schwieg . » Das ist eine Bejahung ! « rief Hildegard . » Meinetwegen , aber - konnte ich denn ahnen - « sie brach wieder in Thränen aus ; dann trocknete sie sich die Augen . » Sehen Sie , ich soupiere jeden Abend mit meinem Bräutigam . Mein Gott , andere Freuden hat unsereins keine . Man geht einmal in den Wintergarten , ins Apollotheater u.s.w. Da giebt man Geld aus . Nach Hause zurückgekehrt , ist man nicht mehr so ganz nüchtern , auch hat man keine Lust , in der Nacht alle Pfennige nachzurechnen . Im großen Ganzen wußte ich ja , wie viel ich monatlich verausgabte . Aber bei den täglichen Auslagen - Ich spürte wohl oftmals das Fehlen einer kleinen Summe . Aber ich dachte immer , ich hätte das Geld verloren , oder aber mein Bräutigam hätte vielleicht einige Silbermünzen aus meiner Börse genommen . Auf diese Idee konnte ich doch nicht kommen . Abends legte ich die Börse immer neben Schlüssel und Taschenuhr . Ich schlafe sehr fest , wenn ich einmal eingeschlafen bin . Diese Nacht wachte ich wegen meiner Kopfschmerzen , sonst hätte ich Sie wohl kaum sprechen hören . « » Und Sie wollen also die Gaunerin frei laufen lassen ? « » Gewiß , ich habe mit der Polizei nicht gerne zu thun . « Sie sprachen noch eine zeitlang miteinander . Hildegard erzählte die Einzelheiten ihrer beiden nächtlichen Wahrnehmungen , dann gingen beide auf ihr Zimmer . Von Schlafen war keine Rede . Jede gab sich ihren besonderen Gedanken hin . Könnt ich doch fort aus diesem entsetzlichen Hause , dachte Hildegard . Wer weiß , was ich hier noch erlebe ! 9 Am nächsten Tage verließ sie später als gewöhnlich ihre Wohnung . Sie ging nach dem Tiergarten und setzte sich dort auf eine Bank . Die Ereignisse der Nacht traten lebhaft vor sie hin . Und da wollten die Frauen die Verwaltung ihres Vermögens , und desjenigen ihrer Kinder selbst übernehmen ? Bei dieser Unkenntnis der einfachsten wirtschaftlichen Dinge ? Bei diesem spielenden Leichtsinn , womit sie die Geldfrage behandelten ! Bei dieser gewissenlosen Gleichgültigkeit , mit der sie die Schädigung ihres Besitzes hinnahmen . Hildegard fühlte sich nach den Erfahrungen dieser Nacht noch gedemütigter als gestern . Der Kopf schmerzte ihr von all dem Denken und Grübeln , von all der inneren Schau , die sich vor ihr aufthat . Sie hatte keine Lust , heute in der Pomona zu essen . Im Vorbeigehen kaufte sie sich bei einer Obsthändlerin einige Äpfel und verspeiste sie . Dann begab sie sich nach ihrer Wohnung . Fräulein Schulze hatte ihr einen Zettel hinterlassen , sie würde heute Abend eine Aufwärterin mitbringen ; bis dahin möchte Hildegard Geduld haben . Dieser war es ganz gleichgültig , ob das Zimmer aufgeräumt wurde oder nicht . Ihre Gedanken schweiften anderswohin . Heute Abend konnte Einhart ihren Brief haben . Wenn er ihr doch telegraphisch das Geld schicken würde ! - Der Hunger begann sie zu quälen . Aber ihre letzten zwanzig Pfennig wagte sie nicht auszugeben , und so hungerte sie . Abends erschien eine ältere Person und räumte auf . Fräulein Schulze ließ die Betten wieder umwechseln . Nun aber zum letzten Mal , meinte sie . Hildegard schlief die ganze Nacht nicht . Sie wagte das Fenster nicht zu öffnen , aus Furcht vor den langen Leitern im Hofe und der entlassenen Magd . Bei geschlossenem Fenster war aber dieser luftlose Raum unerträglich . Am andern Morgen stand sie zeitig auf . Obzwar sie sich vernünftiger Weise sagen mußte , daß heute unmöglich schon eine Antwort da sein konnte , wartete sie doch fieberhaft auf das Erscheinen des Postboten . Er kam nicht . Hildegard trieb sich den ganzen Tag im Freien umher . Einen Augenblick lang hatte sie den Gedanken , Frau von Werdern um ein Darlehen zu bitten , aber dann verwarf sie ihn wieder . Morgen , morgen würde sicher Geld von ihrem Manne kommen . Sie kannte ja seine Güte . Im Unglück verließ er sie nicht . - 10 Abends war sie eine der Ersten , die im Saale der tagenden Frauen erschien . Eine Reihe von Stühlen stand auf dem Podium . Der Tisch war von Manuskripten und Büchern bedeckt . Gegen acht Uhr fanden sich einige Damen ein , denen im letzten Augenblick vor dem angesetzten Beginn der große Strom derer folgte , die Interesse für ihre » Sache « hatten . Hildegard spähte nach Bekannten , konnte aber die einzelnen Köpfe in dem großen Gewühl des nicht sehr glänzend beleuchteten Saals schwer erkennen . Die erste Bekannte , die sie entdeckte war Frau von Werdern , die in einem langen schwarzen Seidenkleide das Podium bestieg . Ihr folgten einige Damen , die Hildegard fremd waren . Während sie nach vorn blickte , legte sich eine Hand auf ihre Schulter . » Gnädige Frau , hier ein Programm . « Fräulein Frett in ihrer blonden Länge stand neben Hildegard und reichte ihr ein bedrucktes Blatt . » Ich werde heute Abend als Laufbursche verwendet , wie Sie sehen , aber was thut man nicht aus Liebe zur Sache ! « Sie verschwand Programme austeilend im Gedränge . Hildegard überflog den Zettel . Fünf Frauen und drei Fräulein sollten sprechen . Jetzt war es acht Uhr . Bis zehn Uhr sollten die Vorträge beendet sein . Da ertönte das Klingelzeichen der Vorsitzenden und gleichzeitig begann Frau von Werdern sich leicht verneigend : » Meine verehrten Gesinnungsgenossinnen ! ich habe das Vergnügen , Sie hier zu begrüßen , und zwar eine zahlreiche Menge von Ihnen . Alle die hier versammelt sind , sind - gehören - zählen , ich meine bilden unsere Freunde . Nichtwahr ? Wir alle wissen , daß unsere Lage ernst ist , daß kein Monat , ja was sage ich , keine Woche , kein Tag verstreichen sollte , ohne daß wir , daß wir - daß wir