn ; für die Zukunft blieb ihr kein Ausweg , als nach Hippolits Beispiel ihr Inneres fest zu verschleiern und übrigens , getreu der Tugend und ihrem eignen innern Gefühl des Rechten , muthig und getrost auf der gewohnten Bahn fortzugehen . Ihr klarer Sinn erkannte zu gut den Unterschied zwischen Schuld und Unschuld , zwischen Pflicht und überspannter Unnatur , als daß sie bei diesem Entschlusse sich der Unwahrheit gegen Hippoliten oder ihren Gemahl hätte zeihen können . Und so war sie denn abermals bereit , ihrer eignen Ueberzeugung gefaßten Sinnes zu folgen . Jene innere Feigheit , die uns verleitet , einem unausweichbarem Schmerze so lange als möglich aus dem Wege zu gehen , war Gabrielens entschloßnem Gemüth stets fern geblieben , daher gewann sie es auch diesesmal über sich , Hippoliten noch am Abend des nehmlichen Tages in Moritzens Beiseyn wieder zu sehen . Er fand sie wie sonst , freundlich und mild , wenn gleich übrigens ermattet und bleich , und war zu glücklich im Gefühle des alten unzerstörten Verhältnisses zu ihr , als daß er sich beobachtenden Muthmaßungen über die nächste Vergangenheit hätte hingeben mögen . Beide wandelten eine Weile neben einander so hin , er ohne Hoffen , fast ohne Wunsch , weil jeder seinem der innigsten Ergebung geweihten Gemüthe anmaßend dünkte . Sie in aller Wonne des Bewußtseyns , so geliebt zu seyn , in aller Qual eines ewigen fruchtlosen Kampfes mit sich selbst , in ewiger Anstrengung , jeden ihrer Blicke , jedes ihrer Worte zu bewachen , um nicht zu verrathen , was ihre bewegte Brust oft bis zum Zerspringen erfüllte . Das Letztere gelang ihr so , daß in Hippolits Seele keine Ahnung dessen kam , was sie ihm verbergen wollte ; ihr Geist siegte unter dem heiligen Schutze der Tugend , doch ihre körperliche Kraft erlag der ungeheuern Anstrengung . Moritzens höchst beschwerliche Pflege während seiner langen Krankheit mochte ohnehin ihre sonst so blühende Gesundheit untergraben haben , sie erkrankte , und die herbeigerufnen Aerzte erklärten ihr Uebel für um so bedeutender , da man sogar nicht einen Namen dafür sogleich aufzufinden wußte . Fast zu gleicher Zeit kehrte auch Moritzens peinliches Leiden mit verdoppelter Heftigkeit zurück , und Hippolit sah sich zwischen beiden Krankenzimmern in einer ganz unbeschreiblichen Lage . Während Herr von Aarheim durch alle die vielen Ansprüche an ihn seine Geduld aufs äußerste brachte , hätte Hippolit jede Minute mit einem Tage seines künftigen Lebens erkaufen mögen , in der es ihm vergönnt gewesen wäre , Gabrielen nur aus der Ferne zu sehen . Aber das Herkommen , das man so gern strenge Sitte nennt , hielt unerbittlich Wache an ihrer Thüre , und übergab die angebetete Frau der Pflege gemietheter Hände . Gabriele , in deren Bewunderung sich sonst alles erschöpfte , wenn sie , von Glanz und Pracht umgeben , sich zeigte , sie , der sonst überall die innigsten Freundschaftsversicherungen entgegenstürmten , sie fand jetzt in der ganzen großen volkreichen Stadt keine einzige liebende Seele , die sich ihrer Pflege angenommen hätte . Daß der Tante längst bekannte Scheu vor Krankenzimmern diese und auch Ida von diesem ebenfalls entfernt hielt , versteht sich von selbst ; aber auch die treue Annette war nicht zugegen , denn sie lebte jetzt in Lichtenfels , wo sie an einen der dortigen Beamten recht glücklich verheurathet war . Hippolit schrieb in seiner Todesangst an Ottokar , an Ernesto , an Frau von Willnangen , die er gar nicht kannte , er hätte mit einem einzigen Schrei die ganze Welt zu Hülfe rufen mögen , und mußte sich begnügen , an der Thüre ängstlich zu lauschen , bis der Arzt oder jemand von Gabrielens Bedienung heraustrat und ihm versicherte , daß sie noch athme . Die Aerzte wichen ihm aus , wo sie nur konnten , denn er quälte sie mit Fragen und Bitten , denen sie nichts bestimmtes entgegen zu setzen hatten . Oft wenn es ihm im Hause zu enge ward , lief er hinaus auf die Straße und starrte hinauf zu denen verödeten Fenstern , aus welchen so manches freundliche Grüßen und Winken ihm sonst entgegengelächelt hatte , bis die vorübergehenden Leute stille standen und ihn verwundert angafften . Dann erschrak er beschämt über seine Unvorsichtigkeit , eilte fort und nahm sich von neuem vor , so lange Gabriele athme , strenge zu halten was er ihr gelobte . Endlich kam ihm Trost , denn noch ehe die Antwort auf Hippolits Brief zu erwarten gewesen wäre , erschien Frau von Willnangen selbst . Sie hatte sich gleich nach dem Empfang desselben in ihren Wagen geworfen . Hippolit empfing sie wie man einen Rettung und Heil verkündenden Engel empfängt ; er hätte gern dankbar ihre Knie umfaßt , da sie ihm entgegentrat . » Nun wird alles , alles gut , und Gabriele uns wiedergeschenkt ! « rief er beinahe jubelnd aus , während er sie bis zur Thüre des Zimmers der geliebten Kranken mehr