gefürchtet . Die Sorge und Verantwortlichkeit für das große , streng geregelte Hauswesen lag nach wie vor in den Händen eines alten Haushofmeisters , der schon seit langen Jahren dieses Amt verwaltete und Alles ordnete und leitete , während er nur seinem Herrn selbst Rechenschaft darüber ablegte . Der Freiherr mochte zu tiefe Einblicke in den Residenzhaushalt seiner Schwägerin gethan haben , um ihr in dieser Hinsicht irgend eine Selbstständigkeit zu gestatten . Sie vertrat der Gesellschaft gegenüber die Dame des Hauses , war aber eigentlich nur Gast in demselben . Eine andere Frau hätte die Stellung , in die sie dadurch gedrängt wurde , als eine Demütigung empfunden , der Baronin aber lag eigentliche Herrschsucht ebenso fern , wie der Begriff von Pflichten ; sie war viel zu oberflächlich , um beides zu kennen . Ihre Lage gestaltete sich weit angenehmer , als sie nach der Katastrophe , die dem Tode des Barons folgte , hoffen durfte ; sie lebte mit ihrer Tochter in glänzenden Umgebungen ; der Freiherr hatte ihr eine ziemlich bedeutende Summe für ihre persönlichen Ausgaben zugesichert ; Gabriele war seine anerkannte Erbin – da ließ sich schon der Zwang ertragen , den das Zusammenleben nun einmal unvermeidlich mit sich brachte . Auch Gabriele hatte sich schnell mit der neuen Umgebung vertraut gemacht . Der vornehme , großartige Zuschnitt des [ 193 ] Raven ’ schen Hauses , die peinliche Pünktlichkeit und die strengen Formen , welche überall vorherrschten , die unbedingte Ehrfurcht der Dienerschaft , für die jeder Wink des Herrn ein Befehl war , das alles imponirte der jungen Dame ebenso sehr , wie es sie befremdete . Es stand im schärfsten Gegensatze zu dem elterlichen Haushalte in der Residenz , wo neben dem größten Glanze auch die größte Unordnung herrschte , wo die Diener sich Unzuverlässigkeiten und Respectwidrigkeiten aller Art erlaubten und das Familienleben in der Jagd nach Zerstreuungen unterging . Dazu kamen später , als die Schuldenlast sich häufte und die Verlegenheiten dringender wurden , die heftigsten und unzartesten Scenen zwischen dem Baron und seiner Gemahlin , wo jeder dem Andern Verschwendung vorwarf , ohne daß dieser jemals gesteuert werde . Die halberwachsene Tochter war nur zu oft Zeuge solcher Scenen gewesen ; gleichzeitig verzogen und vernachlässigt von den Eltern , die gern mit dem hübschen Kinde Staat machten , sich aber sonst so gut wie gar nicht um dasselbe kümmerten , fehlte ihr jede ernstere Lebensrichtung . Selbst die Ereignisse des letzten Jahres , der Tod des Vaters und die bald darauf hereinbrechende Vermögenskatastrophe , waren fast spurlos an dem jungen Mädchen vorübergegangen , das in seinem sorglosen Leichtsinn gar keine Empfänglichkeit für den Schmerz hatte . Aber so viel Urtheilskraft besaß Gabriele doch , zu sehen , daß es in dem Hause des „ Emporkömmlings “ sehr viel vornehmer und aristokratischer zuging , als in dem ihrer Eltern , und sie ärgerte die Mutter oft genug mit Bemerkungen über diesen Punkt . – Die Baronin saß auf dem kleinen Sopha ihres Wohnzimmers und blätterte in den Modejournalen . In den nächsten Tagen sollte eine größere Festlichkeit bei dem Gouverneur stattfinden ; die höchst wichtige Toilettenfrage harrte also der Entscheidung , und Mutter und Tochter gaben sich mit dem größten Eifer dem für sie so interessanten Studium hin . „ Mama , “ sagte Gabriele , die neben der Mutter saß und gleichfalls einige der Modeblätter in der Hand hielt , „ Onkel Arno erklärte gestern diese großen Gesellschaften für eine lästige Pflicht , die seine Stellung ihm auferlege . Er findet nicht das mindeste Vergnügen daran . “ Die Baronin zuckte die Achseln . „ Er findet an nichts Vergnügen , als an der Arbeit . Ich habe nie einen Mann gesehen , der sich so wenig Ruhe und Erholung gönnt , wie mein Schwager . “ „ Ruhe ? “ wiederholte Gabriele . „ Als ob er die Ruhe überhaupt kennte oder auch nur ertrüge ! In den frühesten Morgenstunden sitzt er schon an seinem Schreibtisch , und Abends sehe ich oft noch um Mitternacht Licht in seinem Arbeitszimmer . Bald ist er in der Kanzlei , bald in den Bureaus ; dann wieder fährt er aus , nimmt Besichtigungen vor und inspicirt Gott weiß was für Dinge ; dazwischen empfängt er alle möglichen Leute , hört Vorträge an , giebt Befehle – ich glaube , er allein leistet so viel , wie all seine übrigen Beamten zusammengenommen . “ „ Ja , er war stets eine rastlose Natur , “ bestätigte die Baronin . „ Meine Schwester erklärte oft , es mache sie schon nervös , an diese unausgesetzte , ruhelose Thätigkeit ihres Mannes auch nur zu denken . “ Gabriele stützte den Kopf in die Hand und sah nachdenkend vor sich hin . „ Mama , “ begann sie plötzlich wieder , „ die Ehe Deiner Schwester muß recht langweilig gewesen sein . “ „ Langweilig ? Wie kommst Du darauf ? “ „ Nun , ich meine nur : nach allem , was man hier im Schlosse davon hört . Die Tante bewohnte den rechten Flügel und der Onkel den linken ; er kam oft wochenlang nicht in ihre Zimmer und sie niemals in die seinigen ; ich glaube , sie speisten nicht einmal zusammen . Jedes hatte seine eigene Equipage und Dienerschaft . Jedes ging und fuhr auf eigene Hand aus , ohne nach dem Andern auch nur zu fragen – es muß ein ganz seltsames Leben gewesen sein . “ „ Du bist im Irrthum , “ entgegnete die Mutter , für welche diese Art zu leben offenbar gar nichts Abschreckendes hatte . „ Es war eine durchaus glückliche Ehe . Meine Schwester hatte sich nie über ihren Gemahl zu beklagen , der jeden ihrer Wünsche erfüllte . Die Glückliche hat niemals die Bitterkeiten und Scenen kennen gelernt , die ich in den letzten Jahren nur allzu oft ertragen mußte . “ „ Ja , Du hast Dich freilich sehr oft mit dem Papa