unglaublich wegwerfend behandelt , ungefähr wie ein Rechtgläubiger einen Ketzer . Leopold mag freilich im Gegensatze zu ihm eine sehr geduldige , nachgiebige Moral haben - aber es bleibt doch immer garstig und ist so sehr hübsch und gut von Valer , daß er ihn wie einen flatternden , lieben Knaben hält , dem er lächelnd zusieht , den er oft streichelt , zuweilen aber auch mit ein paar ernsten Worten zurechtweist . Diese Art von Liebe fühlt auch Leopold sehr , er , unterwirft sich ihm leicht und sogleich und liebkost ihn oft , wie ein Mädchen ihrem Liebsten tun mag . Da ich zufällig wie ein Pfäfflein schon zweimal von moralischer Beschaffenheit gesprochen habe , so muß ich auch der Moral Valers gedenken . Aber wie fang ' ich das an ? Ich habe das Wort nie von ihm gehört . Nach manchen leichten Äußerungen , die er immer wieder in andern für mich schwer verständlichen Worten verbarg , scheint er ein schlechter Christ zu sein . Als ich ihn neulich des Abends , da die Gesellschaft auseinanderging , fragte , ob er denn auch betete , da schüttelte der freche Mensch lächelnd den Kopf und sagte : » Nein - ich sehe viel in die Nacht , in Mond und Sterne hinein , und frage sie , wer sie so schön gemacht - aber was Sie beten nennen , meine Holde « - und dabei küßte er mir zum ersten Male schelmisch die Hand - » das hab ' ich nur als kleiner Bub getan , weil es die Mutter so wollte . « - Ich war so verlegen und verwirrt von dem Handküssen ; ich kam mir dem klugen Manne gegenüber , der alles in Entfernung von sich hält , dessen so unwürdig vor , daß ich nichts zu sagen wußte . Später . - Ich stand vom Schreiben auf und eilte ans Fenster , weil ich Reiter und viel Geräusch hörte . Von der einen Seite kam Graf Fips , von der andern ein Fremder geritten , um den sich unsere jungen Gäste bald stürmisch drängten , den sie umarmten und jubelnd begrüßten . Also wahrscheinlich ein neuer Zuwachs zu unsern Poeten . Sollten Sie sich des Grafen Fips nicht erinnern ? Es ist die sogenannte » elegante Figur « , die immer auf den Bällen zu sehen ist . Ziemlich groß , schmal und schmächtig gewachsen , mit einem jener traurig regelmäßigen Gesichter , die man sich nicht behalten kann . Diesen erkenn ' ich nur immer an der unanständig gesunden Röte wieder , die sich bis an die Ohren zieht , unweit der Nase erschreckt aufhört und sich in mädchenhafter Weiße verliert . Außerdem hat er die unangenehme Manier , blonde Augenwimpern zu tragen und dadurch wie ein malitiöses Gewissen auszusehen , das fortwährend zu Lästerungen stachelt . Auch hoffe ich sehr , die zierlichen dunkelblonden Haare sind ganz das Werk seines Friseurs , darum denke ich mir ihn immer kahlköpfig , und er erscheint mir nie anders als wie ein Mischling von Türke und englischem Lord , ein europäischer Kreole , der innerlich halb bestialisch und nur äußerlich modernisiert ist . Mein Gott , was ist das für Zeug ! Er gilt allgemein für einen schönen Mann , und im vorigen Winter haben mich mehrere Damen sogar versichert , er sei witzig , wenigstens scharf . Ein Kunststück versteht er gewiß : er näselt schnarrend ; ich verziehe mein ganzes Gesicht , wenn ich ' s ihm nachmachen will . Seit einem Jahre schon ist er käuflich , das heißt , er sucht eine Frau ; ich fürchte , er hat sein schillerndes blinzelndes Auge auf meine liebe Alberta geworfen . Das wäre sehr schlimm , denn es will mich bedünken , der Graf , ihr Vater , suche eiligst einen Schwiegersohn . Gott weiß , was er für Pläne hat , Gott weiß , was für ungewöhnliche , denn gewöhnlich ist nichts an ihm . Arme Alberta ! Graf Fips ist übrigens ein gewandter Kavalier , der viel Glück bei den Damen hat . Ich erinnere mich keiner einzigen , die in mein Lästergeschwätz über ihn eingestimmt hätte . Kolossal - kolossal , würde er sagen , läs ' er das . Aber meine Liebe , Sie begreifen leicht , daß mich meine Neugierde nicht länger am Schreibtisch duldet - ich muß rekognoszieren . - Adieu und nochmals Adieu und herzliche Küsse auf Ihren lieben Mund von Ihrer Kamilla . P.S. Ich war schon aufgesprungen und komme noch einmal zurück , weil ich mich eines Auftrags von Herrn Valer zu entledigen habe . Ich erzählte ihm von Ihnen , daß Sie unsere Freundin seien und daß ich an Sie schriebe , daß Sie sehr schön und liebenswürdig usw. - er schien nur mit halbem Ohr hinzuhören . Vor einigen Tagen suchte er mich auf - ich glaube , der Postbote war eben bei ihm gewesen , und erkundigte sich nach Ihnen , und ob man Sie wohl um folgendes bitten dürfte . Ein Freund von ihm , Konstantin Müller , lebt in Berlin in einem äußerlich und innerlich sehr aufgelösten Zustande - die Adresse ist am Schluß meines Briefes angegeben ; ich muß Valer noch einmal danach fragen . Dieser fürchtet , Konstantin verschweige mehr als er sage von seinem Unglück ; er weiß nicht , wie er ihm zu Hilfe kommen kann . Ob es nicht angeht , dem Herrn Müller in Ihrem Hause Zutritt zu verschaffen . Valer erlaube sich , dies einleitend , einige Zeilen an Konstantin meinem Briefe beizulegen , die Sie ihm zuschickten usw. - die Ihrigen machen ja ein großes Haus , das ist ja eine Kleinigkeit . Zur Courfähigkeit bei Ihrem Vater dient Valers malitiöse Notiz , daß der junge Mann von Adel sei , sich aber aus Oppositionsgeist nie so nenne . Die Sache interessiert uns nach dem wenigen , was wir über jenen Konstantin wissen , außerordentlich , und Sie verbinden uns