drückte einen Kuß auf ihre Lippen und eilte über den Kirchhof den Berg hinab . Zehn Minuten darauf brauste ein Geschirr wie rasend durch das Dorf . Aller Köpfe fuhren entsetzt aus den Fenstern und sahen erstaunt den Joseph ohne Hut auf dem Bocke sitzen . Er trieb sein Gespann wie wütend an und hatte weder für die verwunderten Leute noch für seine ängstlich bittende Mutter , die neben ihm saß , einen Blick . Acht Tage waren seit jenem Abschied vergangen – für Marie ein Zeitraum voll schwerer Kämpfe und bitterer Leiden ... Das zwischen ihr und Joseph Vorgefallene war im Dorfe ruchbar geworden und hatte eine allgemeine Entrüstung hervorgerufen . Anfänglich kam es allen unglaublich vor , denn daß der Joseph die ernste , arme Marie der grundreichen , rotbackigen Schulzenstochter vorziehen könne , das schien manchem ein größeres Wunder als das biblische mit den Weinkrügen – aus nichts etwas schaffen ist freilich denkbarer als viel haben und nichts mehr wollen . – Auf das Erstaunen folgte gewaltiger Zorn , und die arme Marie lernte erkennen , daß es in den Augen klatschender Weiber kein größeres Verbrechen gibt , als wenn ein armes , unbeachtetes Mädchen sich erkühnt , einem reichen Mann zu gefallen . Sie ging jeden Abend an den Brunnen , um Wasser zu holen . Früher hatte sie selten jemand getroffen ; jetzt aber fand sich stets eine Schar Frauen ein , die förmlich auf Marie warteten , um sie mit beißenden Stachelreden zu peinigen . Der Schulze , der einzige , der früher noch gegrüßt hatte , ging jetzt vorbei , starr , ohne Gruß und mit augenscheinlicher Mißachtung nach den Fenstern sehend , über welches Benehmen die Schulmeisterin bittere Tränen vergoß . Der gute Schullehrer , der ihnen stets treulich beigestanden , war versetzt worden und hatte am Tage nach der Kirmse Ringelshausen verlassen . Marie meinte manchmal , ihrem Kummer erliegen zu müssen , den sie allein tragen und auch noch sorgsam vor ihrer Mutter verbergen mußte . Allein hier zeigte sich der Segen ihrer vortrefflichen Erziehung . Sie hatte gelernt , sich über jede innere Regung Rechenschaft abzulegen , die Dinge vom moralischen Standpunkt ins Auge zu fassen und an dem festzuhalten , was ihrer Überzeugung nach das Rechte war . Und das gab ihr die Kraft , alles zu ertragen , was auf diesem rauhen Weg sich vor ihr auftürmte . Ihr sehnsüchtiger Wunsch war , nur auf einige Stunden einmal ihren Bedrängnissen entfliehen zu können . Allein sein und Bewegung in der freien Luft konnten nur günstig auf ihr geängstetes , gepreßtes Herz wirken , weshalb sie sich denn auch entschloß , sonnabends nach A. zu gehen und dort einige kleine Einkäufe selbst zu besorgen , was sonst die Obliegenheit der Botenfrau war . Ziemlich spät machte sie sich auf den Weg und erreichte , da die Stadt zwei Stunden von Ringelshausen entfernt war , dieselbe erst zu Mittag . Sie hatte deshalb große Eile bei Besorgung ihrer Geschäfte , denn abends dünkte es ihr ängstlich , den weiten Weg allein zurückzulegen . Trotzdem aber konnte sie sich nicht versagen , Anna und die Muhme aufzusuchen ; hatte ihr doch die Mutter herzliche Grüße und ein Körbchen gute Äpfel für beide mitgegeben . Sie wurde mit großer Freude und Herzlichkeit aufgenommen , obgleich es ihr nicht entging , daß Anna sowohl als auch die Muhme bei ihrem Eintritt ein wenig verlegen aussahen . Auch fiel ihr sogleich ein sorgsam mit weißer Serviette bedeckter Tisch vor dem Sofa in die Augen , der mit seinem Kaffeegeschirr und Kuchenkörben wie am Festtag beladen war . Marie mußte sich ans Fenster in den weichgepolsterten Lehnstuhl der Muhme setzen , und Anna beeilte sich , ihr eine Tasse heißer Schokolade zu bringen ... Sonderbar aber war es doch , daß die Muhme sie einmal über das andere in die Arme schloß und noch dazu mit feuchten Augen . Sie war zwar immer eine gute , prächtige Frau , die gern alle Welt glücklich sehen mochte , aber heute war sie doch zu unerklärlich weich . Draußen vor den Fenstern – das Haus der Muhme lag am Markt – gab es noch immer großen Lärm , obgleich das eigentliche Marktgetümmel vorüber war . Auf die leer heimkehrenden Bauernwagen postierten sich Mädchen und Frauen , ihre schwerbeladenen Körbe mühsam hinaufhebend und dann selbst schwerfällig hinterdreinsteigend , was nicht ohne Neckerei und lautes Gelächter der Männer abging . Bauernweiber , die ihre Ware nicht losgeworden , gingen mit der blankgescheuerten Buttergelte oder dem Eierkorb im Arm von Haus zu Haus , und die Holzverkäufer en détail zogen ihre kleinen , mit Hunden bespannten Karren rasselnd über den Platz und spähten nach irgendeiner holzbedürftigen Seele , die ihnen die wenigen , mühsam herbeigeschleppten Säcke schon gespaltenen Holzes abkaufen möchte . Marie schaute hinaus auf dies Treiben , während ihre müden Füße ausruhten . Plötzlich zuckte sie erschreckt zusammen – Frau Sanner trat aus einer Seitengasse und ging schräg über den Markt . Anna stand neben Marie ; sie faßte deren Hand und sagte ausdrücklich und bedeutungsvoll : » Ja , Frau Sanner ist hier , und der Joseph auch – sie sind bei uns abgestiegen . « Marie sprang auf und griff nach ihrem Mantel , aber Anna hielt sie fest . » Bleibe unbesorgt « , bat sie , » wir haben viel mit dir zu sprechen . Frau Sanner wird vor einer Stunde nicht zurückkehren , weil sie Geschäfte abzumachen hat , und Joseph bleibt höchstwahrscheinlich noch länger aus ... Ach , Marie , die alte Frau weinte bitterlich über ihren Sohn ! ... Er sei ganz verwandelt , klagt sie , sonst die Liebe und Freundlichkeit selbst , spräche er jetzt kein Wort mehr mit ihr . Er begegne den Leuten finster und abstoßend , kümmere sich um kein Geschäft mehr und habe ihr erklärt , er werde nächstens sein Gehöft in Sellheim beziehen ... Er ist auch äußerlich ganz verändert und sieht zum