auf die wirren Locken herab . Sie achtete nicht darauf , schwer drückte die Überzeugung ihr kleines Herz , daß sie nicht im Stande sei , das Strohhütchen zu sticken , bevor es Frau Gedike sähe . Träne um Träne stoß auf die Bruchstücke nieder und die nassen großen Augen schim ­ merten im Mondlicht aus dem bleichen Gesicht hervor wie Leuchtkäfer aus dem Kelche einer Lilie . — Sie schrak heftig zusammen , als plötzlich Jemand vor ihr stand und sie erkannte , daß es der junge Mann sei , dessen Ankunft im Schlosse sie benützt hatte , um zu entfliehen . Er be ­ trachtete sie eine Weile still , dann sagte er : „ Bist Du das kleine Mädchen , das heute bei uns war und heimlich fortlief ? “ „ Ja “ — stammelte Ernestine . „ Warum tatest Du das ? “ fragte er weiter . Ernestine antwortete nicht , sie schämte sich vor Jo ­ hannes , wie vor Keinem von der Gesellschaft . Er war so ganz anders als die Leute im Schloß , so mächtig an ­ zusehen und so stolz — er mußte sie noch mehr ver ­ achten , als es die Andern taten , denn er war viel schöner und vornehmer und gewiß mehr wert als Alle . — Sie wagte nicht , zu ihm aufzuschauen , sie fürchtete , es treffe sie wieder einer jener schrecklichen Blicke , die sie noch jetzt in der Erinnerung folterten . — Da nahm sie der junge Mann bei der Hand und sagte mitleidig : „ Nun , Du kleine blasse Dryade3 — kannst Du nicht reden ? Willst Du mit mir gehen oder ziehst Du vor , heute Nacht in Deinem Baume zu hausen ? “ „ Ich will heim ! “ sagte Ernestine . „ Heim laß ich Dich nicht — ich muß Dich meiner Mutter bringen , sie hat Angst , Du könntest Dich erkälten , — komm ! “ Ernestine fuhr erschrocken zurück — „ dorthin gehe ich nicht mehr . “ „ Warum denn nicht , — was haben sie Dir denn getan ? “ „ Sie haben mich verhöhnt und beschimpft “ — schrie das gereizte Kind , „ sie verachten mich und ich will mich nicht verachten lassen — ich will nicht ! “ Der junge Mann stand nachdenklich vor ihr . „ Und wenn ich auch häßlich bin “ — fuhr sie fort , „ und arm bin und schlecht erzogen und ungeschickt , — ich will doch nicht behandelt sein , wie ein Hund ! “ Ihre Stimme bekam einen Anflug von Verzweiflung , ihre Brust rang nach Atem in dem engen Kleidchen , ihre Zähne schlugen vor Frost und Erregung aneinander . „ Du armes Kind “ , — sagte Johannes , „ sie müssen Dir arg mitgespielt haben , aber meine Mutter war doch wohl gut mit Dir ? “ „ Ja — die war gut , — aber zuletzt wurde sie mir auch gram , ich hörte es , wie sie ’ s zu den Andern sagte und auf mich schalt . Und ich will sie nicht mehr sehen , nie mehr , bis ich groß bin und gescheit und auch ein so feines Benehmen habe wie sie ! “ „ Weißt Du denn so gewiß , daß Du einmal so gescheit wirst ? “ fragte Johannes lächelnd . „ Ja , der Lehrer sagt ’ s immer und der alte Herr meinte auch , wenn ich ein Bube wär ’ , würde etwas aus mir . O — es soll doch was draus werden — wenn ich auch nur ein Mädchen bin , ich will mir nicht immer die Buben vorhalten lassen — und wenn ich nur erst groß bin , dann sollen sie ’ s schon sehen , daß ein Mädchen so viel wert ist , wie ein Junge , dann sollen alle die schlechten bösen Menschen Respekt vor mir haben — und wenn ’ s nicht so wird , will ich lieber sterben ! “ „ Drolliges Kind ! “ lachte Johannes . „ Du würdest schön zappeln , wenn Dir ’ s einmal an Hals und Kragen ginge , — und schau , wenn Du noch lange hier mit mir in dem Nachtwind stehst , dann erkältest Du Dich und dann könnte Dir ’ s passieren , daß Du sterben müßtest , ehe Du so gescheit geworden , wie Du Dir ’ s vorgenommen hast , — denke , das wäre arg ! “ Mit diesen Worten wollte er das Kind mit sich fortziehen , aber sie riß sich los und klammerte sich an das Buschwerk , das sie umgab . — „ Nein , nein “ , bat sie atemlos , „ lieber Herr , lassen Sie mich , — nehmen Sie mich nicht wieder mit aufs Schloß , — bitte , bitte — nur nicht wieder dorthin ! “ „ Eigensinniges Ding , Du mußt mit “ , lachte Johannes , „ glaubst Du , ich werde jetzt ohne Dich zurückkehren , nachdem ich Dir nachgehetzt wurde , wie einem verlorenen Schlaf — meine Mutter sperrte mich ja drei Tage lang bei Wasser und Brot ein — wenn ich Dich nicht brächte , — das wirst Du doch nicht wollen ? “ „ Ach — Sie machen sich auch nur über mich lustig , — ich will nicht mit Ihnen gehen — ich will nicht ! “ schluchzte Ernestine . „ Ich will nicht ? Ei ! sagt man so , wenn man noch solch ein kleines schwaches Mädchen ist , das einer mir nichts dir nichts auf dem Arm davon tragen kann ? “ mit diesen Worten hob Johannes Ernestinen gutmütig auf seine Schulter und wollte mit ihr nach dem Schlosse zurückkehren . Doch sie vermochte von dieser Höhe aus einen überhängenden Zweig der Eiche , unter der sie standen , zu ergreifen und ehe sich ’ s Johannes versah , hatte sie