; endlich hat er den Ausweg einer Wegführung des Gefangenen in eine Anstalt seines Heimatkantons erdacht . » Es geschieht auch in Ihrem Interesse , « hat der Direktor gesagt . Der Vater hat Josefine darauf einen beglückwünschenden Brief geschrieben . Er hat seine Meinung noch immer nicht geändert , der alte Plattner . Das macht den Verkehr zwischen Vater und Tochter schwierig . An der Zuchthausmauer raschelt der dürre Efeu . Ob in Neuenburg oder hier , immer doch ist der Unglückliche dort , wo in der Mauer die Gittertür schließt , die sich nur öffnet , wenn der Wächter es erlaubt . - - Vorwärts ! in den Laden . Das Wachspüppchen für das geliebte Kind gekauft . Laure Anaise hätte den Gang machen können , aber Josefine wollte selbst . Ach , meine Kleinen , zu wenig , zu wenig bin ich für euch ! Und doch - alles , was ich treibe , mein ganzes Studium , mein ganzes Tagewerk , ist es nicht für euch ? Wozu sonst lebte ich ? Was wäre mir dies schwere Dasein ? Ihr versteht das heut noch nicht . Ihr schmollt mit mir , wenn ich immer von euch weggehe . Einmal werdet ihr es verstehen . Einmal werdet ihr wissen , daß mich die Liebe zu euch von euch forttrieb ... Und morgen also Repetitorium , und am Samstag zum erstenmal Diagnose machen ! Himmel , wenn ich mich nur nicht blamiere ! Sie blamierte sich nicht . Sie machte all ihre Examina in der denkbar kürzesten Frist , trotz all der Erschwerungen . In den Pensionären fand Josefine Kameraden , die sie bereitwillig und mit großer Stetigkeit vorwärts schoben . Auch das dritte Zimmer gewann einen ständigen Bewohner in Helene Begas , einer scharfäugigen , tüchtigen Mathematikerin , die Josefine bald freundschaftlich näher trat und ihre Hilfe auch auf das Stiefkind des » Grauen Ackersteins , « die geregelte Hauswirtschaft , ausdehnte . Ihr war es zu danken , daß in das Hausmädchen Käthe ein feuriger Ehrgeiz einzog , keine Kartoffeln mehr anbrennen zu lassen . Man nannte Käthe die » Ernährerin « und behandelte sie mit Achtung , und Käthe sah , daß hier im Hause niemand lebte , nur um sich einen guten Tag zu machen . Verwundert sah sie , wie emsig geackert ward im Haus » Zum grauen Ackerstein . « Es gab nur ein Gespräch , nur ein Interesse , nur ein Streben - die Arbeit ! die Arbeit ! und noch einmal die Arbeit ! Wenn Josefine später dieser Jahre gedachte , dann sah sie vor sich einen flachen Garten unter einem grauen Himmel . Mit schnurgerader Regelmäßigkeit war der Garten angelegt , in unübersehbar viele kleine Quadrate geteilt , und jedes Quadrat trug seine Namentafel . Und in diesem Garten wandert sie und ist wieder Kind . Eine zweite Schulzeit ist gekommen . Wie Hermann und Rösli denkt man nur von einem Tag auf den anderen . Wie Hermann und Rösli freut man sich , wenn man gut bestanden hat , und ist niedergeschlagen , wenn man schlecht bestanden hat . Man freut sich auf den Samstagnachmittag , weil dann kein Kolleg ist ; man erwacht und will aus dem Bette springen , mit Herzklopfen , mit Angst , weil man zehn Minuten zu spät aufgewacht ist , und auf einmal dehnt man sich lachend : » Ach , es ist Sonntag ! Sonntag . « Und wie gut sind die Ferien , obwohl man dann erst recht studiert , alles wieder durcharbeitet und endlich auch einmal zum Lesen kommt . Natürlich wissenschaftliche Bücher , aber zusammenfassende , philosophische , vor denen man klein wird und ganz sich vergißt und seine eigene ephemere Existenz . Das sind schöne Jugendaugenblicke , die vor den Büchern und die vor dem Mikroskop , wo man sich in das Geheimnis des Lebens vertieft . Der Kern der stillen Zelle wird unruhig , er dehnt sich zur Spindel , die Elemente , einen Augenblick zum Knäuel verschlungen , ordnen sich an beiden Polen . Sie schließen sich zu Sternen zusammen , sie lösen sich von einander , aus dem Mutterstern sind zwei Tochtersterne geworden , die ein selbständiges Dasein führen ; der Teilung des Zellkerns folgt die Teilung der Zelle , ein neues Individuum ist entstanden , da unter dem zarten Deckgläschen auf dem Objektträger , und ich hab es werden sehen ! Eine merkwürdige Kräftigung ging von diesen Naturstudien aus . Josefine vergaß nicht nur sich und ihr Leid , sie fühlte eine intellektuelle Freude , einen Genuß am Erkennen , der sie widerstandsfähig machte gegen die Stöße des Geschicks . Es war ihr , als gewänne sie festen Grund unter den Füßen . Sie schwebte nicht mehr im Bodenlosen , sie erkannte wenigstens die Grenzlinien des unbekannten Landes , das hinter aller menschlichen Erkenntnis liegt . Es war vielleicht nicht möglich , etwas zu wissen , aber man konnte vieles sehen , woran man nie zuvor gedacht . Die Schaulust war auch eine Lust und keine geringe . Josefine vergaß zuweilen , daß die Kinder noch jünger waren als sie , und zeigte ihnen , was sie selbst überrascht hatte . Die Kleinen sahen den lebendigen Plasmastrom durch die Stengel der Armleuchterpflanze rinnen und beguckten durch das Fernrohr die Ringe des Saturn . Josefine wollte ihnen große Eindrücke geben , die größten , die sie selber gehabt . Dann saßen die Kleinen nachher mit Laure Anaise zusammen und woben Märchen daraus . Rösli war voll Phantasie , sie dichtete am eifrigsten . Sie sah die Bäume bluten , wenn man ihnen einen Zweig abschnitt , und die Traube am Hausspalier sprach zu ihr mit deutlicher , flüsternder Stimme : » Nimm mich , Rösli , ich bin reif . « Wenn sie sich in den Straßen verirrte , dann war allemal » ein guter Zwerg « gekommen und hatte sie nach Hause geführt . » Ein Zwerg , ganz gewiß ! Glaubst du