schritt er schwerfällig durch den Hof , über die Straße und hinaus auf die Trockenwiese . Dort stand er jetzt still , sah sich um und holte tief Atem , dann ging er langsam weiter über das Feld , querdurch , wie ihn seine unsicheren Füße trugen , und so kam er zu dem Feldrain , auf dem er damals ausrastete , als er heimkehrte . - Schier auf demselben Platz setzte er sich nieder , er hatte ja damals hier Frieden gefunden . Damals . Der Menschenlärm , der Schreck über den Sturz der kleinen Hanne , das Herzleid und die Körperschwäche , die ihn angefallen hatten , alles war hier zurückgewichen , und er saß damals still da mit der Lene , mit demselben Kinde , das heute sein Weib war - und dasselbe Geschöpf hatte ihn auch diesmal hierhergetrieben , heute saß er aber allein , verlassen , von ihr beschimpft mit dem schlimmsten Schmähwort , das es für ihn gab . Von jetzt ab erst war er ein Krüppel , er wußte , daß seinem Weibe vor ihm grauste und daß ihn die Leute verlachten , weil er den Mut gehabt hatte , das schönste Mädchen zu heiraten , er , der Einarmige , der Dreiviertelmann . - Ach ! - die Schmerzen , die Schmerzen ! Er litt alles wieder durch , was er auf dem Schlachtfelde und im Spital ertragen hatte , und der Armstumpf zuckte und zitterte an seinem Leibe . - Da plötzlich spürte er seine verlorene Hand wieder ; als er mit der lebendigen Hand verzweifelt an die linke Schläfe fuhr und die Faust fest andrückte , da war ihm , als ob die rechte entgegenpreßte , und als er die linke mutlos zwischen die Knie sinken ließ , da fühlte er , wie die Finger , die längst vermodert waren , sich rührten und zwischen die lebendigen schlüpften , wie die beiden Hände sich ineinanderkrallten und flehend hinaufreckten zu dem dämmergrauen , stummen , mitleidlosen Herbsthimmel . - Der Rest seines Armes bewegte sich fort und fort , alle Muskeln dehnten sich , er spürte sein begrabenes Stück Körper wirklich wieder , das Herzleid hatte es lebendig gemacht , die Seele schrie nach diesem Glied , als könnte sich dann der gequälte Mensch wehren , als müßte sie nicht hilflos erdulden , was sie schädigte für alle Zeit . Das war ein ganz anderer , der jetzt da auf dem Feldrain hockte , das war der Leopold , den man nie äußerlich sah , das war der Mensch , der jetzt sich selbst genau anschaute , als ob sein heimliches verborgenes Ich wie ein Zwillingsbruder , den er versteckte , da ihm gegenübersitzen würde . Es jammerte ihn , was sie alles gemacht haben aus dem blonden , lustigen Burschen : » Die Zeit ... und die Leut ... und das Weib ! ... « Er hatte so redlich gesorgt für sie , er liebte sie so dumm , so unsinnig , daß er sich schämte , es ihr zu sagen ; die sonderbarsten Dinge flüsterte er vor sich hin , wenn er sie umarmte , so schöne Worte , wie er sie sprach , standen ja nur in den Büchern oder sagten die Leute auf dem Theater , das durfte sie nie hören , beileibe nicht , sie hätte ihn ja doch nicht verstanden - wenn es gut gegangen wäre , höchstens gelacht . Dafür aber konnte sie nichts , das war nicht ihre Schuld . Alle können ja nicht so sein wie der , welcher ihm gegenübersitzt und mit traurigen Augen auf die fahlen Grashalme schaut . Sie ist so schön ! - Wie liebte er sie , und sie konnte es dahin bringen , daß er seinen männlichen Arm entehrte und den anderen noch im Grabe zuschanden machte dadurch , daß er ein Weib schlug - sein Weib , dieselbe Lene , die er doch bis zur Stunde noch mit allen Qualen des Gekränkten liebte . » So weit kann nur ein Weib einen Mann bringen ! « schrie er jählings , so daß die Hunde aufbellten , die noch unten in den Feldern herumtollten . Was soll nun daraus werden ? - Wie wird das Leben jetzt weitergehen ? - Was soll er ihr sagen , wenn er heimkommt ? - Der Blick , mit dem sie ihn ansah , als sie die Abscheulichkeit aussprach , brannte ihm noch auf der Stirne und in der Brust ; das war ein gehässiger Blick , so schaut jemand , der nicht in der Zornwütigkeit hinschlägt , wie er es getan hat . » Die kann nicht vergessen und verzeihen « , stöhnte der Mann . Dieweil war geräuschlos ein großer Hund herangezottelt , legte sich auf ein paar Schritte entfernt nieder , streckte alle vier Pfoten von sich und kläffte , als ob er den Leopold rufen wollte . Es war ein junges Tier mit ungelenken Gliedern und einem dummen Gesicht . Langsam schob und kollerte er sich näher , sprang spielend rund um den Mann , bis er endlich mit einem plumpen Satz hinter ihm war . Jetzt richtete er sich auf , legte die Vorderpfoten auf die Schultern des Leopold , streckte den großen Schädel hervor und begann seine Ohren und Wange abzulecken . » Ah , du bist ' s , Schuftl ! Du suchst mich auf ? « Das Tier kroch hervor , machte wieder ein paar Sprünge , hielt plötzlich inne , horchte auf und stellte sich dann leise knurrend neben den Mann . » Was gibt ' s ? « Der Hund schnupperte dem Trockenplatz zu . » Paß auf , Schuftl ! « Jetzt schlug das Tier dreimal nacheinander laut an , wie immer , wenn jemand dem Trockenplatze nahe kam . » Es ist ja keine Wäsche im Freien mehr ? ! Warum er nur bellt ? « Wieder kläffte der Wachhund und winselte , als ob jemand die großen