und Hecken und tauchte binnen Kurzem wie ein höhnender Kobold in der entferntesten Ecke des Gartens wieder auf . Alle Bemühungen , die Henne nach der Richtung des Hauses zu scheuchen , waren vergeblich ; plötzlich erhob sie sich , flog schwerfällig eine Strecke weit und setzte sich auf das Dach des Pavillons . Da half kein Rufen und Locken ; sie kauerte sich nieder und drehte gravitätisch , in vollkommener Sicherheit , den Kopf hin und her . Ihr weißes Gefieder leuchtete doppelt über der dunklen Türöffnung . Der innere Raum des Gartenhauses war unheimlich finster , nur durch das Loch in der Wand kam das schwache Dämmerlicht von draußen herein . Da stand das junge Mädchen nun doch wieder wie festgewurzelt in der Tür . Fahl und gespensterhaft , ein verwischtes Bild , von den gezackten Umrissen der zerstörten Wand umrahmt , lag das weiße Haus drüben ; sein Turm starrte wie ein drohender Riesenfinger in die Lüfte . Die Fontainen plätscherten zwar ununterbrochen fort ; aber sie standen dort als unbewegliche , mattglänzende Säulen , ihren zarten Schleier , die Millionen herniederfallender Wasserperlen , sog die Dämmerung auf … Im Hause schien alles Leben ausgestorben , nirgends ein erleuchtetes Fenster , eine offene Tür ; vielleicht war der Gebieter in Begleitung seiner Hausgenossen nach dem Gut Liebenberg gefahren und hatte dort sein ängstlich behütetes Kleinod geborgen , um dasselbe vor neuem Schrecken zu bewahren ; aber in diesem Augenblick öffnete sich die Tür nach der Terrasse , auf der gestern Abend der Neger gekommen war ; ein breiter Lichtstrom quoll aus der hellerleuchteten Halle und legte sich über das Orangengebüsch , die Steintreppe und einen Teil des Rasenplatzes . Lilli sah plötzlich mit klopfendem Herzen die Fremde auf die Schwelle treten . [ 465 ] Die edle Gestalt der Fremden zeichnete sich wie eine Silhouette von dem lichten Hintergrund ab . Lilli erkannte an den scharf ausgeprägten Linien , daß eine prachtvolle Haarkrone den Hinterkopf schmücken müsse ; feine , bunte Strahlen zuckten und blitzten über das Haupt hin , der schwarze Schleier , der auch heute die Erscheinung umfloß , war jedenfalls mit Brillantnadeln am Haar befestigt . Jetzt sah Lilli auch , daß die Dame noch sehr jung sei , ihre Bewegungen waren von mädchenhafter Weiche und Zartheit ; aber heute noch auffallender als gestern machte sich eine gewisse Müdigkeit bemerkbar , als sie langsam die Treppe hinabschritt . Vergebens spähte das junge Mädchen auch jetzt nach den Gesichtszügen ; das dunkle Gewebe fiel in dichten Falten über Profil und Büste . Unwillkürlich wich Lilli in diesem Moment zurück , wie ein elektrischer Schlag durchbebte das Gefühl des Schreckens ihr Inneres und jagte ihr das Blut in die klopfenden Schläfe . … Wie töricht ! Was hatte sie zu fürchten von dem Mann , der dort in die Tür trat ? Kam er doch jetzt nicht als Rächer und Zerstörer ! Seine ganze Aufmerksamkeit schien auf die junge Dame gerichtet zu sein . Mit jenen sicheren , entschiedenen Bewegungen , die ihr heute Morgen an ihm aufgefallen waren , schritt er über die Terrasse und traf mit der Fremden am Fuß der Treppe zusammen . Er sprach mit ihr . Das waren jene vollen sympathischen Klänge , mit denen er Lilli ’ s Ohr so bestochen hatte , daß sie sogar der Tante gegenüber für seinen Charakter in die Schranken getreten war . Was er sagte , verstand sie nicht ; sie hörte ihn nur den Namen Beatrice mit unendlicher Weichheit aussprechen . Er bot der Dame die Hand , allein sie zog die ihre hastig zurück und sprach , den Kopf schüttelnd , einige Worte in leisen , flötenartigen Tönen , sie schienen in Thränen erstickt … Wie genau kannte Lilli bereits die Modulation seiner Stimme ! Ohne zu verstehen , was er antwortete , ohne daß er irgend eine äußere Bewegung gemacht hätte , erkannte sie doch sofort , daß er unwillig wurde . Er trat näher an die Dame heran und hob den Arm ; wollte er sie umschlingen ? Abermals fuhr jenes elektrische Zucken durch Lilli ’ s Seele , aber diesmal war es wie ein jäher Stich , der sie schmerzte . Ihre Wangen brannten , sie schämte sich plötzlich hier zu lauschen und wollte sich zurückziehen ; aber das , was sie in diesem Augenblick sah , fesselte ihren Fuß an die Schwelle . Bei der Annäherung des Blaubartes wich die Fremde zurück und floh mit wankenden Schritten , als schaudere sie vor seiner Berührung … Sie verabscheute ihn , das lag klar vor Augen – war er ein Verbrecher , und sie wußte um seine Schuld ? Oder stieß seine Persönlichkeit sie zurück , und er heischte dennoch Gegenliebe von ihr ? Warum sie dieser letzteren Vermutung weniger Raum gab , darüber wurde Lilli sich selbst nicht klar ; es blieb ihr auch nicht länger Zeit , zu beobachten und nachzudenken ; denn in Tante Bärbchens Garten erhob sich ein lauter Lärm . Wie das junge Mädchen sah , hatte die Henne unvorsichtiger Weise ihren hohen Standpunkt verlassen und war ohne Zweifel in Tante Bärbchens Gesichtskreis geraten ; denn die beiden alten Damen , Sauer und die händeringende Dorte hatten sich zu einem wahren Treibjagen vereinigt , und eben , als Lilli zu ihnen gelangte , stürzte sich das geängstete Huhn in die Hoftür , die eilig hinter ihm geschlossen wurde . Dorte entging ihrem Schicksal nicht ; sie erhielt am Schluß des unglückseligen Tages , der mit dem Streit um des Teufels Existenz begonnen hatte , einen tüchtigen Verweis ; aber trotz dieser Sühne war nun doch der trauliche Gedankenaustausch zwischen den beiden alten Freundinnen gründlich gestört , dergleichen Unregelmäßigkeiten in ihrem exemplarischen Hauswesen brachten Tante Bärbchen leicht um ihr inneres Gleichgewicht . Man kehrte nicht mehr in die Laube zurück , und der Besuch entfernte sich . Eine halbe Stunde später lag das alte Haus der Hofrätin im tiefsten Schweigen ; aber wenn auch die fest