Sie besprachen den Geiz des einen und die Heftigkeit des anderen , verglichen , in welchem Haushalt die größten Nebenprofite unbemerkt gemacht werden konnten , und erzählten sich untereinander die geheimen Geschichten gegenwärtiger und früherer Herrschaften , - und Tschun , der früh reif war , wie jedes orientalische Menschenkind , schnappte es alles begierig auf . Aber neben all ihren oft komischen , oft unverständlichen Eigentümlichkeiten blieb doch immer das eine , daß niemand diesen großen ausländischen Mandarinen vorwerfen konnte , ihre Stellung zu persönlicher Bereicherung auszunutzen . Darin schienen sie ganz anders zu sein als die chinesischen Würdenträger . Wenn die Ta-jens der verschiedenen fremden Gesandtschaften sich feierlich in grünen Sänften mit Vorreitern ins Tsungli-Yamen tragen ließen und dort die Reklamationen irgendeines in China beeinträchtigten Landsmannes beinah heftig vertraten , oder die Erteilung einer der vielen begehrten Konzessionen ungestüm für ihn forderten , so handelte es sich dabei nie um irgend einen eigenen Vorteil . Tschun erfuhr , daß sie das alles zur Verbreitung höherer Zivilisation täten . Das war ihm ein ganz neuer Begriff . Wenn nun aber der eine der großen fremden Herren etwas im Tsungli-Yamen erreicht hatte , ärgerte sich sicher einer der anderen darüber , und das freute den ersten . Dann begann sicher gleich der zweite , nun seinerseits große Anstrengungen zu machen . Es erinnerte Tschun an die Wettrennen der Fremden , die weit außerhalb der Mauern Pekings auf einem großen freien Platz gehalten wurden . Er war mit Kuang yin und den anderen Boys einmal hinausgefahren , um beim Servieren der großen Mahlzeit zu helfen , die die fremden Herrschaften draußen einnahmen . Dort waren die jungen Herren in bunten seidenen Jacken und Mützen wie wild drauflos geritten und hatten auf ihre mongolischen Ponies tüchtig gehauen , weil jeder der erste sein wollte . Bei dem einen Rennen war der hübsche Herr , der auch diesmal Weiß trug , der erste gewesen , und der Böse , der wahrscheinlich auch gern den Preis gewonnen hätte , sah darob besonders böse aus . Ja , so ähnlich mußte es mit dem zivilisatorischen Wettbewerb der Fremden in China wohl auch sein , nur daß dies Rennen nie aufhörte , weil immer neue erstrebenswerte Ziele winkten . Die meisten Leute , wie der greise Großonkel Lin te i , fanden freilich , daß China den Fremden schon viel zu viel zugestanden hätte . Doch die Ta-jens sagten , daß das alles ja gerade zum Besten Chinas selbst führen würde , das sich in einem beklagenswerten Zustand der Rückständigkeit befände . Es sollte ja durch sie Eisenbahnen erhalten , mit denen man so rasch wie der Wind von einem Ende des Landes zum anderen fahren und Proviant in diejenigen Provinzen bringen könne , wo gerade die alljährlichen Hungersnöte herrschten ; auch wollten sie in der Erde nach Kohle suchen , mit der dann auch ganz arme Menschen winters heizen und warm haben könnten ; und starke neue Kriegsschiffe sowie furchtbare Kanonen und Gewehre wollten sie China aus ihren großen Vorräten daheim verkaufen und von ihren vielen eigenen Militärmandarinen die besten schicken , um den Chinesen zu zeigen , wie man diese Waffen gebrauche . Ja , sogar Geld wollten sie China leihen . Tschun aber dachte , ich hatte doch recht , diese Fremden sind wahrlich bessere Menschen : ihre Priester haben uns den wirklichen lieben Gott gebracht , und diese weltlichen Herren wollen uns nun auch noch all die übrigen guten Dinge bringen . Sicher wird es einmal sehr schön werden . Wenn es nur recht schnell ginge ! Und Tschun begann in den Mußestunden , die ihm der Dienst bei seiner fremden Herrschaft ließ , dem Zustand seines eigenen Landes nachzuforschen . Er hatte davon früher wenig gewußt , aber er war ja auch nur ein kleiner Junge gewesen . Jetzt erfuhr er , daß es seit einiger Zeit eine ganze Partei von Chinesen gäbe , die auch fanden , daß es um China schlecht bestellt sei , und die es ebenfalls sehr eilig hatten , allerhand Neuerungen einzuführen . - Diese Gedanken hatten zuerst Leute aus dem fernen Süden Chinas mitgebracht , wo man viel mehr als in Peking mit den Fremden zusammenkommt . Von denen hatten sie wohl auch den Begriff des Patriotismus gelernt , ein Wort , das Tschun vorher noch nicht vernommen hatte , und nun wollten sie als gute Patrioten alles im Lande bessern . Man nannte sie die Südpartei . Sie hatten auch schon eine Menge Leute in Peking für ihre Ideen gewonnen , auch unter den Literaten und großen Herren , aber im ganzen standen ihnen die Mandschus doch recht mißtrauisch gegenüber , denn sie fürchteten , daß ihnen , die doch die herrschende Rasse waren , von den schlauen Südländern allerhand Vorrechte weggenommen werden könnten . Die so dachten , nannte man die Nordpartei . Am deutlichsten zeigte sich der Gegensatz bei den alljährlichen großen Staatsexamen , in der klassischen Weisheit , da wollte jede der beiden Parteien für die Kompetitoren ihrer Seite die meisten und höchsten Preise erlangen . Bei den letzten Examen hatten stets die Südländer gesiegt , und ihre Anhängerzahl war dadurch sehr gestiegen . Darob ärgerte sich die Nordpartei . Ueber all diese Dinge hörte Tschun die chinesischen Lehrer sprechen , die alltäglich in die Gesandtschaft kamen , um den Dolmetschern Stunden zu geben und ihnen beim Schreiben der Briefe an das Tsungli-Yamen zu helfen , denn diese Herren waren ja selbst Literaten und interessierten sich infolgedessen sehr für alles , was mit den klassischen Examen zu tun hatte . - Sie gingen auch viel in die Teehäuser und kannten alle Gerüchte , von denen da gemunkelt wurde . Sie erzählten , daß bisher der greise Prinz Kung , ein Verwandter des Kaisers , zwischen beiden Parteien weise vermittelt habe , aber der war nun tot , und seitdem hatten sich die Gegensätze noch sehr verschärft . Führer der Südpartei war der Gelehrte Weng tung ho , der früher den jetzt