ist das eine Fügung des Himmels , der sich die Kinder unterwerfen müssen – niemals aber sollten Menschen Vater und Sohn auseinanderreißen , denn sie sollen sich ergänzen , sie gehören zusammen , weit mehr noch als Mutter und Sohn ... Und mein Vater hat mich unsäglich lieb gehabt . Ich weiß heute noch , was ich gefühlt habe , wenn er mich mit seinen Küssen bedeckte , wenn er mich in stürmischer Zärtlichkeit an sich preßte , an sein starkschlagendes Herz , der schöne , stolze , herrliche Soldat , den man leichtsinnig schilt , weil er – kein Philister gewesen ist ! « Er schwieg und holte tief Atem , als sei das Ausgesprochene eine die ganzen Jugendjahre hindurch getragene Bergeslast gewesen ... Seine Mutter hatte bei seinen letzten Worten die Türstufe , auf der sie gestanden , verlassen ; er hörte , wie draußen ihr Gewand schwer und langsam über die Steinplatten der Küche hinschleifte ; er hörte , wie sie die schmale , nach dem Hinterhof führende Glastüre öffnete – dann sah er sie mit gesenktem Kopfe über den Hof gehen und in dem gegenüberliegenden Hintergebäude verschwinden . Dort führte eine Türe nach dem Garten . » Verlorener Sohn ! « stieß der Rat mit vor Ingrimm erstickter Stimme hervor . » Das verzeiht dir deine Mutter nie ! – Geh , mache , daß du aus meinem Hause kommst – hier ist kein Raum mehr für dich ! ... Ich kann den Himmel nicht genug preisen , daß er die Wolframs in meinem Kinde neu aufblühen läßt und ihr altes Stammhaus vor der fremden Kuckucksbrut bewahrt ! « Er ging hinüber in sein Zimmer und schlug die schwere , metallverzierte Türe klirrend hinter sich zu , während der junge Mann schweigend , mit fliegenden Händen das einzige Erbe aus dem Vaterhause , das silberne Eßbesteck , zusammenraffte , um ebenfalls die Wohnstube zu verlassen . 5. Wie betäubt ging er durch die Küche und schob den Riegel der Türe zurück . Beim Öffnen scholl ihm Stimmengeräusch entgegen ; es hatte sechs Uhr geschlagen ; die Haustür stand voll Frauen und Kinder , und über den vorderen Hof her kamen sie immer noch geströmt , die Abendkunden des Klostergutes , mit den blechernen und irdenen Henkeltöpfen oder dem Steinkrug in der Hand . Die Stallmagd hatte eben zwei Eimer voll schäumender Milch auf den Fußboden niedergesetzt und sah sich erstaunt um , denn der Platz am Schenktisch war noch leer – zum erstenmal , seit sie auf dem Klostergute diente ; selbst am Sterbe- und Begräbnistage der seligen Frau Rätin war der Posten pünktlich eingenommen worden , in dem Augenblick , wo die Milch von den Ställen her gebracht wurde . Felix schritt rasch durch die versammelten Leute . Sonst hatte ihn der » Milchhandel « dergestalt angewidert , daß er stets um diese Zeit über ein verstaubtes Hintertreppchen gegangen war , um dem Menschenandrang in dem Hausflur auszuweichen . Heute sah er mit zerstreutem Blick über die Köpfe der Wartenden hinweg – er bemerkte nicht , wie er gegrüßt wurde , wie sich die Frauen und Mädchen heimlich anstießen und den bildschönen jungen Herrn bewundernd mit den Augen verfolgten , während er flüchtigen Fußes die kreischende Treppe hinaufsprang – zum letztenmal , denn der Onkel hatte ihn aus dem Hause gewiesen . Nie , nie wieder wollte er zurückkehren in das dunkle Haus , in diesen von Mönchen gebauten und von einer engherzigen , phantasiearmen Familie durch alle Generationen hindurch sorglich behüteten Sarg , dem die Menschenseelen angepaßt wurden , indem man jede schüchtern hervorwachsende Schwinge abschnitt , jeden traditionswidrigen Geistesfunken mit dem Fuße austrat . Die kleine Reisetasche des Ausgewiesenen lag noch droben im Giebelzimmer auf dem Tische , die mußte er holen . Er wollte mit dem Nachtzug nach Berlin zurück , vorher aber seinen Freund Arnold im Schillingshofe sprechen . Das waren die einzigen Entschlüsse , die sich emporrangen aus den aufgetürmten Wogen namenloser Erbitterung , aus dem Wirbel , in dem sein furchtbar erregtes Gehirn kreiste . Bis hinunter zu dem Grundgedanken , wie es nun werden sollte , kam er nicht – immer wieder wälzte sich das Geschehene durch seinen Kopf ... Er war vorgestern von Berlin abgereist – Madame Fournier , die augenblicklich in Wien gastierte , hatte ihrer alten Mutter geschrieben , daß der Hoftheaterintendant auf ihren Wunsch , Lucile demnächst auf der Bühne des Kärntnertortheaters debütieren zu lassen , einzugehen scheine – diese Nachricht hatte ihn tief erschreckt , denn er verhehlte sich nicht , daß ihm die Geliebte halb und halb verloren sei , wenn sie einmal ihren Triumphzug begonnen habe . Und sie selbst hatte ihn in leidenschaftlicher Ungeduld gedrängt , seine Verhältnisse sofort zu ordnen und dann nach Wien zu gehen , um persönlich mit ihrer Mutter zu verkehren – und nun war alles in den ersten Stunden gescheitert ! – Er preßte die Hände gegen die heftig klopfenden Schläfen , als könne er mit dieser einen verzweifelten Bewegung seinen zerrütteten , aus der Bahn geschleuderten Gedankengang wieder einlenken , einen leitenden Faden in dem ungewissen Düster finden , in das er aus der Sonnenhelle seiner sanguinischen Hoffnungen mit geblendeten Augen gestürzt war ... Er hatte sich mit seiner Mutter entzweit für immer ! Das sagte der Onkel nicht allein , er fühlte es selbst , daß sie ihm die unzerstörbare , enthusiastische Liebe zu seinem verschollenen Vater nie verzeihen , noch weniger aber die Rücksichtslosigkeit vergessen werde , mit der er endlich seinem stillschweigend getragenen kindlichen Schmerz Luft gemacht hatte . Wie schroff und hart , wie unbeugsam war sie ihm aber auch entgegengetreten ! So war es immer gewesen . Da hatte es nie ein mütterlich sanftes Zureden und Vorstellen , nie , solange er denken konnte , jenes teilnehmende Mitversenken in des Kindes Freud und Leid gegeben , das die Luft heller erglühen macht und das Weh sänftigt , wie das Streicheln einer weichen , linden Hand – ihre ganze Erziehungsweise