schweigen - spielt in der Welt eine bessere Figur , als der Künstler , der Federheld , der Musikus . Und gar erst beim Weibe ! Beim Weibe ? Ja gewiß giebt es weiblicher Wesen genug , die für das Romantische schwärmen , die sich von der Verehrung eines Musensohnes geblendet und geschmeichelt fühlen - aber das Praktische siegt im letzten Augenblick ja doch auch hier . Und wäre es auch nicht so , den Künstler zwingt ja nun einmal sein Kultus schöner Sinnlichkeit , das sinnlich Schöne zu begehren - selbst wenn es sich in Gestalt einer Dirne darstellt . Und hier fühlte er sich durch ein räthselhaft Zwingendes dämonisch an dies Mädchen geleitet , das nicht nur seine Sinne , sondern auch sein Herz bis zum letzten Blutstropfen erglühen ließ . Jetzt war diese Rose also verwelkt und gebrochen , der Wurm hatte sich in sie hineingebohrt . Alles war aus . Eine tiefe Verzweiflung über die Nichtigkeit all seines Strebens und Lebens verdunkelte ihm die klare Vernunft . Sein Groll mußte sich in schmähenden groben Worten Luft machen . Und so ließ er sich denn dazu fortreißen , in einem Café Feder und Tinte fordernd , folgenden Brief nach der Gerichtsstraße zu richten - denn sie wohnte in der That dort , wie er erfuhr ; er hatte nur nicht den Namen der Wirthin , Frau Lämmers , gewußt . » Liebe Kathi ! Mit Vergnügen habe ich erfahren , daß Sie eine ganz gemeine Dirne geworden sind . Nun kann ich ja machen , was ich will . Ich ersuche Sie aber , mir unverzüglich meine Briefe zurückzustellen , deren ich mich natürlich schäme ; sonst werde ich mich an Ihren Aushälter halten müssen . Wenn Sie übrigens mal zwanzig Mark brauchen - die will ich schon für Sie daran wenden . « Aber als er nach Hause in sein einsames Atelier zurückgekehrt war , empfand er tief die Würdelosigkeit dieses Benehmens und sandte einge kurze Zeilen , in edelem Ton gehalten . Sie schlossen : » Es rächt sich Alles auf Erden . « Er war wie wahnsinnig . Indem seine Phantasie sich geil und lüstern ausmalte , wie das prächtige Weib sich von jenem höheren Stallknecht ihre intimsten Bedürfnisse besorgen lasse , ergriff ihn selbst eine verzehrende Begier . Nachdem er in schlafloser Nacht seine gramvolle Leidenschaft hin- und hergewälzt , machte er sich am andern Morgen auf . Theils seine Leidenschaft theils seine Eitelkeit , die einen Eklat fürchtete , trieben ihn an , sie nicht loszulassen , sondern auf ihrer Spur zu bleiben . Diesmal benutzte er die Pferdebahn von der Weidendammer Brücke aus . Welch ein endloser Weg , die Chausseestraße und die endlose Müllerstraße entlang ! Aber er fand richtig das Haus , und als er drei Treppen rechts im Vordergebäude klingelte - ihm zitterten die Kniee vor Erwartung , als er die schmutzig steile Treppe hinanstieg - öffnete ihm diesmal eine anständig aussehende Frau und bat ihn einzutreten , als er nach Fräulein Kreutzner fragte . Die Dame sei ausgegangen , um eine Stelle zu suchen . » Sind Sie nicht der Herr Agent , den sie erwartete ? « Rother brummte etwas Ausweichendes vor sich hin und bat um Schreibzeug . Dann hinterließ er Kathi einen Brief , er werde um fünf Uhr bei ihr vorsprechen . Er beschwöre sie , auf ihn zu hören . Ihr Schicksal liege in ihrer Hand ; dies sei sein letztes Wort . Er fuhr direkt in das Café Bammer zurück und schlürfte mit unbefangenster Miene seinen Eierpunsch , während er aufmerksam horchte . Es erschien nämlich nunmehr eine Gestalt auf der Bildfläche , die von besonderer Wichtigkeit für den Fall sein konnte . Herr Wursteler , ein stets elegant gekleideter , schwarzhaariger und wohlaussehender Dreißiger , wohnte bei seinem Freunde Bammer . Beide waren Spießgesellen aus frühen Jugendtagen und hatten von einander Mancherlei zu verschweigen . Wursteler fröhnte einem kavaliermäßigen Müssiggang , obschon er sich unter dem vieldeutigen Namen » Agent « herumtrieb . Er besaß eine Gattin , welche ziemlich häßlich , aber anständig aussah und , wegen eines kleinen Batzen Geldes von dem flotten Schwerenöther geehelicht , nun an chronischer Eifersucht leiden mußte . Hinter Kathi war er immer anbetend hergeschlichen , wie Bammer einmal Rother lachend erzählte , und pflegte ihr zärtlich Morgens aufzulauern , wenn sie aus ihrer Stube ins Lokal hinunterkam , wofür er » a sakrische Watschen « schon mehrmals geerntet hatte . - Nun ergab sich aber , daß jene neue Wirthin Kathis durch Wurstelers dieser empfohlen war und daß Wurstelers , wie jetzt herauskam und gestanden wurde , auf Kathis Kosten mit dieser die erste Nacht im Grand Hotel zugebracht hatten , ehe sie zu der Wirthin Frau Lämmers , die ihre Wohnung in der Gerichtsstraße eben erst gemiethet hatte , einzog . Ueber alles Weitere fehlte hingegen auch Wurstelers jede Nachricht ; sie brach hier ab . Auch tauchte jetzt die schwarze Emmy hinterm Buffettisch auf , wo einst Kathi gethront , ihre holde Rivalin . Man sagte ihr nach , daß sie Herrn Bammers stille Schäferstündchen theile und ihr Kammer-Riegel für ihn nicht schließe . Es war , wie sie Rother einmal geklagt hatte , die bekannte Verleumdung der Welt . Sie begrüßte ihn nunmehr mit einem vielsagenden meckernden Kichern - sie lachte immer gezwungen , wie mit dem Magen - , was Rother jedoch absichtlich nicht verstand . Er that natürlich , als ob ihn das sehr lebhafte Gespräch über Kathis Schandthaten nichts angehe . Betreffs des Getroffenwerdens in der Reichensbergerstraße hatte sie nämlich behauptet , in einem scharfen Brief an die Wurstelers , daß sie einfach ihre Wirthin , die ihre Schwester zum Görlitzer Bahnhof brachte , begleitet habe . » Die Sache ist auch noch nicht aufgeklärt , « bemerkte Wursteler mit Emphase , » dahinter steckt auch noch etwas . Sie hat da irgend ein Verhältniß . « » Ja , « fiel Frau Wursteler ein ,