jener ohnehin nicht auf besonders freundschaftlichem Fuße stand , auf die Idee gerieth , es gelte hier einen Angriff , und in pflichtschuldiger Unterstützung seiner jungen Herrin laut bellend nach dem Kleide des Fräuleins fuhr . „ Um Himmelswillen ! “ rief diese empört , „ wollen Sie mich von oben todtdrücken und von unten zerreißen lassen ? Bringen Sie das kleine Ungethüm zur Ruhe und lassen Sie mich los , oder ich rufe um Hülfe ! “ Lachend beruhigte Lucie den Hund , aber die Zeichenstunde fortzusetzen , erwies sich als unmöglich . Das ganze Köpfchen der [ 40 ]  jungen Dame wirbelte bei dem Gedanken an diese erste große Gesellschaft , die sie mitmachen sollte , zuerst kamen Erkundigungen über das Wo , Wie und Wann , dann wurde die Toilettenfrage erörtert – die Erzieherin sah , daß heute absolut nichts mehr zu erreichen war , sie gab den Unterricht auf . „ Lucie , “ sagte sie feierlich , „ es giebt zwei Dinge auf der Welt , die ich noch zu erleben wünschte , aber leider liegen sie alle beide im Bereiche der Unmöglichkeit . Ich möchte den Menschen sehen , der im Stande ist , Sie zum Ernst und zur Vernunft zu bringen , und ich möchte das Wesen kennen lernen , das fähig wäre , Ihren Bruder auch nur um ein Haar breit von dem abzubringen , was er sich einmal in den Kopf gesetzt hat zu thun . Ihr Geschwister seid zwei Gegensätze , die nur eine Aehnlichkeit miteinander haben – es ist mit beiden nichts anzufangen ! “ Das Fest , mit welchem Baron Brankow seinen Namenstag feierte , hatte bereits seinen Anfang genommen . Das dortige Herrenhaus konnte nun freilich nicht im Entferntesten mit dem großartigen Aufwande , der in der Prälatur des Stifts , oder der schweren alterthümlichen Pracht , die in Schloß Rhaneck herrschte , den Vergleich aushalten , es war eben nur der einfache Sitz eines Landedelmannes aus gutem alten Hause ; aber dies Haus war reich und gastfrei , und hatte sich dadurch zu einer Art von Mittelpunkt für die Geselligkeit der Umgegend gemacht . Man kam gern zu diesen Festen , und auch heute war die zahlreich geladene Gesellschaft ebenso zahlreich erschienen . Baron Brankow , ein kleiner freundlicher Herr , gutmüthig , eifrig und herzlich , ohne besondere aristokratische Würde , aber dafür mit allen Eigenschaften eines guten Wirthes begabt , empfing seine Gäste und geleitete soeben den Prälaten , der vor wenig Minuten angekommen war , zu einem Sessel am oberen Ende des Saales . Der Abt des ersten und bedeutendsten Stiftes im Lande , das durch seinen Reichthum und seinen Einfluß eine fast fürstliche Stellung einnahm , pflegte mit seinen Besuchen sehr sparsam zu sein . Er erschien nur da , wo er wirklich auszeichnen wollte , und es gab nicht Viele , die sich rühmen konnten , ihn als Gast bei sich gesehen zu haben . Die Haltung des Barons und seiner Familie zeigte denn auch , daß sie diese Auszeichnung im vollsten Maße zu würdigen wußten , und die ganze übrige Gesellschaft empfing den hochgestellten Geistlichen mit der ihm gebührenden ehrfurchtsvollen Aufmerksamkeit . Unmittelbar hinter seinem Oberen schritt Pater Benedict . Der Prälat fuhr niemals allein zu solchen Festen , er pflegte stets einen der Stiftsherren mit sich zu nehmen , die sich seiner besondern Gunst erfreuten , Es schien aber nicht , als ob der junge Priester den Vorzug zu würdigen wisse , der ihm zu Theil geworden , sein Antlitz trug den gewöhnlichen Ausdruck kalter Verschlossenheit und finster , fast feindselig blickte er auf das festliche Wogen und Treiben . Dies Wogen und Treiben hatte übrigens heute nicht seine gewöhnliche , sich immer gleich bleibende Physiognomie , es lag eine leichte Aufregung darin , eine gewisse Unruhe , die bald genug auffiel . Man blickte oft nach der Thür , man flüsterte in Gruppen zusammen , irgend etwas Besonderes schien erwartet zu werden , irgend etwas Ungewöhnliches im Werke zu sein , und doch war dies nicht das Erscheinen des Grafen Rhaneck , der unmittelbar nach seinem Bruder eintrat , seine Gemahlin führend , während der junge Graf Ottfried den Beiden folgte . Zwar gab sich auch bei ihrer Ankunft die gleiche Bewegung kund , wie beim Eintritt des Prälaten ; Rhaneck ’ s Stellung in der Residenz war eine zu bedeutende , um ihn nicht hier zu einer Autorität ersten Ranges zu machen , ganz abgesehen davon , daß er der reichste und vornehmste unter all ’ den Nachbarn war ; man empfing auch ihn mit der gleichen Ehrerbietung , wie seinen Bruder . Die Gräfin war eine jener Erscheinungen , wie sie häufig genug vorkommen , vornehm , unbedeutend , langweilig , jedenfalls nicht die Frau , die einen Mann wie ihren Gemahl zu fesseln verstand . Ihr Sohn Ottfried trug unverkennbar die Rhaneck ’ schen Familienzüge , er glich äußerlich sehr dem Vater , aber ihm fehlte die feurige Lebhaftigkeit desselben , ebenso sehr wie die energische Ruhe des Oheims , sein ganzes Wesen verrieth eine Blasirtheit , in der alle anderen , vielleicht besseren Eigenschaften zu Grunde gegangen waren . Der noch so junge Mann hatte augenscheinlich schon alle Freuden des Lebens ausgekostet und war ihrer überdrüssig geworden , da war auch kein Hauch mehr von jener Kraft und jenem Feuer , das der alte Graf sich bis in seine späteren Jahre hinein bewahrt hatte , der schmächtige junge Officier mit den schlaffen Zügen und den matten Augen nahm sich neben der stattlichen Erscheinung des Vaters ziemlich unvortheilhaft aus . Rhaneck hatte kaum den Bruder begrüßt und mit der Frau vom Hause gesprochen , als er sich auch bereits von allen Seiten in Anspruch genommen sah . Auch Ottfried befand sich bald genug in einem Kreise von Altersgenossen , die ihn mit Fragen und Erkundigungen nach der Residenz bestürmten . Die Gräfin dagegen saß im Kreise der Damen , ließ ihre reiche Toilette glänzen