sie dann schwieg , hatte selbst diese Stille noch eine zitternde Erregung . Gertrud lehnte müde am Klavier , und Fräulein von Dussa begann ruhig und geläufig auf sie einzureden . Aus dem Nebenzimmer klang das leise Klappern der Spielmarken herüber , und Fastrade konnte von ihrem Sitz aus Sylvias bleiches Gesicht sehen , wie es nachsichtig und resigniert in die Karten schaute . » Was hilft es ? « sagte Egloff leise , » da hat die arme Kleine sich an einem Schmerz und einer Leidenschaft berauscht , und mit dem letzten Akkord ist alles aus , und sie ist wieder nur Gertrud Port , die eine Nervenkrankheit hat , nicht weiter studieren kann und von ihrem Vater angebrummt wird . « » Aber sie hat doch dieses Erlebnis gehabt « , versetzte Fastrade , und ihre Stimme klang so erregt , daß Egloff überrascht aufschaute . Fastrades Gesicht war über und über naß von Tränen . » Sie weinen ? « fragte er . - » Es ist nur die Musik « , erwiderte sie und lächelte . Egloff schaute wieder auf seine Hände . » Nun ja , « begann er langsam , » aber fühlen Sie nicht , wie hier in diesem Zimmer alles Leidenschaftliche und Lebensvolle gleich verklingt , totgeschlagen wird vom - wie soll ich sagen - Abendlichen , Großmütterlichen , Sirowschen ? Am Beziquetisch klappern sie mit den Marken , es riecht nach dem vom Kamin heißgewordenen Teppich , und Fräulein von Dussa hält einen Vortrag , Goethe und Schubert sind ganz weit . Gott , dieses Sirowsche , wie ich es sehe , ich muß es wirklich einmal als Kind gesehen haben , wie es durch die Zimmer geht und alles Leben , das sich regen wollte , zum Schweigen bringt . Es trägt ein fußfreies braunes Kleid , eine lila Haube , hat ein kleines , graues Gesicht und legt eine kleine graue Hand vor den Mund und gähnt . « Er wartete einen Augenblick , ob Fastrade etwas sagen würde , als sie jedoch schwieg , fuhr er fort : » So ist es bei Ports , so ist es auch bei Ihnen , und das kommt daher , daß unsere alten Herrschaften stärker sind als wir . Sie wollen ruhig und melancholisch ihren Lebensabend feiern , gut , aber wir wurden in diesem Lebensabend erzogen , wir müssen ihm dienen , wir müssen in ihm leben , wir fangen sozusagen mit dem Lebensabend an . Das ist ungerecht . « Er hielt wieder inne und schaute auf . Fastrade saß sehr ernst da und schob ein wenig die Unterlippe vor , wie sie es tat , wenn sie unzufrieden war . » Was ich da sage , mißfällt Ihnen ? « fragte Egloff . » Ja , « erwiderte Fastrade , » es klingt unangenehm und lieblos . « » Lieblos ? « wiederholte Egloff nachdenklich , » ach nein , dieses Abendleben macht uns im Gegenteil zu reizbar und gefühlvoll . Ich wurde hier einsam ohne Kameraden von meiner Großmutter erzogen , ich wurde ein unerträglich weicher Bengel . Einmal ging ich in den Park hinaus in der Sommerdämmerung . Ich kam an einen Platz , wo auf langen Leinen Wäsche aufgehängt war , eine ganze Reihe großer Männerhemden hing dort , der Abendwind fuhr in sie hinein , schaukelte sie sanft hin und her , und sie hoben ihre Arme langsam in die Höhe und ließen sie wieder müde sinken , was soll ich Ihnen sagen , das rührte mich , ich stand da und heulte , tatsächlich . « Gertrud sang wieder , sie sang ein Lied von Mendelssohn , hob sich auf die Fußspitzen , rang die Hände ineinander . » Schon sinket die herbstliche Sonne , das wird mein Träumen wohl sein . « Ihr ganzer kleiner Körper wurde wieder von der süßen Melancholie der Töne geschüttelt , und als sie zu Ende war , sank sie auf einen Stuhl nieder und atmete tief . Fräulein von Dussa wandte sich sogleich zu ihr und begann eifrig über Mendelssohn auf sie einzusprechen . Egloff hob einen Finger in die Höhe und sagte leise zu Fastrade : » Jetzt geben Sie acht , Sie werden es spüren , wie jetzt gleich das Sirowsche durch die Zimmer geht , um Mendelssohn hinauszufegen . « Fastrade zog ihre Augenbrauen empor und meinte fast ungeduldig : » Ich weiß nicht , worüber Sie sich beklagen , Ihr Leben ist doch gewiß nicht abendlich und melancholisch . « Egloff zuckte die Achseln : » Man tut , was man kann , nur das Sirowsche ist stärker . Gewiß , ich locke zuweilen Menschen hierher , oder ich gehe auf Reisen , oder ich fahre in das Städtchen in den Klub und trinke , oder ich spiele Karten , gewiß , gewiß , aber das Sirowsche wohnt bei mir zu Hause und gehört zu mir . Übrigens , « und er dachte einen Augenblick nach , » übrigens , man hat Ihnen wohl gesagt , daß ich ein Spieler bin . « Fastrade zog die Augenbrauen zusammen und machte ihr eigensinniges Gesicht . Warum kommt er mir mit seinen Fragen und Geständnissen so nahe , dachte sie , danach sagte sie fast unwillkürlich : » Warum müssen Sie denn spielen ? « » Warum ? « erwiderte Egloff sinnend , » ich weiß nicht , vielleicht , weil im Spiel immerfort sich schnell etwas entscheidet , so etwas wie ein ganz eilig laufendes Schicksal . Im Leben entscheidet sich ja sonst alles so langsam . Wenn ich heute auf etwas hoffe , erfüllt es sich erst nach so langer Zeit , daß ich dann keine Freude daran habe , man lebt ja , als ob man eine Ewigkeit Zeit hätte . « Er hielt inne und betrachtete Fastrade . » Sie , « sagte er dann , » sollten auch mehr Eile haben . « » Ich ! « Fastrade sah