Das traf – das war eine wunde Stelle in der erzgepanzerten Brust des Gegners . In die marmorglatte Fläche der Stirne gruben sich zwei tiefe finstere Falten , die verschränkten Arme lösten sich jählings , und wie unwillkürlich hob der Gereizte drohend die Rechte über dem Haupt der Blinden ; aber in diesem Augenblick legten sich zwei heiße , weiche Hände beschwörend um seine Linke . Jutta hatte sich bis dahin , starr vor Entsetzen , in eine dunkle Fensternische gedrückt . Der Mann dort mit der königlichen unanfechtbaren Haltung war der gefürchtete , allmächtige Minister des Landes . Sie hatte ihn nie gesehen , allein sie wußte , daß ein Federstrich seiner Hand , ein Wort aus seinem Munde genügte , über das Wohl und Wehe Tausender , wie über das des einzelnen unwiderruflich zu entscheiden ; der konstitutionellen Staatseinrichtung zum Hohn regierte er mit der ganzen Rücksichtslosigkeit und Energie des Selbstherrschers – und ihn wagte die alte blinde Frau von ihrer Schwelle zu weisen , ihn überschüttete sie mit den bittersten Schmähungen , die er ruhig und hoheitsvoll hinnahm , solange sie ihm persönlich galten ! Alle Gefühle des jungen Mädchens empörten sich gegen die Mutter ; es fiel ihr nicht ein , zu erwägen , inwiefern die leidenschaftliche alte Frau in ihrem Rechte sein könne – für gewisse Naturen sind die Mächtigen stets in ihrem Recht , sie bekämpfen jede Auflehnung dagegen meist mit Erbitterung als das Unrecht , und daß die Naturen in der Mehrzahl sind , beweist uns die Weltgeschichte schlagend in der oft bis zur äußersten Grenze gehenden Duldsamkeit der Völker . Diesem Zuge folgte denn auch die junge Dame , indem sie aus ihrer Ecke huschte und die Hand des beleidigten Mannes erfaßte . Welch ein verführerischer Zauber ergoß sich über die jugendliche Gestalt , als sie , das ideal schöne Haupt in den Nacken zurückgeworfen , angstvoll zu dem Geschmähten aufsah und seine Hand flehend gegen ihre Brust zog ! ... Die gehobene Rechte des Ministers sank bei dieser Berührung sofort nieder , er wandte den Kopf und hob die langen , schläfrigen Lider – welch ein Blick ! ... Er fiel wie ein Feuerregen in die Seele des jungen Mädchens . Diese glutvollen , für einen Moment völlig entschleierten Augen mit einem rätselhaften Ausdruck fest auf das erglühende Mädchengesicht geheftet , lächelte Baron Fleury und zog langsam die bebenden kleinen weißen Hände an seine Lippen . Und daneben saß die blinde Mutter und erwartete in atemloser Spannung eine erbitterte Antwort , einen endlichen Ausbruch der Gereiztheit und mit ihm die Genugtuung , ihren Todfeind verwundet zu haben – umsonst , nicht ein Wort erfolgte ; und er stand doch neben ihr , sie hörte , wie er sich bewegte , ja , sie hatte soeben mit Abscheu seinen über ihr Gesicht hinwehenden Atem gefühlt – dieses beharrliche , verächtliche Schweigen versetzte sie in eine unglaubliche Aufregung . » Ja , ja , die Fleury haben die Macht des Wechsels in seiner ganzen Höhe und Tiefe durchgekostet ! « hob sie nach einer momentanen Pause bitter auflachend wieder an . » Durch viele Generationen hindurch werden sie zu denen gezählt , die mittels aristokratischer Fußtritte und Peitschenhiebe das französische Volk allmählich zur Revolution getrieben haben ... Und nach so viel Grausamkeit und unzerstörbarem Übermut feige Flucht über den Rhein ! Und der letzte gerettete Rest des Vermögens , alle am Hofe zu Versailles gelernte Beredsamkeit wird aufgeboten , um das Nachbarvolk gegen die eigene Nation zu hetzen – fremde Hände sollten das Opfer knebeln und binden , damit es wieder geduldig und widerstandslos zu den Füßen der Herren liege – Schmach über diese edlen Patrioten ! « – » Bleiben Sie bei der Sache , gnädige Frau ! « unterbrach der Minister die Sprechende mit kalter Ruhe . » Ich habe Ihnen Zeit und Muße gelassen , einen persönlichen Haß , den Sie gegen mich zu hegen scheinen , zu begründen – statt dessen verirren Sie sich auf das Gebiet kleinlicher Rache , indem Sie meine schuldlose Familie schmähen ... Wollen Sie die Gewogenheit haben , mir zu erklären , was Sie berechtigt , eine solche Sprache gegen mich zu führen ! « » Gerechter Gott , er fragt auch noch ! « schrie die Blinde auf . » Als ob es nicht seine Hand gewesen wäre , die geholfen hat , den Unglücklichen in den Abgrund hinabzustoßen ! « Sie suchte sich zu bezwingen . Tief Atem schöpfend und den siechen Körper noch einmal gewaltsam aufrichtend , hob und senkte sie die ausgestreckte Rechte mit einer fast feierlichen Bewegung und fuhr fort : » Leugnen Sie denn , daß das Vermögen der Zweiflingen auf dem grünen Tisch zerschmolzen ist , dem Seine Exzellenz , der jetzige Minister , einst präsidierte ! ... Leugnen Sie , daß der Reitknecht des Baron Fleury heimlich jenem Verblendeten die Billetdoux der Gräfin Völdern überbrachte , wenn er , bewegt durch die inständigen Bitten und namenlosen Leiden seiner unglücklichen Frau , Miene machte , den Weg der Treulosigkeit und des Verderbens zu verlassen ! ... Leugnen Sie , daß er einen frühen Tod finden mußte , weil er die Ehre verloren und zu spät seine Verführer erkannte ! ... Leugnen Sie dies alles – Sie haben die Stirne dazu , und eine Anzahl feiger Seelen wird es dem allmächtigen Minister nachbeten ; aber ich , ich klage Sie an mit meinem letzten Atemzug – und es gibt einen Gott im Himmel ! « Wohl waren die weißen Wangen des Ministers um einen Schein fahler geworden , aber das war auch das einzige Anzeichen innerer Bewegung . Die Lider lagen längst wieder über den Augen und machten sie glanzlos und undurchdringlich , mit der schlanken , feingegliederten Hand nachlässig über den glänzend schwarzen Kinnbart gleitend , machte er weit eher den Eindruck , als höre er den ermüdenden Bericht eines Bittstellers , nicht aber eine so furchtbare Anklage . » Sie sind krank , gnädige Frau «