Dir nun erklären wollte - « » Nein , das brauchst Du nicht - mir ist auch alles japanisch , was in den hohen Häusern verhandelt wird . Lese niemals diese Rubrik in den Zeitungen ... das ist nichts für uns Frauen . Wenn man nicht lateinisch und griechisch gelernt hat - das bildet ja den Verstand und auch das können ja nur die Männer ... Und überhaupt , alles Politische , es ist so fad ... Vielleicht nicht für die Männer , aber die haben einen ganz andern Geist - - « » Du würdest in der Frauenfrage nicht auf seiten Deiner Geschlechtsgenossinnen stehen , wie ich sehe ? « » Von Emanzipation - ausgenommen das Zigarettenrauchen - will ich nichts wissen ... Würdest Du Dir eine emanzipierte Frau wünschen ? « » Was Du Dir darunter vorstellst - allerdings nicht . Überhaupt wünsche ich mir ja keine andere Frau - Du bist ein lieber Schatz ... Und ich bitte Dich - bleib Deiner Abneigung gegen Politik treu , auch für den Fall , daß ich mich hineinstürzen müßte : Versuche dann nicht , mir eine bestimmte Richtung zu suggerieren , wie vorhin mit dem Konservativsein der anständigen Leute ... Was macht unser Fritzi ? Hat ihn das Mädchen in den Garten getragen ? « » Ja , unter die Linde ... komm , gehen wir hin . « Und sie stand auf . » Geh Du - ich habe zu arbeiten . « » Aha , da sieht man schon den Staatsmann , « sagte Beatrix lachend . Sie ging hinter Rudolfs Stuhl , legte ihm den Arm um den Hals und küßte ihn auf die Stirn . » Er muß arbeiten - Österreichs Geschicke lenken und vernachlässigt Weib und Kind - adieu denn , zerbrich Dir nicht den geliebten Schädel ... Gib mir ein Busserl . « Er legte die Zeitung aus der Hand und zog seine Frau zu sich herab . » Noch zwei , Trixi - auf jedes Deiner Wangengrübchen ... Adieu - ich lasse unsern Kronprinzen grüßen . « » Für den werd ' ich ein neues Wiegenlied dichten : Schlaf , Kindchen schlaf , Dein Vater ist ein Graf . « » Das ist nicht sehr neu ... « » Warte nur : Schlaf , Du kleiner Arier , Dein Vater ist ein Parlamentarier . « Leichten Schrittes eilte sie durch die offene Fenstertür in den Garten hinaus . Dabei flatterte das weiße Spitzengewoge ihres Schlafrocks und die Strahlen der Morgensonne verfingen sich goldig in ihr flockiges Blondhaar . Mit lächelndem Wohlgefallen blickte ihr Rudolf nach : » Vögelchen liebes ! ... Kolibri - süßer ... und von einem Kolibri verlangt man doch kein Adlerhirn ... « Dann stand er auf und begab sich in den ersten Stock in sein Arbeitszimmer . Dieser Raum war im Hause unter dem Namen » der Harlekinsaal « bekannt . Wie das zweifarbig geteilte Kleid der Komödienfigur , war das Arbeitszimmer des Schloßherrn in zwei abstechende symmetrische Hälften geteilt . An jedem Ende in tiefer Nische breite Doppelfenster , durch die das Grün der Bäume sichtbar ist . Sowohl am rechten wie am linken Ende ein großer Schreibtisch , so gestellt , daß das Licht nicht gegen die Hand falle . Dort wie da Bücherschränke , dort wie da Wandschmuck . Aber die eine Hälfte in lichtem , die andere in dunklem Holz . Die eine Hälfte eine Kanzlei , die andere was in englischen Landhäusern » studio « heißt . Die Zweiteilung von Rudolfs Berufsleben spiegelte sich in dieser Anordnung . Hier : die Wirtschaftsbücher und Katastralmappen ; die Geschäftsbriefe , Steuerbogen , landwirtschaftliche Zeitungen , Prospekte von Maschinenfabriken und Samenhandlungen ; Versicherungs-Polizen , Muster von Holz- und Steingattungen ; eine ganze Bücherei von Fachwerken über Feld- und Gartenbau , über Obstzucht und Viehzucht , über Milchwirtschaft und Waldkultur . An den Wänden Hirsch- und Rehgeweihe , photographische Ansichten der zu der Domäne gehörigen Meierhöfe , Pferdebilder , und dergleichen mehr . Dort : der Arbeitstisch bedeckt mit Monats- und Wochenschriften sozialpolitischen Inhalts ; unter Briefbeschwerern die zu erledigenden Briefe von berühmten Gelehrten und Schriftstellern , mit welchen Rudolf in regelmäßiger Korrespondenz stand . Ein Paket Bücher - eben heute vom Wiener Buchhändler » zur Ansicht « übersandt , immer die hervorragendsten Neuerscheinungen der wissenschaftlichen Literatur . Diesmal : der letzte Nietzsche , Götterdämmerung , Looking backward von Bellamy ; Herbert Spencer : Grundlage der Ethik ; Carus Sterne : Alte und neue Weltanschauung ; Carneri : Entwicklung zur Glückseligkeit . Im Bücherschranke die Werke von Marx , Lassalle , Engel , Henry George , Auguste Comte , Litré Ernst Haeckel , Stuart Mill , Huxley , Buckle , Strauß , Virchow , Berthelot , Alfred Fouillée , Guyeau u.a. In einem offenen Bücherregale neben dem Schreibtisch eine Reihe von Nachschlagewerken , Lexika und Wörterbücher ; in einem andern eine Sammlung von Lieblingsdichtern ; Goethe , Byron , Viktor Hugo , Anastasius Grün , Shelley , Platen , Musset , Longfellow , und auch von den damals jüngsten : Liliencron , Henckell , Hart . Daneben Prosadichtungen , wie Tolstois Krieg und Frieden , wie Zolas Germinal . Als Wandschmuck Sternkarten und Photographien berühmter Gemälde lebender Künstler : Gabriel Max , Böcklin , Klinger , Piglheim , Wereschagin . Auch einige Porträts : Darwin , Ibsen , Richard Wagner . Rudolf hatte sein Arbeitszimmer in der Absicht aufgesucht , ein Programm für seine Kandidatur aufzusetzen . Da er sich auf keine der bestehenden Parteien einschwören wollte , so mußte er darauf verzichten , sich einfach einer der Gruppen des Großgrundbesitzes anzuschließen ; er beabsichtigte , sich in Wien wählen zu lassen , auf Grund seiner eigenen politischen Ideale . Darüber wollte er nun ein Programm entwerfen . Noch kein definitives für Druck und Verteilung bestimmtes , sondern zunächst für sich selber . Mit sich mußte er erst einig werden , in welche Form die ihm vorschwebenden Ziele einzukleiden seien . Ein tüchtiges , ernstes Stück Arbeit