wuchs die Dämmerung . Die in dem tiefen Lehnsessel ruhende Frauengestalt war kaum noch erkennbar ; dann fiel ein bleiches Mondlicht über den getäfelten Fußboden . Draußen erhob sich der Wind . Er kam aus weiter Ferne ; ihr war , als sähe sie , wie er drunten über die mondhelle Heide fegte , wie er die Wolkenschatten vor sich hertrieb ; sie hörte es näher kommen , die Tannen sausten , die alten Linden der Gartenallee ; und nun fuhr es gegen die Fenster und warf einen Schauer von abgerissenen Blättern an die Scheiben . – Der große Hund erhob sich von seinem Teppich und legte seinen Kopf auf ihren Schoß . Sie blickte eine Weile auf das glänzende Auge des Tieres ; endlich sprang sie auf aus dem weichen Sessel und drückte mit beiden Händen das Haar an den Schläfen zurück , als wollte sie alles Träumen gewaltsam von sich abstreifen . » Ausharren ! « rief sie leise . Dann trat sie zur Tür und zog die Klingelschnur ; über sich hörte sie Rudolf in seinem Zimmer auf und ab gehen . Es wurde Licht gebracht . » Und was denn nun zunächst ? « – Aber sie wußte es schon ; nachdem sie noch einen Augenblick in das verglimmende Kaminfeuer geblickt hatte , setzte sie sich an ihren Schreibtisch . Nach einer Stunde stand sie auf und siegelte einen Brief ; die Adresse lautete an Rudolfs Mutter . Es wird Frühling Es wird Frühling Es war Winter geworden und einsam . In dem Zimmer oben ließ sich kein Schritt mehr hören ; Rudolf hatte , wie sie es gewollt , das Schloß verlassen . Draußen vor dem Fenster sauste es in den nackten Zweigen , und in der Dämmerung vernahm man vom Korridor her das Schrillen der Spitzmäuse , welche in den öden Gängen umherhuschten . Manchmal , wenn sie abends aus dem Wohnzimmer in ihr Schlafgemach trat , blieb sie wie angewurzelt auf der Schwelle stehen . » Eine Kammer zum Sterben ! « Sie schauderte . » Aber man braucht nur stillzuhalten ; die Natur besorgt es ganz von selber ! « Sie ging umher , grübelnd , ob das , was ihre Gedanken zu dem fernen Geliebten zwang , nur die geistige Übereinstimmung ihres Wesens oder nicht vielmehr jene berauschende Naturgewalt sei , der sie keine Berechtigung zugestehen wollte . So reifte in ihr der Entschluß , soviel sie selbst vermöge , die Wiederherstellung ihrer Ehe zu versuchen . Zu dem Ende schrieb sie an ihren Gemahl , ausführlich und mit aller Wahrhaftigkeit und aller Milde , deren sie fähig war ; eine aussichtslose Arbeit jenem Manne gegenüber , für den die Ehe nur die Bedeutung eines äußeren Anstandsverhältnisses hatte . Der Brief war abgesandt ; aber ein Tag nach dem andern verging , es kam keine Antwort . Ruhelos wanderte sie umher in den weiten Räumen ; das trübe Dunkel des Wintertags lastete auf ihr wie eine Schwermut , die sie nicht abzuwerfen vermochte . Doch es wurde wieder heller in dem alten Hause . Um Weihnachten war Schnee gefallen und leuchtete in die Fenster . Eine freundliche Wintersonne begann zu scheinen . Eines Nachmittags war mit den Zeitungen ein Schreiben angelangt , das den Poststempel der Residenzstadt trug . Ihre Hände zitterten , als sie das Siegel brach . Einen Augenblick noch , und ein Schrei stieg aus ihrer Brust , wie es dem Erstickenden geschehen mag , wenn ihn plötzlich wieder der frische Strom der Luft berührt . Sie hatte den Tod ihres Mannes gelesen . Noch an demselben Tage reiste sie ab . – Einige Wochen vergingen ; dann war sie wieder da . Während draußen allmählich der Schnee zerschmolz , wurde ein lebhafter Briefwechsel mit dem alten Oheim geführt ; und endlich war es ausgemacht , sobald im Garten die Buchenhecken grün seien , wollte er kommen und sein altes Quartier beziehen ; denn früher sei die große lebendige Vogelsammlung nicht zu transportieren . Als sie den Brief bekommen hatte , ging sie hinauf in das obere Stockwerk , durch den Saal in das einst so trauliche Zimmer des guten Oheims . Die Wände waren kahl , aber draußen vor dem Fenster hing noch der große Holzkäfig des Käuzchens . Sie ging wieder zurück ; sie schloß eine Tür nach der andern auf , sie ging unten durch die ganze Zimmerreihe , die sie während ihrer Anwesenheit noch nicht betreten ; die verlassenen dumpfigen Räume schienen ihr nicht öde ; überall in ihnen war ja Raum für den Beginn eines neuen Lebens . Und endlich kam der Frühling . – Über der schwarzen Erde sprang an Gebüsch und Bäumen das frische Grün hervor ; im Garten an den Grasrändern der Buchenhecken stand es blau von Veilchen , und morgens und abends hörte man drüben vom Tannenwald die Amseln schlagen . An einem solchen Tage wandelte die junge Schloßherrin in der Seitenallee ihres Gartens . Mitunter blickte sie über den niedrigen Zaun auf den Weg hinaus , oder jenseit desselben in die weite morgenhelle Landschaft . Zwischen den Feldern stand hie und da ein Baum , wie brennend im Sonnenfeuer ; es war alles so licht , so heiter klangen die Grüße der vorübergehenden Arbeiter , und in der Luft schwammen die » süßen ahnungsreichen « Düfte des Frühlings . Da sah sie zwei Männer aus dem Tannicht den Weg heraufkommen , ein Bursche vom Dorf trug ihnen das Gepäck nach . Der eine , dessen Haar völlig weiß war , blieb stehen und blickte , die Augen mit der Hand beschattend , nach dem Garten hinüber . Auch sein jüngerer Begleiter zögerte ; er hatte den Hut abgenommen und schüttelte mit einer leichten Bewegung den Kopf , während er an den Schläfen das schlichte Haar zurückstrich . Dann kamen sie näher ; und schon waren sie von ihr erkannt . » Arnold , Onkel Christoph ! « rief sie und streckte weit die Arme ihnen entgegen . »