damit zu tun . Unergründliche Sorge . Man mußte lernen , vielleicht wurde es dann klar . Lernen , wie alles bestand , lernen , was in der Nacht verborgen war , wenn man nicht lebte und dennoch spürte , das Unbekannte lernen , erhaschen , was so fern , wissen , was so dunkel war , die Menschen fragen lernen . Sein Eifer bei den Büchern wurde glühend . Er begann Ungeduld zu zeigen , wenn er von den fremden Besuchern sich immer wieder empfindlich gestört fand , denn jetzt kamen die Leute schon von auswärts , weil allenthalben im Land über Caspar Hauser geredet und geschrieben wurde . Auch Daumer konnte sich der Ansprüche , die an ihn gestellt wurden , kaum erwehren . Er war oft mißgelaunt und matt , und es gab Stunden , wo er bereute , Caspar der Welt preisgegeben zu haben . Es gab Stunden , wo er , allein mit dem Jüngling , sich seiner besseren Würde erinnerte und diesem seltsam Leibeigenen , Seeleneigenen sich tiefer anschloß , als der anfängliche Zweck gewollt . Es gab eine Stunde , wo Daumer eines paradiesischen Bildes gewahr wurde : Caspar im Garten , auf der Bank sitzend , ein Buch in der Hand ; Schwalben ziehen ihre Zickzackkreise um ihn , Tauben picken vor seinen Füßen , ein Schmetterling ruht auf seiner Schulter , die Hauskatze schnurrt an seinem Arm . In ihm ist die Menschheit frei von Sünde , sagte sich Daumer bei diesem Anblick , und was wäre sonst zu leisten , als einen solchen Zustand zu erhalten ? Was wäre hier noch zu enträtseln , was zu verkünden ? Eines andern Tages erhob sich im Nachbargarten großer Lärm . Ein bissiger Hund hatte seine Kette zerrissen und raste , Schaum vor dem Maul , in wilden Sprüngen umher , überrannte ein Kind , schlug einem Knecht , der ihn verfolgte , die Zähne ins Fleisch und stürzte gegen den Zaun des Daumerschen Gartens . Eine Latte krachte unter dem Anprall , das Tier schlüpfte herüber und richtete die blutunterlaufenen Augen wild auf die kleine Gesellschaft , die unter der Linde saß : Daumer selbst , dessen Mutter , der Bürgermeister Binder und Caspar . Alle standen ängstlich auf , Binder erhob den Stock , das Tier machte einige Sätze , blieb aber auf einmal stehen , schnupperte , trabte auf Caspar zu , der bleich und stille saß , wedelte mit dem Schweif und leckte die herabhängende Hand des Jünglings . Mit einem lodernden ungewissen Blick sah es ihn an , voll Ergebenheit fast , eine Zärtlichkeit erwartend , und es war , als erbitte es Verzeihung . Denselben ungewissen und ergebenen Ausdruck hatte auch Caspar im Auge ; ihn jammerte der Hund , er wußte nicht warum . Man erzählte sich , daß Daumer nach diesem Auftritt geweint habe . Zwei Tage später , an einem regnerischen Oktoberabend war es , daß sich Daumer mit seiner Mutter und Caspar im Wohnzimmer befand . Anna war zu einer Unterhaltung in die Reunion gegangen , die alte Dame saß strickend im Lehnstuhl am offenen Fenster , denn trotz der vorgerückten Jahreszeit war die Luft warm und voll des feuchten Geruchs verwelkender Pflanzen . Da wurde an die Türe geklopft , und der Glasermeister brachte einen großen Wandspiegel , den die Magd in der vergangenen Woche zerbrochen hatte . Frau Daumer hieß ihn den Spiegel gegen die Mauer lehnen , das tat der Mann und entfernte sich wieder . Kaum war er draußen , so fragte Daumer verwundert , warum sie den Spiegel nicht gleich an seinen Platz habe hängen lassen , man hätte dann doch die Arbeit für morgen erspart . Die alte Dame erwiderte mit verlegenem Lächeln , am Abend dürfe man keinen Spiegel aufhängen , das bedeute Unheil . Daumer besaß nicht genug Humor für derlei halbernste Grillen ; er machte der Mutter Vorwürfe wegen ihres Aberglaubens , sie widersprach , und da geriet er in Zorn , das heißt er sprach mit seiner sanftesten Stimme zwischen die geschlossenen Zähne hindurch . Caspar , der es nicht sehen konnte , wenn Daumers Gesicht unfreundlich wurde , legte den Arm um dessen Schulter und suchte ihn mit kindlicher Schmeichelei zu begütigen . Daumer schlug die Augen nieder , schwieg eine Weile und sagte dann , völlig beschämt : » Geh hin zur Mutter , Caspar , und sag ihr , daß ich im Unrecht bin . « Caspar nickte ; ohne recht zu überlegen , trat er vor die Frau hin und sagte : » Ich bin im Unrecht . « Da lachte Daumer . » Nicht du , Caspar ! Ich ! « rief er und deutete auf seine Brust . » Wenn Caspar im Unrecht ist , darf er sagen : ich . Ich sage zu dir : du , aber du sagst doch zu dir : ich . Verstanden ? « Caspars Augen wurden groß und nachdenklich . Das Wörtchen Ich durchrann ihn plötzlich wie ein fremdartig schmeckender Trank . Es nahten sich ihm viele Hunderte von Gestalten , es nahte sich eine ganze Stadt voll Menschen , Männer , Frauen und Kinder , es nahten sich die Tiere auf dem Boden , die Vögel in der Luft , die Blumen , die Wolken , die Steine , ja die Sonne selbst , und alle miteinander sagten zu ihm : Du . Er aber antwortete mit zaghafter Stimme : Ich . Er faßte sich mit flachen Händen an die Brust und ließ die Hände heruntergleiten bis über die Hüften : sein Leib , eine Wand zwischen innen und außen , eine Mauer zwischen ich und du ! In demselben Augenblick tauchte aus dem Spiegel , dem gegenüber er stand , sein eignes Bild empor . Ei , dachte er ein wenig bestürzt , wer ist das ? Natürlich war er schon oft an Spiegeln vorbeigegangen , aber sein von den vielen Dingen der vielgesichtigen Welt geblendeter Blick war