» Ach , wie schön « , sagte Grete . » Jahr und Tag , daß ich nicht hier oben war . Und mir ist fast , als hätt ich es nie gesehen . « » Das macht , daß wir einen so schönen Tag haben « , sagte Valtin . » Nein , das macht , daß es hier so frisch und so weit ist , und zu Haus ist es so dumpf und so eng . Da bin ich wie gefangen und eingemauert , eingemauert wie die Stendalsche Nonne , von der mir Regine so oft erzählt hat . « » Und du möchtest fort . « » Lieber heut als morgen . Entsinnst du dich noch , Maifest vorm Jahr , als wir uns verirrt hatten und auf den Hirsch warteten , der uns aus dem Walde hinaustragen sollte ! « Valtin nickte . » Sieh , da sprachst du von einem Tal , das tief in Bergen läg , und der Sturm ginge drüber hin , und wäre kein Krieg , und die Menschen liebten einander . Und ich weiß , daß ich das Tal in Wachen und in Träumen sah . Viele Wochen lang . Und ich sehnte mich danach und wollte hin . Aber heute will ich nur noch fort , nur noch weg aus unserm Haus . Wohin ist gleich . Es schnürt mir die Brust zusammen , und ich habe keinen Atem mehr . « » Aber du hast doch die Regine , Gret . Und Gigas ist gut mit dir . Und dann sieh , Emrentz kann dich leiden . Ich weiß es ; sie hat mir ' s selber gesagt , keine drei Tag erst , als ich mein Aussprach mit ihr hatt . Und dann , Grete , du weißt ja , dann hast du mich . « Sie blickte sich scheu-verlegen um . Und als sie sah , daß sie von niemand belauscht wurden , trat sie rasch auf ihn zu , strich ihm das Haar aus der Stirn und sagte : » Ja , dich hab ich . Und ohne dich wär ich schon tot . « Valtin zitterte vor Bewegung . Er erkannte wohl , wie tiefunglücklich sie sei , und sagte nur : » Was ist es , Grete ? Sag es . Vielleicht , daß ich es mit dir tragen kann . Was drückt dich ? « » Das Leben . « » Das Leben ? « Und er sah sie vorwurfsvoll an . » Nein , nein . Vergiß es . Nicht das Leben . Aber der Tag drückt mich ; jeder ; heute , morgen , und der folgende wieder . Endlos , endlos . Und ist kein Trost und keine Hülfe . « » Der Tag « , wiederholte Valtin vor sich hin , und es war , als überleg er ' s und mustre die Reihe seiner eigenen Tage . » Ja , der Tag « , fuhr Grete fort . » Und jede Stund ist lang wie das Jahr . Kaum daß ich den Morgenschlaf aus den Augen hab , so heißt es : › Das Kind , das Kind . ‹ Und nun spring ich auf und mache das Bad und mache den Brei . Und nun ist das Bad viel zu heiß und der Brei viel zu kalt . Und dann wieder : › Das Kind und das Kind . ‹ Und an mir sehen sie vorbei , als wär ich der Schatten an der Wand . Ach , ich weiß , es ist eine Sünd , aber ich muß mir ' s heruntersprechen von der Seel , und wahr ist es und bleibt es , ich haß es . Und so kommt Mittag , und wir sitzen an dem runden Tisch , und ich spreche das Gebet . Sprech es , und niemand hört darauf . Und wenn ich das letzte Wort gesprochen , so heißt es : › Grete , sieh , ich glaub , es schreit . ‹ Und dann bring ich es , und dann geht es reihum , und dann soll ich essen mit dem Kind im Arm . Und wenn es hübsch wär . Aber es ist so häßlich und sieht mich an , als erriet es all meine Gedanken . Ach , Valtin , das ist mein Tag und mein Nacht . Und so leb ich . In meines Vaters Haus ohne Heimat ! Unter Bruder und Schwester , und ohne Liebe ! Es tötet mich , daß mich niemand liebt . Ach , wie ' s mich danach verlangt ! Nur ein Wort nur ein einzig Wort . « Und sie warf sich auf die Knie und legte den Kopf auf den Stein und weinte bitterlich . » Es kommen andere Tage « , sagte Valtin . » Und wir wollen aushalten . Und wenn sie nicht kommen , eins mußt du wissen , Gret , ich tu alles , was du willst . Sage , daß ich hier hinunter springe , so spring ich , und sage , daß du fort willst , so will ich auch fort . Und wenn es in den Tod ging ! Ich kann nicht leben ohne dich . Und ich will auch nicht . « Grete war aufgesprungen und sagte : » Das hab ich hören wollen . Das , das ! Und nun kann ich wieder leben , weil ich dies Elend nicht mehr endlos seh . Ich weiß nun , daß ich ' s ändern kann , jeden Tag und jede Stunde . Sieh mich nicht so an . Erschrick nicht . Ich bin nicht so wild und unbändig , wie du denkst . Nein , ich will still und ruhig sein . Und wir wollen aushalten , wie du sagst , und wollen hoffen und harren , bis wir groß sind und unser Erbe haben . Denn wir haben doch eins , nicht wahr ? Und haben wir das