durch ihr Bleiben auferlegte , unter der sie erliegen mußte , wenn sie nicht floh ! … Wie furchtbar hatte sie in den letzten Wochen gelitten ! Sie meinte , sich selbst verachten zu müssen , weil sie da nicht hassen konnte , wo sie sollte und mußte … Wie geschäftig war ihr Herz gewesen , einen strahlenden Nimbus um sein Bild zu zaubern , als er neulich sie und die Muhme gegen seine Tante beschützte ! Tags darauf begegnete sie ihm im Klosterhof , als er den Kirchenschlüssel bei der Muhme holen wollte . Sein eisiges Gesicht , die vornehme Ruhe seiner Haltung und die welligen , gleichgültigen Worte , die er an sie richtete , zeigten ihr abermals , wie thöricht es sei , in diesem kalten Herzen reges Mitgefühl vorauszusetzen . Er hatte einfach seine Rechte als Hausherr der anmaßenden Tante gegenüber vertreten wollen , und deshalb war es ihm jedenfalls sehr gleichgültig , wer die Veranlassung zu dieser Zurechtweisung gewesen . Ein Vogel , der lange auf einem Zweig über ihr auf- und abspaziert war , flog schnell davon . Sie beachtete es nicht ; als sie aber den seinen Duft einer Cigarre plötzlich einathmete , da fuhr sie erschrocken in die Höhe und blickte um sich . Eine Männergestalt , den Rücken nach ihr gekehrt , saß nicht weit von ihr auf einem großen , bemoosten Steine und zeichnete . Diese Männergestalt war Werner … Er schien in seine Arbeit so vertieft , daß Magdalene , welcher das Herz vor Schrecken heftig klopfte , hoffen konnte , er habe sie gar nicht gesehen und sie könne unbemerkt entschlüpfen . Leise erhob sie sich und glitt wie ein Schatten unter dem überhängenden Ast weg , das Auge voll Angst auf den emsig Zeichnenden geheftet . Aber kaum hatte sie sich einige Schritte weit entfernt , als Werner , ohne aufzublicken , hinüberrief : „ Verzeihen Sie , daß ich in Ihr Reich eingedrungen bin ! “ Darauf wendete er sich um nach ihr und lüftete den Strohhut , der leicht auf seinem dunkelblonden Haar saß . Augenblicklich verwandelte sich Magdalenens Gesicht und Haltung . Die scheue Angst verschwand und machte einem finsteren Trotz Platz . „ Mein Reich ? “ wiederholte sie bitter , indem sie stehen blieb . „ Nicht eine Fußstapfe Weges hier möchte ich so nennen , ohne mit der wohllöblichen Stadtbehörde in Conflict zu gerathen . “ „ Nun , auch ich will sie nicht in ihrem Besitz verkürzen , “ entgegnete Werner , indem er gleichmüthig mit dem Gummi eine nichtgerathene Linie wegwischte . „ Ich kann jedoch nicht glauben , daß sie auch Beschlag legt auf die mystische Luft , die um die alte Kirche weht , und in diesem Reich , meine ich , begegnen wir uns . Ich kann nicht einen Augenblick auf diesem Stein sitzen und das dunkle Gemäuer gegenüber ansehen , ohne daß nicht auch sogleich geheimnißvolle Gestalten auftauchen , welche jene Bögen , Nischen und Pfeiler bevölkern … In der Fensterhöhle dort , die auch nicht eine einzige Glasscheibe mehr auszuweisen hat , sehe ich z. B. stets eine Mädchengestalt auf- und einschlüpfen , so oft ich auch hinüberblicke … vielleicht der Schatten einer unglücklichen jungen Nonne , welche das schöne Leben gänzlich nicht verstanden hatte und nun ruhelos das verschmähte Glück sucht – was meinen Sie dazu ? “ Magdalene fühlte , wie ihr das Blut in die Wangen schoß . Ohne Zweifel hatte Werner sie auf ihrem Weg in die Kirche beobachtet . Sie war entrüstet über diese Indiskretion , sagte aber ziemlich ruhig : „ Ich habe hier ganz und gar keine Meinung . Die Spukgestalten des Klosters haben mich bis jetzt nicht für würdig gehalten , sie sehen zu dürfen . Auf alle Fälle möchte ich jedoch jener vermeintlichen Nonne rathen , sich künftig auf ihre enge Behausung zu beschränken , denn es mag selbst einem Schatten nicht gleichgültig sein , wenn ein fremder Blick in sein Walten und Wesen eindringt . “ Ein feines Lächeln , das jedoch ebenso schnell wieder verschwand , erschien im Gesicht des jungen Mannes . Er blickte aufmerksam nach dem Kirchenfenster , warf in zarten Linien die schöne , reine Spitzbogenform auf das Papier und sagte gelassen : „ Gewiß nicht , vorzüglich wenn dieser Schatten , von bitterer Weltanschauung erfüllt , in jedem harmlosen Begegnenden eine feindliche Gestalt sieht , die ohne Weiteres mit Feuer und Schwert bekämpft werden muß … . Weh mir , wenn jene Himmelsbraut so denkt ! Ich komme dann vielleicht in den traurigen Fall , bei der nächsten Begegnung als unschuldiges Opfer einer Rache zu fallen , welche die Erdbewohner des sechszehnten Jahrhunderts heraufbeschworen haben . “ „ Wie leicht mag es sein , über über trübe Lebenserfahrungen zu spotten , wenn man im Schooße des Glückes sitzt ! “ „ Ohne Zweifel sehr leicht , nicht ganz recht zwar und vielleicht auch ein wenig leichtsinnig … aber ich weiß nicht , ob ich diesen gefährlichen Uebermuth nicht weit weniger verdammungswürdig finden soll , als z. B. das Gebahren einer jungen Seele , die nach trüben Erlebnissen und Enttäuschungen alle Fühlfäden einzieht und sich der gräulich verderbten Welt nur bis an die Zähne bewaffnet zeigt . … . Ah , ich sehe deutlich an Ihrem Gesicht , daß Sie nicht meiner Meinung sind ! “ Er legte den Bleistift hin , stützte den Ellenbogen auf das Zeichenbret , welches auf seinen Knieen lag , und maß das junge Mädchen mit einem sarkastischen Lächeln . „ Gut denn , “ fuhr er fort , „ Sie sind ein Anwalt jener Seele aus dem einfachen Grunde , weil Sie ebenso handeln würden oder vielleicht schon so gehandelt haben . Aber ich sehe nicht ein , was Sie berechtigt , der gesammten Menschheit so ohne weiteres den Fehdehandschuh hinzuwerfen . … Sie stehen hier auf einem eng begrenzten Fleckchen Erde . Dort drüben hören die Klostermauern auf , dann sind da draußen