mit denselben erstaunten blauen Augen ; und neben ihr trippelte ein kleines , dreijähriges Mädchen , das mit wichtiger Miene eine Klingel hielt . » Es ist alles fertig , « rief sie , » Evchen , nun klingle mal schön . « Und Evchen klingelte , und wir alle folgten in das Wohnzimmer , wo der Baum strahlte . Mit Ketten , vergoldeten Nüssen , Äpfeln , Pfefferkuchen war er geschmückt - sicher genau nach dem Vorbild , das die Frau Konsul bei ihrer Grossmutter und Mutter in dem kleinen Schwarzwaldstädtchen gesehen hat . Es war sehr heimatlich . Man vergass dabei die hastende , neue Stadt da draussen und fühlte sich in eine alte Welt zurückversetzt , wo der Wechsel so langsam vor sich geht , dass sie eigentlich still zu stehen scheint . Der kleine Junge wurde auf den Teppich gesetzt und ein zusammenlegbares , unzerreissbares Bilderbuch um ihn aufgestellt , und wir halfen der Frau Konsul die Kiste auspacken , die von ihrer Mutter gekommen war . Wie sorgfältig war alles gepackt , in Seidenpapier eingewickelt , mit blauen Bändchen jedes einzelne Paket gebunden und ein Zettel dran gesteckt , mit ein paar lieben Worten für den Empfänger in zittriger Handschrift darauf geschrieben . Lauter Dinge waren darin , die man in New York ganz ebenso bekommen kann . Recht unpraktisch und doch so rührend deutsch ! Selbstgestrickte und gehäkelte Dinge für die Kinder , selbstgebackener Kuchen und Würste von dem für Weihnachten geschlachteten Schwein , und auf dem Grund der Kiste ein paar dicke wissenschaftliche Bücher für den Herrn Konsul und , in modernstem Rahmen , eine grosse Photographie von Böcklins geigendem Mönch , dem die Engelchen lauschen . - Liebes altes Deutschland ? Wäre doch Dein Raum so gross wie Dein Gemüt , dass all Deine fern verstreuten Kinder bei Dir Platz fänden ! - Evchen hatte sich den Böcklin andächtig betrachtet , nun lief sie ans Fenster und drückte sich das Näschen an den Scheiben platt . » Was machst Du denn da , « fragte ich sie . » Ich gucke , ob da draussen auch Engelchen herumfliegen , « antwortete sie und setzte dann hinzu : » nein , hier gibt ' s keine . « Ich schaute mit dem Kind hinaus in die Strasse mit den vielen gleichmässigen Häusern , an deren einem Ende , ganz nah von uns , eine Station der Hochbahn war . Ein hellleuchtender Zug kam herangesaust , hielt einen Augenblick und brauste dann weiter . » Der Eisenbahn gefällt es hier nicht , « sagte Evchen , » sie eilt sich so sehr her zu kommen und dann geht sie immer ganz schnell wieder fort . « » Liebes Kind , « sagte der Konsul zu seiner Frau , » gibt es nicht bald was zu essen ? « Sie fuhr aus all den heimatlichen Paketen empor : » Aber ja , es muss alles schon fertig sein . « Sie klingelte , aber Ursache und Wirkung folgten nicht aufeinander . Nun ging sie hinaus , kam aber bald mit bestürztem Gesicht zurück , trat an ihren Mann und sagte leise : » Willst du nicht lieber mal mit ihm reden ? « Nun ging der Konsul hinaus , und bald hörten wir erregte Stimmen und darauf etwas Schweres , das die Treppe hinabpolterte . Der Konsul kam wieder herein , etwas aufgeregt und ausser Atem : » Meine Herrschaften , ich bitte sehr um Entschuldigung - ein kleiner amerikanischer Zwischenfall - der Neger Sam war schwer betrunken - ich fand ihn , mit dem Eidamer Käse Ball spielend . - Da habe ich die Rollen umgekehrt und mit ihm etwas Ball gespielt - und dabei ist er die Treppe hinab und auf die Strasse geflogen . « » Und als ich vorhin draussen war , « erzählte die Frau Konsul mit kläglicher Stimme , » ass er die Austern auf und sagte mir , er nähme ja nur die schlechten , um uns vor Vergiftung zu bewahren . « Der Generalkonsul lachte in seiner herzhaften Art , und wir alle stimmten mit ein . Und dann folgte das komischste Weihnachtssouper , das ich je mitgemacht , denn es stellte sich heraus , dass die irische Köchin dem schwarzen Sam nachgelaufen war . So gingen wir denn mit der Frau Konsul in die Küche , retteten , was zu retten war , trugen die Gerichte hinauf in das Speisezimmer und sprachen ausserdem tüchtig den Würsten zu , die wir aus der Weihnachtskiste ausgepackt hatten . Als wir Abschied nahmen , sagte unsere Wirtin : » Sie müssen schon entschuldigen - es ist hier halt alles so anders , als daheim in Baden . « 17 New York , 1. Januar 1900 . Lieber Freund ! Möchte das Jahr Sie mit allem Guten beschenken , das ich Ihnen wünsche ! Gleich die ersten Gedanken heute früh flogen hinaus über die grollenden Wintermeere und die weiten hart gefrorenen Ebenen , in denen der Sturm heult , flogen aus , Sie zu suchen , und konnten Sie nicht finden , und flattern nun weiter unstet umher , können nirgends zur Ruhe kommen , sehnen sich so sehr , Ihnen ein kleines Zeichen zu geben . Alles Schöne und alles Glückliche möchte ich in Ihr Leben hinein zaubern - und konnte Ihnen doch am Weihnachtsabend kein Bäumchen schmücken , kann Ihnen heute zu Neujahr nicht einmal die Hände reichen ! Den ganzen Tag war mir , als müsse heute durchaus ein Wort von Ihnen zu mir dringen , als müsse Ihre Stimme ganz leise aus der Ferne klingen , wie einstmals in vergangenen Tagen , als Sie mir sagten : » Und darf es nicht Glück sein , so sei ' s doch das Nächstbeste . « Und Ihr » Nächstbestes « , lieber Freund , war immer noch so viel reicher und zarter , so viel sorgender als alles , was andere Menschen als höchstes Glück zu geben