Wie sie gleich gesehen : der Vater sei sterbenskrank . Aber die Mama wollte es nicht glauben und pochte auf seine gute Natur , die sich rasch erholen werde , und verschickte noch die Balleinladungen , weil sie doch schon ausgeschrieben gewesen seien und adressiert . Und dann kam Exzellenz von Czermack und sagte , es sei zu spät zum Operieren , es sei einer von den Fällen , wo von vornherein jeder Eingriff unmöglich gewesen sein würde . Und weiter erzählte sie , immer leidenschaftlicher , immer hinströmender im starken Gefühl und beschwingten Wort , eine , die lange hat schweigen müssen und nun endlich alles aussagen darf - wie sie ihren Vater kaum verlassen , nicht Tag noch Nacht , ob auch gleich die Wärterinnen und die Mama schalten und ihr Dortsein unnütz fanden . Und er habe sie manchmal erkannt und dann ihr zugelächelt . Und einmal habe er sie mit der Rechten zu sich herabgezogen - ganz schwach - sie habe aber gleich gefühlt , was seine Geste wollte . Er habe ihr etwas Wichtiges mitteilen wollen , nur mühsam habe er sich noch verständlich machen können und ihr zugeflüstert : » Schreibtischschlüssel nehmen - Briefe nehmen - verbergen - nicht Mama « - und die übrigen Worte wurden zu undeutlich - viele hatte er noch gemurmelt . - Aber Tulla wußte , was sie nun durfte und mußte : sie mußte den Schreibtischschlüssel aus dem Bund heraussuchen , das neben Papas Uhr auf dem Nachttischchen lag . Und sie durfte in seinem Schreibtisch stöbern , um irgendwelche Briefe zu finden , die er ihr und ihr allein anvertrauen wollte . - Es war ja Nacht . Die beiden Wärterinnen sahen , die eine stumpfsinnig , die andere ein bißchen interessiert zu , wie sie die Schlüssel nahm ... Mama schlief . Mamas Nerven konnten Nachtwachen nicht vertragen . - - Und da ging Tulla nach nebenan und drehte das Licht auf . Es war ihr schrecklich und unheimlich , so in Papas Sachen zu kramen . Ihr kam es dabei vor , als sei er schon tot . Und sie hoffte doch noch und hatte Exzellenz Czermack so dringend gebeten , Papa am Leben zu erhalten . Viel Geld sah sie , Gold und Silber , in einer offenen , in Fächer geteilten Kassette von grünem Draht . Ganze Bündel von Abrechnungen von Banken waren da . Ein großes Anschreibebuch . Und Briefe von Viktor und Harald . Die handelten alle von Bitten um Geld - Erklärungen über Geldverbrauch - Versprechungen . - Aber Tulla sagte sich : diese Briefe konnte Papa nicht gemeint haben , darin stand nichts , was Mama zu verbergen nötig war . Die Eltern stritten sich ja so oft vor Tullas Ohren über den Geldverbrauch von Viktor und Harald . Mama verzog und verwöhnte die Brüder an allen Ecken und Enden , aber wenn sie um Geld schrieben , ärgerte Mama sich doch , und Papa sagte , das sei inkonsequent . Dies alles erzählte Tulla mit einer Vertraulichkeit , die ihr dieser Frau gegenüber das natürlichste von der Welt schien . Und dann berichtete sie , daß sie endlich , ganz hinten , in einem alten Kasten ohne Deckel , diese Briefe , lose durcheinanderliegend , gefunden habe . Als sie dann den ersten , obersten las , da wußte sie es : die hatte Papa gemeint ! Sie trug den offenen Kasten in ihr eigenes Zimmer und verwahrte ihn dort in der kleinen Boulekommode , die ihr Papa zum letzten Geburtstag geschenkt . Dann legte sie das Schlüsselbund wieder neben Papas Uhr . Die Wärterinnen guckten erst sie und dann einander an . - Und Papa lag wieder wie schlummernd - so , wie er dann bis zuletzt gelegen hatte . Sie vermochte ihm nicht mehr zu sagen : es ist besorgt . Sophie saß erschüttert . Seine letzten klaren Gedanken hatten ihren Briefen gegolten - Gott allein wußte , was der Inhalt all jener weiteren Worte gewesen , die sein Kind nicht mehr verstand . Vielleicht dachte er auch an die Mappe und das , was sie enthielt , und sagte noch , geistesklar und willenskräftig , wem sie gehören solle . - Sophie ahnte wohl : mir ! Aber sein Körper war schon in Verfall . Wie oft hat ein Sterbender nicht mehr die Kraft , seinen allerletzten , klaren Willen auch klar auszusprechen . Wie tröstlich aber war es , zu denken , daß er in dem Wahn entschlummerte , sich noch verständlich gemacht zu haben . - Denn das Kind sagte es : auch den undeutlichen Worten habe sie mehrfach versprechend zugenickt : » Ja , Papa - ja - ja ... « Tulla fuhr dann fort : » Nicht wahr - Sie vergeben mir , daß ich die Briefe las - was konnte ich machen ? Ich hatte nicht den Befehl bekommen , sie zu vernichten . Es konnte doch sein , daß viel daran lag , daß die Schreiberin sie zurückerhielt ? « » Gewiß , « sagte Sophie , » gewiß . « » Ich dachte auch : Gott , wenn die Frau , die diese Briefe schrieb , nun von Papas Tod hört ! Wie schrecklich sie sich wohl um ihre Briefe ängstigt - wer die findet ! Wer die liest ! Und ich wollte ihr zu gern sagen : bloß ich . Und ich hab ' wohl verstanden : das ist was Schönes und Heiliges für Papa gewesen . Eine großartige Freundschaft ! « Was Tulla nicht aussprach , war dies : sie hatte aus der Art der Aufbewahrung den Schluß gezogen : Liebesbriefe sind es natürlich nicht . Sie dachte nicht an himmelblaue Bänder und Geheimfächer . - Das freilich nicht . Aber ein alter , deckelloser Kasten - das war ihr doch zu profan . » Die Frau , die mit Papa so befreundet war , die wollte ich doch gern auch liebhaben - nicht wahr ?