zurück und schlug den nächsten Weg zum Schlosse ein . Er folgte ihr langsam in nie gekannter Veschämung . Er hatte ihr gestern nicht einmal eine Kleinigkeit zum Geburtstage geschenkt , und heute gab sie ihm glückselig ihre ersparten Schätze . Er blieb stehen und öffnete die kleine seidene Börse ; ein paar einzelne Thaler lagen darin , und dann noch etwas in Papier gewickelt ; er schlug es aus einander und fand ein Goldstück , auch ein paar geschriebene Worte von der Hand seiner Mutter auf dem Papiere : „ Zu einem neuen Kleide für meine Nelly , “ las er . Das junge Mädchen hatte offenbar die Worte noch gar nicht bemerkt , sonst würde sie ihm die Beschämung erspart haben ; er dachte an das verwaschene Kleid , das sie gestern und heute getragen , und wie sie sich wohl gefreut haben mochte auf ein neues . Ein neues Kleid für fünf Thaler ! So viel gerade hatte der Strauß gekostet , den er neulich an Blanka geschickt und den sie vielleicht am Morgen nach der Ballnacht achtlos bei Seite geworfen ; er dachte an die zierliche Gestalt , die er nie anders als von schweren Seidenstoffen oder duftigen Kreppwogen umrauscht gesehen hatte – welche Gegensätze bietet doch das Leben ! Dort lag das Schloß vor ihm , so imposant mit seiner riesigen Façade , seinen Thürmen , und der Sohn dieses stolzen Hauses besaß nicht so viel , um – nein , es war zum Verzweifeln . Er wandte sich hastig und schritt zurück ; sein Blick schweifte unwillkürlich über den waldigen Grund und blieb an dem spitzen Schieferdache der Papiermühle hängen ; er lachte plötzlich laut auf : „ Ja , die haben dafür desto mehr , “ sagte er halblaut ; „ man muß sich nur mit Lumpen und dergleichen einlassen , dann fließt Einem das Geld in vollen Strömen zu , und das Alles wird die Hand des kleinen Mädchens füllen , mit dem ich einst gespielt ; Lumpenmüllers Lieschen ist die reichste Erbin im ganzen Umkreise – wahrhaftig zum Todlachen , wie das so vertheilt ist im Leben . “ In seinen dunklen Augen stand indessen nichts von Lachen geschrieben ; er sah unendlich deprimirt aus , der hübsche junge Officier ; das Geld der Schwester brannte ihm wie Feuer in den Händen , während er hastig weiter schritt , die Lippen verächtlich auf einander gepreßt . Der schöne Zukunftstraum war vor der drückenden Gegenwart geflohen , und die Unbehaglichkeit seiner pecuniären Lage hatte ihn mit voller Gewalt ergriffen . Er nahm den kleinen Zettel mit den Worten der Mutter und legte ihn in seine Brieftasche ; dann schritt er wieder weiter und erblickte , in den Hauptweg einbiegend , den alten Heinrich , der ihm so rasch , als es seine müden Beine erlaubten , entgegen kam . „ Die Frau Großmama lassen den Herrn Lieutenant bitten , gleich zu ihr zu kommen , “ bestellte er , freundlich in das erregte Gesicht des jungen Mannes sehend . – Textdaten zum vorherigen Teil < < < > > > zum nächsten Teil zum Anfang Autor : W. Heimburg Titel : Lumpenmüllers Lieschen aus : Die Gartenlaube 1878 , Heft 43 , S. 705 – 710 Fortsetzungsroman – Teil 4 [ 705 ] Die alte Baronin schritt hastig in ihrem Zimmer auf und ab . Ihr stolzes Gedicht war von einer feinen Röthe überhaucht , und die dunklen Augen richteten sich ungeduldig auf den rothen Vorhang der Thür , durch den der Enkelsohn eintreten mußte . Ihre Hand hielt einen offenen Brief , und von Zeit zu Zeit blieb sie stehen und warf einen Blick auf das Papier . „ Es ist unglaublich , “ sagte sie dann leise , „ diese Königsburger Derenbergs ! Sich so festzusetzen , Dio mio ! Was giebt mir die Stontheim für Pillen in diesem kurzen Briefe ! Und doch muß man noch Gott danken , daß die Sache sich so arrangirt ; wie froh bin ich , daß ich trotz der Kühle , die zwischen uns herrscht , darauf bestand , daß Army sich ihr vorstellen mußte ! “ Sie warf wieder einen Blick in den Brief . „ Ich habe in Armand , “ las sie , „ einen netten , lieben Menschen kennen gelernt , einen jungen Cavalier ganz vom Charakter der Derenberg ’ s , und trotz der eigentlich nur kurzen Zeit unserer Bekanntschaft habe ich ihn herzlich lieb gewonnen . “ Um die Lippen der alten Dame kräuselte es sich verächtlich . „ Ich bin , wie Sie von früher her wissen werden , “ las sie weiter , „ eine Natur , die durchweg gerade und ehrlich ihre Meinung heraussagt – daß wir Beide uns nie verstanden haben , lag wohl in der allzu großen Verschiedenheit unserer Anschauungen ; heute sind wir Beide alte Frauen geworden , liebste Derenberg , und es wäre wohl an der Zeit , Frieden zu machen für die kurze Spanne Leben , die uns noch gehört . Ich biete Ihnen die Hand dazu , lassen Sie das Frühere vergessen sein ! Die Schuld lag vielleicht auf beiden Seiten . Und nun möchte ich Sie zur Vertrauten eines Lieblingswunsches machen , der auch Armand betrifft . Durch ihn werden Sie bereits wissen , daß in meinem Hause eine junge Verwandte lebt , die , mutterlos , jetzt die Stelle einer Tochter in meinem einsamen Leben ausfüllt , und die ich liebe , als wäre sie es wirklich . Wenn mich nicht Alles täuscht , sieht Armand seine Cousine nicht mit gleichgültigen Blicken an , – ich würde mich aufrichtig freuen , liebste Derenberg , lernten sich die Beiden lieben , und um hierzu die Gelegenheit zu bieten , schicke ich Blanka unter dem Vorwande , ihre Gesundheit zu kräftigen , in Eure waldumrauschte Heimath . Möchten sich dort die beiden jungen Herzen finden , damit ich in Armand noch einmal einen Sohn begrüßen kann ! Sie