geworden ; mein geistiger Gesichtskreis hatte sich in vielem erweitert ; ich war in den Besitz von Kenntnissen und Anschauungen gelangt , von welchen ich zur Zeit meiner Verheiratung keine Ahnung gehabt und von welchen auch Arno - das wußte ich jetzt zu beurteilen - sich keinen Begriff gemacht und so hätte er meinem jetzigen Seelenleben - wäre er auferstanden - in mancher Richtung fremd gegenüber gestanden . Wieso diese Wandlung mit mir geschehen ? Das ist so gekommen : Ein Jahr meiner Witwenschaft war verstrichen , die Verzweiflung - erste Phase - in Trauer übergegangen . Aber noch in eine sehr tiefe , herzblutende Trauer . Von einer Wiederanknüpfung geselliger Verbindungen wollte ich durchaus nichts wissen . Ich meinte , fortan müsse mein Leben nur noch mit der Erziehung meines Sohnes Rudolf ausgefüllt sein . Nie mehr nannte ich das Kind » Ruru « oder » Korporal « ; die Babyspielereien des verliebten Elternpaares waren dahin ; der Kleine war mein » Sohn Rudolf « geworden , meines ganzen Strebens , Hoffens , Liebens geheiligter Mittelpunkt . Um ihm einstens eine gute Lehrerin sein - oder doch , um seinen Studien folgen und ihm eine Geisteskameradin werden zu können , wollte ich selber so viel Wissen als möglich mir aneignen ; zudem war Lesen die einzige Zerstreuung , die ich mir erlaubte - so vertiefte ich mich denn von neuem in die Schätze unserer Schloßbibliothek . Namentlich drängte es mich , mein einstiges Lieblingsstudium - die Geschichte - wieder aufzunehmen . In der letzten Zeit , als der Krieg von meinen Zeitgenossen und von mir selber so schwere Opfer gefordert hatte , war mein früherer Enthusiasmus stark abgekühlt worden und ich wünschte denselben durch entsprechende Lektüre wieder anzufachen . Und in der That , es gewährte mir manchmal einen gewissen Trost , wenn ich ein paar Seiten Schlachtenberichte mit den daran geknüpften Heldenverherrlichungen gelesen , zu denken , daß der Tod meines armen Mannes und mein eigenes Witwenleid als Parzellen in einem ähnlichen großen geschichtlichen Vorgang enthalten waren . Ich sage » manchmal « - nicht immer . So ganz und gar konnte ich mich doch nicht mehr in jene Stimmungen meiner Mädchenzeit zurückversetzen , wo ich es der Jungfrau von Orleans hätte gleich thun mögen . Vieles , vieles in den gelesenen überschwänglichen Ruhmestiraden , welche die Schlachtenberichte begleiteten , klang mir falsch und hohl , wenn ich mir zugleich die Schrecken der Schlacht vergegenwärtigte - so falsch und hohl , wie eine als Preis für eine echte Perle erhaltene Blechmünze . Die Perle Leben - ist die wohl ehrlich bezahlt , mit den Blechphrasen der geschichtlichen Nachrufe ? ... Bald hatte ich den Vorrat der in unserer Bücherei vorhandenen historischen Werke erschöpft . Ich bat unseren Buchhändler , er möge mir ein neues Geschichtswerk zur Ansicht schicken . Er schickte Thomas Buckles » History of Civilization « . » Das Werk ist nicht vollendet , « schrieb der Buchhändler , » aber die beifolgenden zwei , als Einleitung dienenden Bände bilden an und für sich ein abgeschlossenes Ganzes und ihr Erscheinen hat sowohl in England , als in der übrigen gebildeten Welt großes Aufsehen erregt ; der Verfasser , so sagt man , habe damit den Grundstein zu einer neuen Auffassung der Geschichte gelegt . « In der That ja : - ganz neu . Mir war , nachdem ich diese zwei Bände gelesen und wieder gelesen , wie Jemandem zu Mute , der zeitlebens in einem engen Thalkessel gewohnt und zum erstenmale auf eine der umgebenden Bergspitzen hinaufgeführt worden , von wo ein ausgestrecktes Stück Land zu sehen ist , mit Bauten und Gärten bedeckt , von endlosem Meere begrenzt . Ich will nicht behaupten , daß ich - die Zwanzigjährige , welcher die bekannte oberflächliche höhere Töchtererziehung zu teil geworden - das Buch in seiner ganzen Tragweite verstand , oder - um obiges Bild beizubehalten - daß ich die Erhabenheit der Monumentalbauten und die Größe des Ozeans erfaßte , die vor meinen überraschten Blicken lagen ; aber ich war geblendet , war überwältigt ; ich sah , daß es jenseits meines engen Heimatthales eine weite , weite Welt gab , von der ich bisher niemals Kunde erhalten . Erst , als ich das Buch nach fünfzehn oder zwanzig Jahren wieder las , und nachdem ich andere im selben Geist verfaßte Werke studiert hatte , konnte ich mir vielleicht anmaßen , zu sagen , daß ich es verstehe . Doch eins wurde mir auch schon damals klar : die Geschichte der Menschheit wird nicht - wie dies die alte Auffassung war - durch die Könige und Staatsmänner , durch die Kriege und Traktate bestimmt , welche der Ehrgeiz der einen und die Schlauheit der anderen ins Leben rufen , sondern durch die allmähliche Entwicklung der Intelligenz . Die Hof- und Schlachtenchroniken , welche in den Historienbüchern an einander gereiht sind , stellen einzelne Erscheinungen der jeweiligen Kulturzustände vor , nicht aber deren bewegende Ursachen . Von der althergebrachten Bewunderung , mit welcher andere Geschichtsschreiber die Lebensläufe gewaltiger Eroberer und Länderverwüster zu erzählen pflegen , konnte ich in Buckle gar nichts finden . Im Gegenteil , er führt den Nachweis , daß das Ansehen des Kriegerstandes im umgekehrten Verhältnis zu der Kulturhöhe eines Volkes steht : - je tiefer in der barbarischen Vergangenheit zurück , desto häufiger die gegenseitige Bekriegung und desto enger die Grenzen des Friedens : Provinz gegen Provinz , Stadt gegen Stadt , Familie gegen Familie . Er betont , daß im Fortschritt der Gesellschaft , mehr noch als der Krieg selber , die Liebe zum Kriege im Schwinden begriffen sei . Das war mir aus der Seele gesprochen . Sogar in meinem kurzen Innenleben war diese Verminderung vor sich gegangen ; und wenn ich oft diese Regung als etwas Feiges , Unwürdiges unterdrückt hatte , glaubend , daß ich allein mich solchen Frevels schuldig mache , so erkannte ich jetzt , daß dies bei mir nur der schwache Widerhall des Zeitgeistes war ;