gefaßt . Ich werde seine Hand annehmen . « Der Ton dieser Worte zeigte hinreichend , daß die junge Dame gewohnt war , selbst zu entscheiden , und daß der Vater weder den Willen noch die Macht hatte , ihr darin Vorschriften zu machen . Jedenfalls kam sie in diesem Punkte seinen Wünschen entgegen , und auf seinen Zügen lag der Ausdruck höchster Befriedigung , als er antwortete : » Daran habe ich nie gezweifelt , du bist ja stets mein kluges , mein verständiges Kind gewesen , und eine glänzendere Partie findest du überhaupt nicht . Aber du kommst auch nicht mit leeren Händen zu deinem künftigen Gatten , und wenn das Unternehmen , das ich jetzt mit Ronald im Auge habe , in das Leben tritt , wird sich mein Vermögen – dereinst das deinige – nahezu verdoppeln . « » Du meinst die Umwandlung der Steinfelder Werke in eine Aktiengesellschaft ? « fragte die junge Dame sehr verständnisvoll . » Ganz recht , wir haben den Plan dazu bereits in seinen Hauptzügen festgestellt und denken im Herbste die Sache in Angriff zu nehmen . Dann soll auch eure Verlobung veröffentlicht werden . « » Erst im Herbst ? Weshalb ? « fragte Edith etwas befremdet . Marlow lächelte : » Das möchte dir Ronald selbst sagen . Ich will ihm darin nicht vorgreifen , glaube aber , du wirst mit seinem Wunsche einverstanden sein , wie ich , wenn du den Grund erfährst . Wir überlassen dir natürlich die Entscheidung , und jedenfalls feiern wir heut abend die Verlobung im engsten Familienkreise . « Damit küßte der Bankier sein » kluges , verständiges Kind « , und damit war die Sache erledigt . Gefühlsscenen waren nicht üblich zwischen ihnen , auch nicht bei solchem Anlaß . Wer den Verkehr zwischen Vater und Tochter sah , der begriff vollkommen , daß Edith Marlow so kühl und verstandesklar geworden war , wie sie sich eben zeigte . Er liebte ja zweifellos sein einziges Kind und war stolz darauf , aber Wärme und Herzlichkeit lagen nun einmal nicht in seinem Charakter , Edith war für die Welt erzogen und vollkommen befähigt , dort die glänzende Rolle zu spielen , die ihr jetzt geboten wurde , das genügte , Herzensbedürfnisse gab es da nicht . Das Rollen eines Wagens machte die beiden aufmerksam . Sollte das schon Ronald sein ? Nein , es saßen mehrere Herren in einem offenen Wagen , der dort an dem Parkgitter entlang fuhr und dann in den Hof einbog . Der Bankier runzelte die Stirn . » Besuch ? Und das gerade heut ! Wie lästig , hier kann man sich ja nicht einmal verleugnen lassen . Nun , hoffentlich bleiben sie nicht lange , und Ronald trifft vermutlich erst gegen Abend ein . Noch eins , Edith , wir müssen natürlich Wilma in das Vertrauen ziehen , aber wir werden ihr Schweigen auferlegen gegen jeden Fremden , und jetzt werde ich mich einstweilen zurückziehen . Ich habe gar keine Eile , diese Herrschaften – wahrscheinlich doch Heilsberger – kennen zu lernen . « Er ging nach seinem Zimmer . Edith fand es auch sehr lästig und unbequem , sich heut zu einer Unterhaltung mit den Heilsberger Bekannten ihrer Cousine herablassen zu müssen , und beschloß gleichfalls , ihnen ihre Gegenwart vorläufig zu entziehen . Nicht , daß sie besonders aufgeregt war , weil heut ihr künftiger Gatte kommen wollte , um sich das Jawort von ihr zu holen , darauf war sie ja längst vorbereitet , der Besuch störte und langweilte sie nur . Edith Marlow wußte nichts von all dem Träumen , Sehnen und Hoffen , das sich sonst an eine solche Stunde knüpft , obgleich diese Verlobung ganz nach ihrem Wunsche war und ihren Stolz und Ehrgeiz vollkommen befriedigte . Es war doch wahrlich keine Kleinigkeit , einen Ronald zu fesseln , dessen genialer Unternehmungsgeist jeden zur Bewunderung zwang , dessen ungemessener Reichtum ihm eine fast unbegrenzte Macht gab , vor dem sich alle beugten ! Alle ? Nein ! Einen gab es , der beugte sich nicht , der bekannte sich offen und rückhaltlos als Feind des fast allmächtigen Mannes , der wagte es sogar , ihm zu drohen , denn es war eine Drohung gewesen , die in den Augen , in der ganzen Haltung jenes Fremden lag , wenn er sie auch nicht ausgesprochen hatte . Seltsam ! Edith konnte die Erinnerung nicht los werden , und sie war doch nichts weniger als angenehm , denn jene Begegnung endigte mit einer Zurechtweisung , die das stolze Mädchen als Beleidigung empfand . Es war eine quälende Erinnerung , die oft genug unwillig fortgewiesen wurde , aber sie kam immer wieder . Auch jetzt kam sie herangeschlichen , leise , unmerklich und spann ihre unsichtbaren Fäden und legte auf das schöne kalte Antlitz der jungen Dame einen Ausdruck von Träumerei , der ihr sonst ganz fremd war . Da tauchte wieder der kleine Friedhof auf , der so einsam und vergessen tief im Walde lag , wo der Sonnenschein hinflutete über halbversunkene Hügel und zerfallene Mauern , wo Tod und Leben sich so seltsam einten in dem Blühen und Duften , das über Gräbern erwuchs . Da tönte wieder das Summen der wilden Bienen , das wie ferne Musik klang , und der Gesang der Amsel , das jauchzende Maienlied . Und da stand auch die Gestalt des Mannes mit den düsteren Augen , die doch Blitze sprühen konnten , mit dem Aufflammen der Empörung , als man es wagte , ihn zu beleidigen . Das alles war erst vor ein paar Tagen geschehen und lag doch so fern wie ein Märchen , das man irgendwo gehört oder geträumt hat und das nichts zu thun hat mit der hellen , nüchternen Wirklichkeit . Da tönten Stimmen im Gartensaal , und Edith erwachte . Sie hatte diesen störenden Besuch ganz vergessen und wandte sich nun halb unwillig um , zuckte aber plötzlich zusammen