Warum weinst du ? « » Ich weiß nicht , Ohm ; es kommt nur manchmal so . « Da ergriff ich sie bei beiden Händen : » Du sollst mir standhalten , Kind ! Nicht wahr , du härmst dich nach deinem Tänzer , nach dem Baron , der jetzt auf seinen Gütern ist ? « » Nein , nein , Ohm ! « rief sie heftig . » Nun , was ist ' s denn ? Kannst du ' s deinem alten Ohm nicht sagen ? Wir wollen sehen , daß wir Hülfe schaffen ! « Aber ich sah nur , daß ihr die Tränen reichlicher aus den Augen rannen : » Ich kann nicht ! « Und sie stammelte das nur so . » O lieber Gott ! die Angst ! die Angst ! « schrie sie dann wieder . » Aber so sag dir ' s doch vom Herzen ! Kind , wirf den Ballast über Bord ! Oder , wenn nicht mir , so sag es deiner Mutter ! « Sie starrte mit ihren schmucken Augen vor sich hin , als ob sie in ein schwarzes Wasser sähe , und sagte rauh : » Nein , nicht der , nicht meiner Mutter . « » Versündige dich nicht « , sprach ich ; » du hast ja nur uns beide auf der Welt ! « Da warf sie sich auf die Knie und schrie : » Mein Vater , o mein guter Vater ! Ich will zu dir ! « Und ich kniete neben ihr und wußte mir nicht zu helfen ; denn , Nachbar , die Frauenzimmer haben nicht den Verstand , daß man ihnen damit beikommen könnte . Zum Glück klingelte jetzt die Haustür , und ihre Mutter mit einem Korb voll Brot und Kohl und Rüben trat herein ; und so ließ ich die beiden und ging nach dem Römischen Kaiserhof und dort unten in das Gastzimmer . Aber mein Glas schmeckte mir nicht , denn immer sah ich das arme Kindergesicht in seiner Angst und Not . – – Sie hatte sich denn endlich doch der Mutter kundgetan , aber , Herr Nachbar , helfen konnten wir nicht ; nur , wir wußten es denn nun – ein vaterlos Kind sollte geboren werden , von ihr , die ja fast selber noch ein Kind war . Herr du meines Lebens ! Wie wurde die alte Tugendkreatur lebendig ! Wie hat sie geschrien ! Den Mund hab ich ihr verhalten müssen , daß nur die ganze Gasse nicht zusammenlief : sie wollte den Baron verklagen , von seinem Gelde wollte sie nichts ; aber heiraten sollte er ihre Tochter , noch Frau Baronin sollte sie werden ! Ja , das sollte sie ! » Ja « , sagte ich , » Baronin ! Aber wenn ' s nun ein Posamentiergeselle oder ein Balbierer gewesen ist ! « Da schrie sie noch schlimmer . Und freilich , später erfuhren wir wohl : es war richtig so ein feiner Maat , ein Wasserschößling aus großer Familie gewesen , von denen , die von Schulden leben und deren Geschäft ist , anderer Leute Kinder zu verderben . Der Herrgott weiß , wo er geblieben ist ; von seinen Gütern ist er nicht zurückgekommen . Die Anna aber wurde immer stiller . Wenn die Mutter da war , besorgte diese den Laden , und sie saß im Hinterstübchen und nähte sich die Augen rot ; war die Mutter aus dem Hause , so bediente das arme Kind die Käufer demütig und wie eine Sünderin , sprach nur , was nötig war , und ihre jungen Augen , die sonst so lustig in die Welt sahen , waren fast allzeit zu Boden geschlagen . Nur , wenn je zuweilen abends die Mutter auswärts war , kam sie die Treppe zu mir heraufgeschlichen . Dann pochte sie leise an die Tür : » Darf ich ein wenig bei dir sitzen , Ohm ? Es ist so einsam unten . « Und ich rückte ihr einen Stuhl zum Tisch ; ich selber las die Zeitung oder schrieb , wenn so was vorlag . Gesprochen wurde nicht viel ; von dem , der ihre Jugend gebrochen hatte , hat sie nie ein Wort geredet ; dagegen waren ihre Gedanken oft bei einem Toten . So sagte sie einmal und hielt ihre Nadel müßig in der Hand : » Ohm , ich war doch schon sechs Jahre , als mein Vater starb ; aber , wenn ich an ihn denken will , ich kann mir sein Gesicht nicht mehr vorstellen das ist doch wohl keine Sünde . « » Nein , Kind « , erwiderte ich , » warum sollte das eine Sünde sein ? « » Ja , er hat mich doch so liebgehabt ; das fühl ich wohl noch immer , aber sein Gesicht , das kann ich nicht mehr sehen ! « Es tat mir weh , Nachbar , als das arme Kind so sprach , ich weiß nicht mehr , weshalb ; ihr Vater konnte auch sein schmuckes Gesicht nicht mehr gehabt haben , als er verunglückte . Da fiel mir ein , ich bewahrte ja noch ein paar Briefschaften von ihm aus seiner besten Zeit , aus Rio einen , den andern aus Hongkong , die waren so hell und jung geschrieben , als stünde er im Maiensonnenschein am Steuerrad und der Südwind wehte durch seine dunkeln Locken . Die holte ich aus meiner Schatulle und legte sie vor ihr hin : » Da , Anna , hast du deinen Vater ; es war , by Jove , derzeit ein herrlicher Junge ! « Ein heißes Rot flog über das blasse Gesicht , und ihre Augen strahlten für einen Augenblick . » Darf ich sie lesen ? « rief sie , und da ich nickte : » Darf ich sie auch mit mir nach unten nehmen ? « » Gern « , sagte ich , »