, dann ging sie hinaus mit den schweren messingbeschlagenen Wassereimern aus Eichenholz , und Dorchen sagte ihr nachschauend : » Man kennt sie ja gar nicht mehr wieder , die dicke Kathrin ! Sie ist ganz abgekommen , mager und sieht aus wie ein Gespenst mit den 69 großen Augen . Meiner Seel , Fräulein Liesel , wenn sie sich so grämt , ist ' s ja auch kein Wunder . – Dauern tut sie mich doch sehr – « In diesem Augenblick hörte ich vom Flur meiner Großmutter Stimme : » Frau Wabe ! Frau Wabe ! « Es lag etwas ungewohnt Schrilles darin , und mit zwei Sprüngen war ich aus der Küche und bei ihr . Sie stand in der geöffneten Haustür und rief noch immer : » Frau Wabe ! Frau Wabe ! « in den Garten hinaus , und die ganze zierliche Gestalt bebte vor Aufregung . Unter der Linde saß die dicke Kinderfrau und schlief den Schlaf des Gerechten , das Kleine im Wagen schlief auch noch immer , und sonst war niemand auf dem Platze , niemand – nichts als das verlassene Steckenpferdchen . » Hans ! « sagte ich . » Wo ist Hans ? « » Wo ist Hans ? « stammelte die alte Frau mir mechanisch nach , und ihre Lippen zitterten . » Hans ! Hänschen ! « rief ich lauter und lief angstvoll hinunter und schüttelte die Schlafende an den Schultern und rief in einem fort : » Hans ! Wo ist Hans ? « Sie fuhr empor und sah sich erschreckt um , und just in diesem Augenblick ließ sich ein lauter Hilferuf von der Inne her vernehmen , der grell das Rauschen des Wassers übertönte : » Hilfe ! Hilfe ! « Ich stürzte den Gang hinunter der Mauer zu , und als meine Augen über die gelblich schimmernde Flut irrten , da erblickten sie mitten in den Wirbeln des stark angeschwollenen Flusses – Kathrin , die bis an den Hals drinnen watete und wankte und mit beiden hochgestreckten Armen etwas Rotes , Kleines , Lebloses , unser Hänschen , über den Wogen hielt , und ich sah , wie sie wankte unter dem Anprall des tosenden Wassers , und erkannte ihr in Todesangst verzerrtes Gesicht . Und wieder erscholl ihr verzweifeltes » Hilfe ! Hilfe ! « Ein einziger Fehltritt in eines der Löcher am Boden des Flußbettes , eine jener tiefen Stellen , wie sie das Wasser so häufig reißt , ein kurzes Nachlassen ihrer Kräfte – und sie trieb 70 auf den Wogen dahin , verloren , und mit ihr unser Liebling , unser Hans . Das alles ging mit der Schnelligkeit eines Blitzes durch meinen Kopf , während ich ein paar Sekunden lang wie gelähmt stand . Erst als Großmutter mich an der Schulter rüttelte und , eine Stange vom Boden raffend , dem Mauerpförtchen zulief mit der Behendigkeit einer Zwanzigjährigen , sprang ich ihr nach und , bis über die Knie im Wasser stehend , hielten wir die Stange dem mit den Wellen kämpfenden Mädchen entgegen , die , immer das Kind über den Kopf haltend , mit fast übermenschlicher Kraft das Ufer zu gewinnen versuchte . Ein paarmal wankte sie , einmal stieß sie einen furchtbaren Schrei aus und verschwand einen Augenblick unter Wasser , und dann tauchte sie doch wieder auf mit ihrer triefenden Last und schob sich langsam der Stange zu , und endlich , das Kind nur noch mit einer Hand tragend , hatte sie dieselbe erfaßt und so , mit dieser Hilfe gewann sie mühsam die Treppe , an der wir ihr die Hände entgegenstreckten , um das Kind zu nehmen . Großmutter riß das leblose Würmchen an sich und eilte dem Hause zu , Kathrin aber , das große starke Geschöpf , lag auf den umspülten Stufen , den Unterkörper noch im Wasser , wie bewußtlos . Ich bemühte mich , sie emporzuziehen , aber der kräftige Körper war mir viel zu schwer , und schon öffnete ich den Mund , um Hilfe herbeizurufen , da raffte sie sich auf , kroch die Stufen empor , ohne meine dargebotenen Hände zu beachten , stand plötzlich aufrecht und ging mit schwankenden Schritten , ohne nach rechts und links zu sehen , den Gang entlang . Ich stürzte an ihr vorüber ; Kathrin lebte ja , was ging sie mich in diesem Augenblick noch an ? Meiner ganzen Seele hatte sich Angst um das Kind bemächtigt – ist es tot ? Wird es wieder leben ? Ich sah den Kutscher aus dem Hause stürzen , der zum Arzt reiten sollte , ich sah die » Neue « mit rasenden Sprüngen den Weg zum Lenkwitzer Herrenhause nehmen , um den Onkel zu holen . – – Im Wohnzimmer waren sie um das Kind beschäftigt , die Großmutter und Flickdorchen ; die Kinderfrau lag im Winkel der Stube vor einem leeren Rohrstuhl und wimmerte und schrie . 71 » Hierher , Liesel , « kommandierte Großmutter , » hilf mir , wir müssen künstliche Atmungsversuche machen . Geh zur Seite , Stetten , setze dich , du kannst nichts helfen . – Siehst du , so – Liesel – und so – « Und die alte Frau führte mit leichter , aber fester Hand die vorschriftsmäßigen Hilfen aus , die sie als geübte und erfahrene Landbewohnerin kannte , und so gut es meine zitternden Hände verstanden , half ich ihr , während Dorchen wollene Decken und Wärmflaschen herbeitrug . Alle hatten wir denselben entsetzlichen Gedanken beim Anblick des kleinen , furchtbar bleichen Gesichtes , um das die nassen Haare klebten : was werden die Eltern sagen , wenn ihr Kind nicht mehr am Leben ist , die Eltern , die so ahnungslos hier ankommen werden heute abend , die ihr Kind von uns zu fordern das Recht haben ? » O Gott im hohen Himmel , « jammerte die Kinderfrau , » straf mich nicht so hart für das